Leipzig liest

"Erziehung ist immer ein Experiment"

Wie sieht eine Familie im 21. Jahrhundert aus? Ist die Konstellation Vater-Mutter-Kind das was hinter dem Begriff Familie steht? In der Kinobar Prager Frühling wurde über das Buch "Regenbogen-Experiment" und die Definition von Familie gesprochen.
Das Regenbogen Experiment von Katja Irle

Die scheinbar klassische Familienkonstellation ist heute nicht mehr die einzige Variante einer Familie. Der Begriff weitet sich aus auf Familien in denen getrennte Paare zusammen mit Kindern von früheren Partnern zusammenleben und auch gleichgeschlechtliche Familien. Letztere werden auch Regenbogenfamilien genannt. Besonders diese Familien lösen immer wieder hitzige Debatten aus. Im Alltag wie in der Politik. Die Journalistin Katja Irle denkt, dass das Unverständnis für gleichgeschlechtliche Familien vor allem daher rührt, das es die Frage nach der traditionellen Familie als Keimzelle unserer Gesellschaft aufwirft.

Familie als Experiment?

Katja Irle beschreibt in ihrem Buch "Das Regenbogen-Experiment" den Alltag von gleichgeschlechtlichen Familien und unterzieht die pro und contra Argumente einer kritischen Überprüfung. Im Rahmen des Lesefestes "Leipzig liest" gab es eine Gesprächsrunde zu dem Buch in der Kinobar Prager Frühling. Gesprächspartner waren Ronny Hänold, die Autorin Katja Irle, die Moderatorin Ulrike Lykke Langer von MDR Figaro und Susanne Hampe, die unter anderem als Beraterin bei Queer Kids Leipzig arbeitet. Die Besucher waren auch zur Beteiligung am Gespräch eingeladen, was dankbar angenommen wurde. Eine Besucherin fragt kritisch nach dem Titel, warum Regenbogenfamilien ein Experiment sein sollten. Die Autorin meint dazu, dass Erziehung im Allgemeinen immer ein Experiment sei.

Leben in einer gleichgeschlechtlichen Familie

Im Raum stehen Fragen wie: "Was ist eine Familie?", "Wie sieht das Leben in einer gleichgeschlechtlichen Familie aus?". Wie feiern solche Familien zum Beispiel Weihnachten? Ronny Hänold lebt in einer gleichgeschlechtlichen Ehe und hat mit seinem Partner ein Kind. Einen Sohn, einen Pflegesohn, eine Adoption ist für sie als gleichgeschlechtliches Paar nicht möglich. Weihnachten feiern sie ganz normal mit den Großeltern, der Tante und den Cousins. Ihr Sohn ist für die anderen Familienmitglieder ein vollwertiges Mitglied. Für die Großeltern kein Pflegekind, sondern ein Enkelkind wie die anderen Enkelkinder auch. In ihrem Alltag erlebt das Paar kaum Ressentiments gegenüber ihrem Familienleben, dafür aber auf politischer Ebene umso mehr. Homosexuelle Paare dürfen keine Kinder adoptieren. Sie dürfen kein Ehegattensplitting geltend machen und statt in einer Ehe dürfen sie ausschließlich in einer eingetragenen Partnerschaft leben, mal ganz abgesehen von einigen diskriminierenden Äußerungen seitens Politiker und Politikerinnen.

Wunschkinder

Susanne Hampe arbeitet als Beraterin bei Queer Kids Leipzig, eine Plattform für Schwule und Lesben mit Kindern und Kinderwunsch. Sie meint, dass ein Kind von homosexuellen Paaren immer ein Wunschkind ist. Und dadurch entstünden immer Probleme, weil man sich zu viele Gedanken macht. "Es ist ein Kind, das sehr durchdacht auf die Welt gekommen ist, aber sobald es da ist, läuft das sowieso wie von allein", meint Susanne Hampe. Die gleichen Probleme hätten aber auch heterosexuelle Paare.

Wo liegt das Akzeptanzproblem bei gleichgeschlechtlichen Familien?

Die Moderatorin stellt fest, dass nicht ausschließlich bestimmte politische Fraktionen oder Menschen ohne akademische Ausbildung damit Probleme haben. Sie lässt einen O-Ton von Sibylle Lewitscharoff abspielen. Die Schriftstellerin, die mit dem Georg-Büchner Preis ausgezeichnet wurde, hat sich vor Kurzem zur künstlichen Befruchtung geäußert: Die Wesen, die dabei rauskommen, seien für sie nur Halbwesen und keine Menschen. Die Schriftstellerin hat diese Äußerung mittlerweile zurückgenommen, aber nicht ihre geäußerte Meinung über die Reproduktionsmedizin. Künstliche Befruchtung ist bekannterweise keine Idee von Homosexuellen Paaren, sondern wird auch von heterosexuellen Paaren in Anspruch genommen.

Mobbing bei Kindern

Was ist mit der Behauptung, dass Kinder von homosexuellen Eltern gemobbt werden?

Susanne Hampe arbeitet seit zehn Jahren bei Queer Kids. In dieser Zeit kamen bei der Plattform drei Anfragen aufgrund von Mobbing der Kinder an. Laut Susanne Hampe sind deren Eltern, aber auch nicht offen mit ihrer Partnerschaft umgegangen.

Katja Irle denkt, dass "schwul" immer noch ein sehr starkes Schimpfwort ist und sie glaubt nicht, dass Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren nie gemobbt werden. Allerdings werden auch Kinder von heterosexuellen Paaren gemobbt, wegen Äußerlichkeiten, wie der Kleidung.

Zweimal Papa, zweimal Mama

Katja Irle hat sich in Vorbereitung für ihr Buch "Das Regenbogen-Experiment" mit verschiedenen gleichgeschlechtlichen Paaren getroffen die Kinder haben. Dazu gehört auch eine Familie, die aus einem schwulen Paar und einem lesbischen Paar besteht, das ein gemeinsames leibliches Kind hat. Diese vier Eltern haben sich im voraus sehr umfangreich mit ihrem gemeinsamen Kinderwunsch auseinandergesetzt und versucht gemeinsame Ziele und Erwartungen für sich selbst als Eltern zu definieren. Sie haben damals an ihr zukünftiges Kind einen Brief geschrieben. Darin beschreiben sie, wie sie sich Dinge wie den Geburtstag des Kindes vorstellen, Schulbildung und wie Feste wie Weihnachten zum Wohle des Kindes ablaufen sollten. Dieser Brief war auch dafür gedacht, falls es irgendwann zum Streit zwischen den Eltern kommen sollte, dem Kind zeigen zu können, das es definitiv nicht an ihm liegt, sondern an "dummen Dingen", die Erwachsene verursachen können.

Das Buch "Regenbogen-Experiment" soll nicht provozieren, vielmehr wünscht sich die Autorin, dass man überhaupt über dieses Thema spricht und ein Bewusstsein dafür schafft oder verstärkt. Es sei ein Buch für alle, die sich für das Thema Familie interessieren.

 

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Elisabeth Susanne Schmidt
16.03.2014 - 16:16

Das Buch "Das Regenbogen-Experiment -
Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?" ist im Beltz Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro.