Frisch Gepresst: B-Sides

Et kütt wie et kütt

Der April ist zwar schon längst vorbei, dennoch sind der Musikredaktion einige Alben aufgefallen, die man unbedingt gehört haben sollte.
B-Sides April 2020
Unsere B-Sides aus dem April 2020

NNAMDÏ – Brat

Album-VÖ: 03.04.2020

Die ersten Momente auf dem Opener „Flowers To My Demons“ sind hochgradig fesselnd: schnelle, verspielte Akkorde der Akustikgitarre, dann setzt die autotuneverzerrte Kopfstimme der Multi-Instrumentalist aus Chicago ein. Der Song schaukelt sich hoch, die Drums wildern herum, Streicher und Bläser setzen ein; nur damit der Song auf dem Höhepunkt stoppt und in den Banger des Albums, „Gimme Gimme“ übergeht.

Es dauert also nicht einmal drei Minuten und schon ist klar, was die größte Stärke des Albums ist: die Unberechenbarkeit des Nnamdï Ogbonnaya. Sei es die Stimmlage, die Instrumente, das Genre: NNAMDI gelingt es, auf der Platte viel unterzubringen, ohne die Gesamtästhetik aus den Augen zu verlieren. Denn egal ob Pop („Bullseye“), langsamer R&B („Wasted“), Math-Rock („Perfect In My Mind“) oder Hip-Hop („Gimme Gimme“) - alles vereint sich in der Klangfarbe und der Tatsache, dass NNAMDÏ jedes Instrumental gnadenlos gut bespielt. Rappend, singend oder schreiend hält er das Album zusammen, auch weil er mit ständigen Energiewechseln die Neugier aufrechterhält. So etwa im episch-düsteren „Semantics“ oder im hypnotischen „Glass Casket“. Dass dabei nicht jeder Song zündet, liegt schon fast nahe. Dennoch: langweilig ist „Brat“ keineswegs.

Scott Heinrichs

Empress Of - I’m Your Empress Of

Album-VÖ: 03.04.2020

„I’m Your Empress Of“, das dritte Album von Lorely Rodriguez aka Empress Of ist ein persönliches – auf allen Ebenen. Über Trauer, Neid bis hin zur Reue verarbeitet die Pop-Künstlerin eine Trennung. Außerdem taucht ihre aus Honduras stammende Mutter immer wieder auf der Platte auf. Sie erzählt von ihrer Immigration in die USA, und davon, was es bedeutet, eine Frau und Mutter zu sein.

It was not easy, no I speak English
It was not easy, has to learn it
But I did, I got it

Song: „I’m Your Empress Of“ 

Trotz des Inhalts ist „I’m Your Empress Of“ kein deprimierendes Album. Im Gegenteil: Das Gesamtbild der Platte ist sogar ziemlich dynamisch. Trotzdem gibt es auch Stellen, an denen es nur schleppend vorangeht. Musikalisch weniger spannende Momente („Should’ve“, „Hold Me Like Water“), werden jedoch schnell wieder abgelöst von mitreißenden Pophymnen („Bit Of Rain“, „Love Is A Drug“) und Tracks mit Strandbarhit-Potential („Maybe This Time“, „Give Me Another Chance“). Jeder einzelne Song steht an genau der richtigen Stelle und so entsteht ein fesselndes, beinahe elegantes Album, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Lina Kordes

Chris Keys & Quelle Chris - Innocent Country 2

Album-VÖ: 24.04.2020

Die Rolle des Rappers Quelle Chris ist verblüffend: In Detroit gilt er als Heilsbringer, außerhalb der Stadt ist er nahezu unbekannt. Das änderte sich zwar ein wenig durch das Release seiner letzten LP „Guns“ (2019), heiß erwartet wurde sein neues Album mit Produzent Chris Keys deswegen aber trotzdem nicht.

Und das ist ziemlich schade, denn „Innocent Country 2“ überzeugt auf ganzer Linie. Die Instrumentals sind jazzig, smooth und (im Gegensatz zu vielen früheren Projekten von Quelle Chris) ziemliche Ohrwürmer. Zudem harmonieren sind perfekt mit der tiefen, aber dennoch subtilen Stimme Quelle Chris‘.

Inhaltlich bleibt der Rapper aus Detroit dabei politisch wie eh und je. Rassismus und Diskriminierung sind vorrangige Themen auf der Platte. Statt sich aber den oft weißen Tätern zu widmen, wählt das Album einen anderen Ansatz: Positive, bestärkende Lyrics über die eigene Stärke und Schönheit. Nicht selten wird das verbunden mit Spiritualität und Glauben, so etwa im gesprochenen Outro des Rappers Big Sen auf dem 7-Minuten-Epos „Mirage“. An einigen Stellen erinnert die Platte daher – Vorsicht, großer Vergleich - in ihrer Attitüde an „To Pimp A Butterfly“. Ob genauso gut oder nicht - spätestens nach „Innocent Country 2“ ist Quelle Chris größere Aufmerksamkeit zu wünschen.

Scott Heinrichs

Do Nothing - Zero Dollar Bill

EP-VÖ: 10.04.2020

Im britischen Post-Punk leuchten nach wie vor einige vielversprechende Fackeln. Do Nothing gehören dazu, schließlich finden sie einen sanfteren, aber nicht weniger eindringlichen Zugang zum Genre. Die Band aus Nottingham ist relativ jung, punktet aber mit einem bereits gefestigten Sound. Ihre erste EP „Zero Dollar Bill“ beruht auf ihrem minimalistischen Handwerk, versteht es aber trotzdem zu überraschen: Robuste Grundlage der fünf Songs sind Schlagzeug, Bass und Gitarre. Melodieverläufe mit Feinschliff und Sänger Chris Baileys rotziger, aber trotzdem warmer Sprechgesang verhelfen ihnen dann aber zu einer Eleganz, die man vom sonst eher wuchtigen Post-Punk nicht gewohnt ist.

Ebenso einfallsreich sind die Engländer mit den Inhalten ihrer Songs: Die eine Nacht, in der Gitarrist Kasper Sandstrom im Krankenhaus landete, weil er mit Fentanyl gestreckte Stoffe konsumierte („Contraband“) wird genauso thematisiert wie großflächig angelegte Geldschneiderei à la Fyre Festival („LeBron James“) oder das Vermissen des großen Bruders („Fits“). Egal worum es am Ende gehen soll, Do Nothing schauen über den Tellerrand und finden dadurch allerhand Schätze.

Ariane Seidl

Lugatti & 9ine - TEMPO

EP-VÖ: 20.04.2020

Wer in den letzten Monaten aufmerksam die deutsche Rapszene beobachtet hat, der wird sowohl das Kölner Rapduo Lugatti & 9ine als auch Produzent Funkvater Frank auf dem Schirm haben. Lugatti & 9ine haben sich in den letzten Jahren einen kleinen, aber treuen Fankreis aufgebaut; Funkvater Frank hat sich zusammen mit OG Keemo den Status als Kritikerliebling erarbeitet. Nun haben sich der Mannheimer Beatmaker und die zwei Rapper für die EP „Tempo“ zusammengetan – und die ist richtig gut.

„Tempo“ ist nicht nur der Titel der EP, sondern beschreibt die Maxime des gesamten Projekts. Die neun Titel sind gerade einmal 14 Minuten lang, die Songs kaum länger als zwei Minuten. Und das ist gut, denn so bleibt das Projekt unfassbar dynamisch. Funkvater Frank steuert hauptsächlich schnelle Beats bei - mal mit drückenden Bässen („Lungenriss“), mal mit absurden 80er-Referenzen („Knollen (Euro Mix)“) - auf denen die beiden Rapper staccatoartig ihren Realtalk betreiben. Dass das Projekt so gut funktioniert, hat nämlich auch mit dem Inhalt zu tun: Lugatti & 9ine erzählen eine kohärente und authentische Geschichte übers Ticken anhand einer Autofahrt. Zwischen den sechs Songs gibt es außerdem drei kleine Skits, die – Achtung, das ist untypisch für Deutschrap – richtig unterhaltsam sind. Und auch die Punchlines teilen nicht nur aus, sondern sind gleichzeitig amüsant:

Du bist ohne Spaß der größte Lappen, den ich kenne
Bitte, sei so nett und lauf nicht rum mit unser'm Merch

Lugatti & 9ine in "Nicht gefragt"

Scott Heinrichs

 

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Scott Heinrichs, Ariane Seidl, Lina Kordes
15.05.2020 - 10:26
  Kultur

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NNAMDÏ

Empress Of

Chris Keys & Quelle Chris

Do Nothing

Lugatti & 9ine