Porträt

FDP-Direktkandidat Peter Jess

Peter Jess ist der Direktkandidat für die FDP im Wahlkreis Leipzig-Süd. Das Handwerk sei seine Herzensangelegenheit. Im Gespräch verrät er, was seine Strategie ist, das Handwerk wieder attraktiv zu machen.
Peter Jess
Peter Jess kandidiert für den Wahlkreis I.

Einige Leipziger:innen kennen ihn als "Den Mann mit dem Hut". So sieht man ihn auf zahlreichen Wahlplakaten im Süden von Leipzig, oft in der typischen Zunftkleidung der Zimmererleute. Der Mann mit dem Hut ist Peter Jess, 41 Jahre alt und 1980 in Eilenburg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Großpösna und Gohlis. 2001 schloss er seine Lehre als Zimmermann ab. Über diese Zeit sagt er, dass er das "Sterben das Handwerks" in Leipzig selbst miterlebt habe.

Wir haben mit einer viel größeren Klasse damals in der Lehre angefangen und am Ende der Lehre war vielleicht nur noch die Hälfte da, weil es die Firma nicht mehr gab.

Peter Jess

Das war auch der Grund, dass er nach der Lehre erst einmal Leipzig verließ und in den Süden von Deutschland nach Baden Württemberg gegangen ist. 2014 kehrte er zurück, schloss seine Meisterlehre ab und arbeitet seit dem als Zimmermeister in Leipzig. Vor vier Jahren trat er in die FDP ein und ließ sich 2019 auf die Liste für die Stadtratswahl setzen. Für einen Sitz reichte es allerdings nicht. Er tritt nach eigener Aussage zur Bundestagswahl an, um das Handwerk und den Mittelstand zu repräsentieren.

Das Handwerk im Fokus

Peter Jess arbeitet dafür, dass das Handwerk wieder attraktiver wird, denn seit Jahren geht die Zahl an Auszubildenden zurück. Als Jess im Jahr 2000 zur Lehre ging, sind in Leipzig noch über 9300 Azubis in verschiedenen Betrieben ausgebildet worden, neunzehn Jahre später ist die Zahl fast um zwei Drittel gesunken, auf gut 3400.
Um dieser Entwicklung Entgegenzuwirken muss seiner Meinung nach einiges geschehen.

Zuerst müssten da die Berufsschulen selbst ausgebaut werden. Jess berichtet von Auszubildenden deren Berufsschulen in anderen Städten als die Betriebe seien. Das sei natürlich ein Problem. Aber auch der ÖPNV von Leipzig müsse deutlich besser funktionieren und vor allem an den Randgebieten ausgebaut werden, denn die meisten Betriebe Lägen nach Jess außerhalb von Leipzig und da gäbe es für junge Auszubildende kaum eine Chance, die vernünftig und zu erreichen.

Ich habe es ja selbst gemerkt, ich wollte mit der Bahn raus fahren auf den Arbeitsbetrieb und habe über eine Stunde länger gebraucht, als wenn ich mit dem Auto fahre.

Peter Jess

Er beklagt auch, dass die Arbeit auf dem Bau ein zu geringes Ansehen in der Bevölkerung genieße. Den Leuten sei gar nicht bewusst, dass sie auch mit einem Hauptschulabschluss dort gut Karriere machen könnten., deswegen möchte er bereits in der Schule für das Handwerk und speziell die Arbeit auf dem Bau werben. Da könne es zum Beispiel Praktika ab der 8. oder 9. Klasse geben. Aber auch der Meistertitel verdient seiner Meinung nach zu wenig Anerkennung, der soll dem universitären Masterabschluss gleichgesetzt werden. Der wichtigste Schritt für die Aufwertung des Handwerks ist für ihn aber der flexible Eintritt in die Rente. Bis jetzt Arbeiten viele Menschen im Handwerk und auf der Baustelle bis zum Alter von 67. Das schrecke nach Jess viele Jugendliche ab, diesen Beruf selber zu ergreifen. Ihm ist es wichtig, dass man im Alter von 60 in die Rente gehen könne. Wer aber trotzdem nebenbei weiter arbeiten möchte, dem soll das auch ohne größere Probleme möglich gemacht werden.

Einen Mindestlohn für Auszubildende sieht Peter Jess kritisch. Zwar könne der das Handwerk für viele Auszubildende attraktiver machen, allerdings mahnt er an, dass diese Zusatzkosten für viele Betriebe schwierig zu stemmen seien.

Staatsausgaben, Steuern und der "Trickle-Down-Effekt"

Jess plädiert für weiträumige Verminderungen der Staatsausgaben. Das soll dadurch erreicht werden, dass in erster Linie versucht wird, Bürokratie abzubauen. Das bedeutet konkret, Behörden zu verkleinern, aufzulösen und zu digitalisieren, denn dadurch könne man, so Jess, das ganze System verschlanken. Hierbei bleibt er jedoch vage, welche Behörden genau gemeint seien. Besonders kritisch steht er der Steuerverschwendung gegenüber. Der Berliner Flughafen ist für ihn das Paradebeispiel. Die Kosten dafür erhöhen sich seit Jahren und seiner Meinung wäre das nicht passiert, wenn der Flughafen privat gebaut und geplant worden wäre.
Und dann muss derjenige, der das baut, auch dann überlegen: Wie finanziere ich das? Und spart viel besser ein, als wenn auf dem berliner Flughafen irgendwelch Politiker dort mit rum springen und dort sagen: Ey, die Lüftungsanlage auf dem Dach sieht mir nicht schön aus, die soll unten sein und so viele rein reden und dann wirklich ein Millionenloch da entsteht. Und das ist für mich wirklich Steuerverschwendung.
 
Peter Jess

 

Er plädiert auch für eine Reduzierung der Sozialkosten des Staates, sowie der Sozialabgaben der Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig fordert er eine großflächige Reduzierung der Steuern in allen Einkommensklassen. Steuererhöhungen lehnt er ab. Nach Berechnungen des Leibnizzentrums für Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) werden zwar alle Einkommensklassen entlastet, am meisten jedoch die Einkommen zwischen 150.000 -200.000 Euro brutto jährlich und diese um 9,7 %. Diese Steuersenkungen führen nach Berechnungen des ZEW zu einem Defizit im Staatshaushalt von -87,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig soll noch viel investiert werden. Ganz vorne steht da die Digitalisierung aber auch in Bildung, Infrastruktur und Zukunftstechnologien sollen Gelder fließen. Gleichzeitig soll die schwarze Null Gehalten und die Coronaschulden möglichst abgebaut werden. Da stellt sich natürlich die Frage der Finanzierung. Für Jess stellen da gerade die geplanten Steuersenkungen eine große Chance dar.

Wenn man mehr Geld im Geldbeutel hat, kann man auch mehr ausgeben. Aus persönlicher Erfahrung: Ein Herr baut sein Haus um, steckt dort ordentlich viel Geld rein und das ist dann eine Kette. Wenn er mehr für sich möglich hat und das in den Markt investiert, schafft er damit neue Arbeitsplätze, die kriegen ihr Gehalt und damit können dann auch mehr wieder sich was leisten. Dann sind zwar weniger Steuern aber durch Freiheiten des Bürgers zum Ausgeben kann man dort wieder die Steuern rein holen.

Peter Jess

Diese Überlegung erinnert an den sogenannten "Trickle-Down-Effekt" (trickle down = "nach unten durchsickern"). Der Effekt beschreibt eine Wirtschaftstheorie, die große Popularität in den 90er-Jahren unter der Reagan Administration in den USA genoss. Kurz gesagt geht sie davon aus, wenn die Spitzenverdienenden einer Gesellschaft stark entlastet werden, helfe das der gesamten Volkswirtschaft. Denn diese Personen können dann, wie von Jess erwähnt, dadurch das sie sich was leisten können und infolge dessen konsumieren auch Arbeitsplätze schaffen. So sickere dann der Wohlstand auch bis in die einkommensschwächeren Schichten. Dazu sei an dieser Stelle noch einmal wiederholt, dass die FDP nach Berechnungen des ZEW aber alle Steuerklassen entlastet, dabei jedoch die höheren Einkommen deutlich stärker.

Es gibt eindeutige Kritik an diesem Effekt. So erklärte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Paul Krugman 2008 in Hinsicht auf den Effekt während der Reagan Administration, "Wir warten auf diesen "Trickle-Down-Effekt" nun seit 30 Jahren - vergeblich". Eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2015 fand heraus, wenn der Einkommensanteil der Reichsten 20 % steigt, als Folge dessen das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts jedoch mittelfristig abnimmt. Das deute darauf hin, dass wohl doch eher wenig Gewinne tatsächlich "durchsickern".

Doch ohne das Handwerk gehe gar nichts

Sollte Peter Jess in den Bundestag gewählt werden, ist ihm klar, dass dem Handwerk viel mehr Aufmerksamkeit gebühre. Deswegen möchte er darauf auch den Fokus seiner Politik setzen.
Ich bin Handwerker, ich bin Zimmermeister und ich bin der Meinung, dass die Handwerker im Bundestag nicht ordentlich vertreten werden. Und ich möchte mich für die Handwerker einsetzen, denn ohne uns geht auch der Klimawandel nicht.
 
Peter Jess

Das Porträt zum Nachhören:

FDP Direktkandidat Peter Jess im Porträt
FDP Direktkandidat Peter Jess im Porträt

 

Das gesamte Interview zum Nachhören:

Redakteur Tristan Kühn im Interview mit Peter Jess
Redakteur Tristan Kühn im Interview mit Peter Jess

 

 

 

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