Pegida-Forschung

"Es kann keine Repräsentativität geben"

Wer steckt hinter Pegida? Das wollen Sozialwissenschaftler herausfinden - auch Piotr Kocyba von der TU Chemnitz. Mit seinem Team hat er im Januar zu Pegida geforscht - und zum Jahrestag im Oktober noch mal nachgehakt. mephisto 97.6 hat ihn getroffen.
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Das ganze Interview mit Piotr Kocyba hier zum Nachhören: 

mephisto97.6-Redakteurin Christine Reißing im Interview mit Piotr Kocyba
 

 

m97.6: Herr Kocyba, was bringt die Leute dazu, zu solchen Veranstaltungen auf die Straße zu gehen?

Piotr Kocyba: Also ich glaube nach dieser Studie und nach häufigen Besuchen der Demonstrationen könnte man doch festhalten, dass es vor allem ein bisschen Frust ist. Frust über die vermeintliche Lebensferne der Politik, geballte Aggression bei Teilen der Pegidisten – natürlich nicht bei allen – und mehr oder weniger offensichtlicher und auch offen zur Schau gestellte rassistische Hintergründe. Und das Gefühl, dass man jetzt darf, und sich dafür auch nicht mehr schämen muss, solche Meinungen öffentlich kundzutun. Das bestärkt sich natürlich gegenseitig.

Durch die Flüchtlingszahlen kann man sich hinstellen und sagen: Wir haben ja schon damals gewarnt, jetzt kommt die Islamisierung.

Politikwissenschaftler Piotr Kocyba

m97.6: Die hohen Flüchtlingszahlen im Sommer haben die Bewegung noch mal hochkochen lassen. Zwischenzeitlich dachte man ja, das würde sich sogar langsam erledigen mit Pegida. Was hat sich verändert nach einem Jahr? Sie waren jetzt ja noch mal dort zum Pegida-Geburtstag.

Piotr Kocyba: Es hat sich nicht so viel verändert, finde ich. Was auffällig ist, ist natürlich das Selbstbewusstsein: Man fühlt sich jetzt quasi bestätigt. Durch die Flüchtlingszahlen kann man sich hinstellen und sagen: Wir haben ja schon damals gewarnt, jetzt kommt die Islamisierung. Das ist das Eine. Und dann gibt es so Kleinigkeiten, die sich verändert haben. Es gibt überall Spendenboxen, die gab es noch Anfang des Jahres nicht. Und eine Sache, aber ich glaube, die war eher dem Geburtstag geschuldet: Das war die Form der Kundgebung, die zunächst einmal kein Spaziergang war. Und zum anderen auch sehr viele VIP-Gäste hatte aus der Politik. Man hat gemerkt, wie ich finde, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer es vermisst haben, mehr Bachmann und ähnliches zu hören und eingepeitscht zu werden. Aber trotzdem sind sie diszipliniert genug, um zu einem Großteil bis zum Schluss auszuharren und der Pegida-Veranstaltung beizuwohnen.

m97.6: Ihre Studie, die Anfang Januar veröffentlicht wurde, ist eine der meistzitierten, die es zu Pegida gibt. Es gibt aber auch Kritiker. Die sagen, so eine Studie hat keine belastbare, valide Aussage oder nur wenige. Ist das überhaupt noch ein wissenschaftlicher Anspruch, den man erfüllen kann, mit so Studien, die nicht hundert Prozent repräsentativ sein können?

Piotr Kocyba: Im Vergleich zu anderen Studien wie beispielsweise der von Professor Vorländer von der TU Dresden weisen wir explizit darauf hin, dass es hier keine Repräsentativität geben kann. Herr Vorländer - der auch nicht zum Kern der Pegida vorstoßen konnte, oder, wie er sagt, den „typischen Pegidisten“ bestimmt auch nicht hat befragen können -, behauptet eben das Gegenteil.

Wenn man vermeintlich den typsichen Pegidisten befragt hat, und in Wirklichkeit sich rausstellt, dass man wahrscheinlich den liberalen Teil befragt hat. Wenn man auch die anderen Studien anguckt, die nicht alle, aber in Teilen auch keine Vergleichbarkeit liefern, weil sie beispielweise keine Fragen berücksichtigt haben wie wir aus der Mittelstudie, die ja übrigens auch in Leipzig erhoben wird durch Leipziger Kollegen, dann kann man sich dem entgegenstellen und denjenigen, die den Diskurs auf diese Art mit beeinflussen und sagen: Wir sind ja normale Bürger, das sind ja gar keine Rechten und keine Rassisten, die kann man einfach korrigieren und sich dem gegenüber einfach öffentlich positionieren, um eine Bewegung, wie es die Pegida ist, nicht weißzuwaschen in der Debatte.

m97.6: Am 19. Oktober, zum ersten Geburtstag, da haben Sie ja auch Daten neu erhoben – warum musste das ein zweites Mal sein? Ist nicht sowieso schon klar: Pegida wächst und ist eine Gefahr?

Piotr Kocyba: Wir wollten uns einfach noch mal ein Bild verschaffen darüber, was sich verändert hat, wenn sich was verändert haben sollte. Und wie es auch heute, vor dem Hintergrund der sogenannten Flüchtlingskrise um die Pegida-Bewegung bestellt ist. Und insofern war es ganz sinnvoll, glaube ich, sich noch mal zu präsentieren und der Pegida beizuwohnen.

Es gibt erste Anzeichen einer Institutionalisierung. Einen ersten Schritt in Richtung Politik.

Politikwissenschaftler Piotr Kocyba

m97.6: Obwohl Sie gesagt haben: So viel hat sich nicht verändert?

Piotr Kocyba: Allein deshalb, ja. Um zu gucken: In welche Richtung geht es? Haben wir es mit einem qualitativen Sprung zu tun? Und um vielleicht meine Aussage von vorhin ein bisschen zu relativieren und zu korrigieren: Es hat sich insofern was verändert, als dass dieser Hinweis auf diese Politiker, die gesprochen haben, die vielleicht nicht mehr die Basis so getroffen haben in der Erwartungshaltung, die Pegida hat, zeigt sich dann doch, dass es erste Anzeichen einer Institutionalisierung gibt. Eines ersten Schritts in Richtung Politik. Das war ja nicht zuletzt auch durch die Bürgermeisterkandidatin, die durch Pegida schon vollzogen worden ist ein erster Schritt. Denn ich glaube, ich bleibe auch dabei: Man kann nicht in die Ewigkeit spazieren. Irgendwann mal muss das andere Formen annehmen, wenn denn die Pegida-Bewegung weiterhin virulent bleiben möchte.

 

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Pitor Kocyba hat an der Studie "Protestforschung am Limit" mitgearbeitet. Die Studie unter der Leitung von Dieter Rucht (FU Berlin) erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Die Forscher arbeiten mit einem Methodenmix aus Befragung und Beobachtung. Anders die Studie von Hans Vorländer, Maik Herold und Steven Schäller (TU Dresden): Deren "Wer geht zu Pegida und warum?" basiert auf klassischen Fragebögen.