Frisch Gepresst: All diese Gewalt

"Es gibt keine Grenze"

Max Rieger veröffentlicht unter seinem Alias „All diese Gewalt“ ein Album, dass guter, düsterer und vor allem sehr viel Pop ist.
Max Rieger
Max Rieger aka All diese Gewalt

Ein Interview mit Max Rieger über (falsche) Ironie, meditative Songpassagen und dem neuen Album findet ihr hier.

Für Fans und Freunde des Projekts mag die Promophase des neuen „All diese Gewalt“-Albums ein mittelschwerer Schock gewesen sein. Ja, da war der Titeltrack „ANDERE“, eine gewohnt filmisch-sphärisch-musikalische Referenz an die Songs, die Rieger auch schon auf dem Vorgängeralbum „Welt in Klammern“ (meisterlich) produziert hatte. Doch die zweite Single „ERFOLGREICHE LIFE“ erinnerte im Sound kein bisschen mehr an das, was unter dem Namen „All diese Gewalt“ bisher veröffentlicht wurde. Ist das da Autotune auf Riegers Stimme? Ist das ein EDMesker-Drop in der Bridge? Ist das Popmusik?

Darf ich vorstellen? Popmusik!

Die kurze Antwort auf alle drei Fragen: Ja. Und dieser Schock auf „ERFOLGREICHE LIFE“ ist vielleicht notwendig gewesen. Denn „ANDERE“ ist kein „Welt in Klammern“, keine ausformulierte, ins Unendliche gezogene Stimmung. Und das ist gut so, denn letztlich hatte Rieger diesen von ihm selbst als Drone-Pop beschriebenen Sound sowieso schon nahezu perfektioniert. Vielmehr ist „ANDERE“ eine Platte, die sich dem Pop zum Fraß vorwirft, ihn pervertiert und gleichzeitig eine Liebeserklärung schreibt. Die ersten vier Tracks zeigen das vielleicht überdeutlich – „HALTE MICH“ erinnert an „Eine Geschichte“ vom letzten Drangsal-Album (selbstverständlich mitproduziert von Rieger) – nur noch mehr, noch doller. Es ist eine sich langsam aufrichtende, monumentale Soundekstase, die von Beginn an zurückweichen lässt.

„ERFOLGREICHE LIFE“ ist ein Schulbuch-Popsong: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Refrain, fertig. Und nebenbei ist es der hochentzündlichste deutsche Popsong, der wohl seit Jahren geschrieben wurde. Man kann das überproduziert nennen, aber alles am Song schreit Anspannung, „Achtung, hier geht gleich was in die Luft!“ Wenn Rieger dazu noch neoliberale Phrasen drescht (egal, wie ironisch oder nicht-ironisch das letztlich gemeint sein soll), dann treibt den Song eine Aggression und Frustration an, dessen explosive Erlösung (siehe Drop) im letzten Refrain regelrecht karthartisch wirkt.

Der Folgetrack „DEIN“ zeigt wieder eine andere Popfacette Riegers. Denn die Drums, besonders prägnant zu Beginn, erinnern (kurioserweise) stark an „Mensch“ von Herbert Grönemeyer. Ja, „DEIN“ ist Radiopop, guter Radiopop, und wäre jetzt 2003, würde vielleicht dieser Track statt Wolfsheims „Kein Zurück“ laufen. Ganz am Kitsch und Pathos vorbei kommt der Track aber nicht – die Textpassage „Zu zweit und doch allein“ ist keine sonderlich kreative, geschweige denn schön anzuhörende, denn Rieger übernimmt sich an dieser Stelle sehr mit seinem Stimmeinsatz.

Tief im Innern bin ich dein
Alles kann jetzt ungeschehen sein
Ein Riss nur in der Zeit
Zu zweit und doch allein (oh)

All diese Gewalt in "DEIN"

Und es mag verrückt klingen, aber das sich in seiner zurückhaltenden Schönheit suhlende „ETWAS PASSIERT“ klingt mehr nach als Andreas Bourani als nach „Die Nerven“, ist aber dennoch eine gelungene Ballade, in der Rieger klagend und nach Erlösung suchend „Nimm mich mit“ singt und darauf wartet, dass „etwas passiert“.

Kann der rote Faden weg?

Das Album kann aber noch mehr und noch besser Pop. „GIFT“ ist düsterer, spukender Synth-Pop; „GRENZEN“ präsentiert seine Stadionrock-Gitarren; „MASKE“ hat die vielleicht unwiderstehlichste Basslinie der ganzen Platte. Und zugegeben, nichts davon klingt wie „Welt in Klammern“ – hier klingt nicht mal jeder Song wie der andere. Und wenngleich der musikalische rote Faden sehr dünn ist, tut das der Platte nicht weh. Denn die Songs funktionieren auch deshalb, weil Rieger nicht alles über den Haufen schmeißt und eine Grundatmosphäre beibehält: „Andere“ wirkt wie seine Vorgänger düster und bedrückend. Und es ist trotz all dem Pop keine feucht-fröhliche Party, sondern eher eine catchy, morbide Selbstgeißelung. „Wieso klingt alles aus meinem Mund so unvorstellbar dumm?“, „Mein großes Fragezeichen“, „Wer will denn schon zu(-)gehörig sein?“ – die Anzahl an deprimierenden One-Linern auf der Platte ist beispiellos und passt in diesen dystopischen Herbst.

Du musst dich nicht entscheiden
Was ist, wird niemals bleiben
Wer schreit, wird schweigen
Lass alles liegen, sich verlieben
Sich ergeben

All diese Gewalt in "SICH ERGEBEN"

Es ist aber nicht alles anders. Wer „Welt in Klammern“ gehört hat, erkennt unter Umständen die zuvor albumdefinierenden Drones und Vocalflächen auf „SICH ERGEBEN“ wieder. Und es ist ja wahr: Rieger wirft nicht alles um, er setzt gewisse Elemente nur gezielter ein: So etwa auch die Arpeggios, auf „Welt in Klammern“ unumgänglich, auf „Andere“ nur im betrübenden Piano-Highlight „BLIND“ vorkommend – doch dort wirken sie dort wie ein sanftes Augenschließen und so überzeugend wie selten auf einem All-diese-Gewalt-Projekt zuvor.

Weniger Konzept, großartige Songs

Wenn „Welt in Klammern“ eine langgezogene, nicht enden wollende Nacht war, dann ist „Andere“ eine heruntergekommene Wohnung mit elf Räumen, hinter jeder Tür ein anderer Abgrund. „Andere“ ist das Max-Rieger-Popalbum, ohne dass Rieger dabei seine Prinzipien verrät. Denn auch wenn es anfangs nicht so wirkt, ist es eben in seiner Finsternis auch unverkennbar eine „All diese Gewalt“-Platte. Rieger hat es geschafft, sich von dem einen konzeptuellen Moment zu emanzipieren und stattdessen elf Momentaufnahmen in Songs zu packen, die mindestens bemerkenswert, im besten Fall herausragend sind. Und wenn das nicht die ultimative Visitenkarte Riegers für NOCH größere Produktionen ist, dann sollten sich die „Anderen“ vielleicht mal an den Kopf fassen.

 

 

 

 

 

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All diese Gewalt: Andere

Tracklist:

1. HALTE MICH

2. ERFOLGREICHE LIFE*

3. DEIN*

4. ETWAS PASSIERT

5. ECHOKAMMER

6. GRENZEN

7. GIFT*

8. MASKE*

9. SICH ERGEBEN*

10. BLIND*

11. ANDERE*

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 06.11.2020
Glitterhouse Records