Rotes Sofa: Maria Reiner

Erstens kommt es anders, ...

...Sie wissen schon. Die Protagonistin in Marie Reiners Roman „Frauen, die Bärbel heißen“ ist, um es milde auszudrücken: anders. Abgeschirmt vom Rest der Welt lebt sie vor sich hin. Und ist plötzlich in einem Mordkomplott verwickelt.
Paul Materne und Sonja Dietschi
Moderator Paul Materne im Gespräch mit Redakteurin Sonja Dietschi

An Bärbel gibt es nicht viel zu mögen. Vielleicht höchstens, dass sie das weiß und dem Großteil der Menschen aus dem Weg geht. Eigentlich müsste die Leserschaft an dieser Stelle das Buch weglegen wollen. Doch das würde niemand machen. Denn so unsympathisch Bärbel auf einen wirkt, so neugierig macht sie auch. Wer ist dieser Mensch? Warum ist sie so? Man kann es kaum erwarten, mehr zu erfahren und hinter die Fassade der fernsehsüchtigen Tierpräparatorin zu schauen.

Wenn man über Leichen stolpert...

...und aus Versehen das Richtige tut und die Polizei ruft, hat man später nur Ärger am Hals. Zumindest ist das in Bärbels Fall so. Ihr Eigenbrötlerdasein hat ein Ende und sie muss sich ab sofort mit Menschen auseinandersetzen. Das hat sie die letzten 30 Jahre tunlichst vermieden.

Marie Reiners gelingt in ihrem Debütroman etwas ziemlich Bemerkenswertes: Sie fesselt ihre Leserschaft an ein Buch, deren Protagonistin die Antipathie in Person ist. Vielleicht liegt es daran, dass der Betonblock (Bärbels Persönlichkeit) von Anfang an hauchdünne Risse zeigt. Und darin krabbelt es, juckt es unangenehm. Die Lesenden starren gebannt hin, wenn die Risse breiter und tiefer werden. Aber nicht nur Bärbels Fassade bröckelt; im Laufe des Romans kommen immer mehr Personen dazu, die nicht sind, wer sie vorgeben zu sein. In diesem Buch haben es alle faustdick hinter den Ohren und keiner hat eine weiße Weste.

Alte Schule, neues Rezept

Frauen, die Bärbel heißen ist zwar Marie Reiners Debütroman, die Autorin selber ist aber vom Fach. Sie hat knapp zwanzig Jahre Erfahrung als Autorin für Fernsehserien, ihre Spezialität: Krimis mit Humor. Mit diesem Roman hat sie das Rad des Krimis nicht neu erfunden: Überraschungseffekte und Katz-und-Maus-Spiel wie es sich gehört und ohne sprachliche Höhenflüge; der Plot zählt, nicht die Sprache. Dass ihre Sprache eher schmucklos ist, macht sie durch schwarzen Humor und eine Prise Zynismus wieder wett.

Wie hatte meine Mutter immer gesagt - kein Ding ist so schlecht, als dass es nicht auch eine gute Seite hätte. Meine gute Seite hatte sie allerdings niemals entdeckt, und wenn doch, darüber geschwiegen.

 

Marie Reiners, Autorin

Die Stärke des Buches sind die weiblichen Protagonistinnen - Männer tauchen nur als Statisten auf. Es ist aber wie gesagt kein Frauen sind der Hammer Buch, sondern ein Frauen sind Menschen, und Menschen bauen scheiße“-Buch. Durch all den Humor und der Spannung eines guten Krimis schimmert die eher deprimierende Schlussfolgerung, dass sich Menschen gegenseitig wehtun, und besser dran wären, würden sie sich aus dem Weg gehen. Und so befremdlich Bärbels Wesen wirken mag, am Ende überlegt man sich, ob sie nicht eigentlich die einzige war, die das kapiert hat. Dass ein Einsiedlerleben am wenigsten Leid verursacht. Andererseits beweist dieser Roman auch, dass man dem Leben nicht entfliehen kann - es findet einen. Ob das in Bärbels Fall gut oder schlecht ist, finden die Lesenden am besten selber heraus. Es lohnt sich.

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Werk können Sie im Livegespräch von der Buchmesse nachhören:

Moderator Paul Materne im Gespräch mit Redakteurin Sonja Dietschi
1803 SG Sonja Dietschi
 

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Marie Reiners schreibt seit 1990 für das Fernsehen. Unter anderem stammt die Erfolgsserie Mord mit Aussicht aus ihrer Feder. Frauen, die Bärbel heißen ist ihr Debütroman.