Eurovision Song Contest 2020

ESC im Doppelpack

Mit Millionen von Zuschauern und rund 40 teilnehmenden Ländern ist der Eurovision Song Contest der größte Musikwettbewerb der Welt. Nach der Absage wird nun eine Reihe an Alternativprogrammen auf die Beine gestellt – doch wie werden die aussehen?
Ausgefallene Kostüme, Windmaschine und eine aufwendige Lichtershow dürfen beim ESC nicht fehlen.

1956 fand der erste ESC, damals noch „Grand Prix“ genannt, mit sieben vertretenen Ländern in der Schweiz statt. Die Idee: die europäische Zusammenarbeit zu stärken und Europa in einem nicht-politischen Format zusammenzubringen. Die Musik soll im Vordergrund stehen. Seitdem hat der Wettbewerb 64 Jahre ununterbrochen im Mai stattgefunden. Das Abstimmungsverfahren änderte sich ab und zu, aber das Konzept blieb seit langem dasselbe: ein Lied pro Land, drei Minuten und live. Doch 2020 ist alles anders. Ein Konzert mit tausenden Zuschauern? In Zeiten von Corona unvorstellbar. Dieses Jahr haben sich deswegen gleich zwei Alternativen gebildet: der „Free Eurovision Song Contest“ veranstaltet von Stefan Raab und die offizielle Ersatzshow „Eurovision: Europe Shine A Light“.

 

„Free European Song Contest“

Bereits im März, nur kurz nach der offiziellen Absage des ESCs gab Stefan Raab bekannt, einen eigenen „Free European Song Contest“ veranstalten zu wollen. Dabei sollen berühmte Künstler aus verschiedenen Nationen ihr Lied live in einem Studio in Köln präsentieren. Anschließend wird der erste Platz im traditionellen ESC-Stil ermittelt, indem die teilnehmenden Länder eins bis acht, zehn und zwölf Punkte vergeben dürfen.
 

Alte und neue Bekannte

15 Länder haben bereits zugesagt. Unter ihnen interessanterweise auch die Türkei und Kasachstan. Die Teilnahme Kasachstans überrascht, weil das Land noch nie beim ESC vertreten war. Klingt auf den ersten Blick auch vernünftig: Kasachstan ist nicht Teil Europas. Aber wer mitmachen darf, hängt weniger mit geografischen Kriterien, sondern vielmehr mit der Mitgliedschaft in der EBU (Eurovision Broadcasting Union) zusammen. So konnte Australien 2015 erstmals als assoziiertes Mitglied durch eine Ausnahmeregelung am ESC teilnehmen. Kasachstan ist zwar auch ein assoziiertes Mitglied der EBU, wurde hingegen aber noch nie eingeladen, am ESC teilzunehmen.           
Die Türkei hingegen zog sich 2013 selbst aus dem Wettbewerb zurück. Als Grund nannten sie das Abstimmungsverfahren sowie die „Big Five“-Regelung nach der Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich durch einen höheren Geldbetrag automatisch am Finale teilnehmen. Vor allen Dingen seit dem Auftritt Conchita Wursts 2014 lehnen sie eine erneute Teilnahme ab. 

Eine große Show mit charakteristischen Kostümwechseln, Funkenregen und ausgefallenem Bühnenbild wird es sicherlich nicht geben, doch die Idee eines Wettbewerbs wird beibehalten. Und die Alternativshow zeigt: trotz aller Bemühungen ist der ESC auch immer wieder von politischen Debatten gekennzeichnet. Da der „Free ESC“ jedoch nicht von offizieller Seite veranstaltet wird, müssen offizielle Regelungen auch nicht beachtet werden. Wie das neue Format konkret aussehen wird, bleibt offen.

 

„Eurovision: Europe Shine A Light“

Alles war bereit: die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, die Länder hatten ihre Songs eingereicht - der ESC konnte kommen. Doch dann kam Corona. Um den Liedern trotzdem eine Plattform zu geben, kündigte die EBU im April an, eine Ersatzsendung „Eurovision: Europe Shine A Light“ ausstrahlen zu wollen. Neben den 2020 ESC-Liedern, die jedoch nicht in voller Länge präsentiert werden, sind Auftritte ehemaliger ESC-Teilnehmenden vorgesehen. In der rund zweistündigen Live-Show wird außerdem eine gemeinsame Version des 1977 Gewinnerlieds „Love Shine A Light“ dargeboten. Das Stück von „Katrina and the Waves“ inspirierte das Motto der Ersatzshow aufgrund seiner passenden Thematik. Vor allem in der Corona-Krise sei internationale Zusammenarbeit und Solidarität wichtig.
 

Songs ja, Abstimmung nein 

Kein Auftritt, keine Abstimmung – so lautet die Devise. Die Performance sowie der Live-Auftritt sind wichtige Aspekte bei der Punktevergabe. Die EBU schließt ebenfalls aus, die Lieder einfach nächstes Jahr antreten zu lassen. Das sei nicht mit den ESC-Regeln zu vereinbaren: die teilnehmenden Songs dürften nicht vor dem 1. September des vorherigen Jahres veröffentlicht worden sein. Zudem würde ein Wiederantritt die Spannung, Spekulationen und Vorfreude auf die neuen Songs in den Monaten vor der Show trüben. Welches Lied den ESC 2020 gewonnen hätte, bleibt also für immer in den Sternen geschrieben.

Zugegeben: „Eurovision: Europe Shine A Light“ ist nicht im traditionellen ESC-Format eines Wettbewerbs ausgelegt. Dem ESC-Gedanken ist die Veranstaltung aber allemal verpflichtet. Denn bei Eurovision geht es um viel mehr als ein Gewinnerlied. Bunt, vielfältig und immer ein bisschen verrückt - so kennt man den Eurovision Song Contest und dieser Charakter wird sicherlich auch in der Ersatzshow nicht verloren gehen.  

 

Viel Programm zur gleichen Zeit

Neben den beiden großen Veranstaltungen gibt es zudem noch kleinere nationale Formate. Die ARD lässt beispielsweise die 2020 ESC-Songs innerhalb Deutschlands abstimmen, um im Finale einen „Sieger des Herzens“ zu küren.

Vor einer gähnenden ESC-Leere diesen Mai muss also erstmal keiner Angst haben. Für ausreichend Programm ist gesorgt. Die Doppelalternativen tragen jedoch einen bitteren Beigeschmack mit sich, denn sie stehen in Konkurrenz zueinander. Sowohl der „Free ESC“ als auch „Eurovision: Europe Shine a Light“ werden am ursprünglichen ESC-Finale-Termin, dem Abend des 16. Mai 2020, stattfinden. Dem Geist des ESCs, dessen Ziel es ist, Europa und die Welt zu verbinden, entspricht das nicht.

Trotzdem: der Eurovision Song Contest steht für Vielfalt, Toleranz, Unterhaltung und Musik – und diese Kriterien werden mit Sicherheit beide Veranstaltungen erfüllen. Eine einmalige Show wird es auf jeden Fall.

 

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