Erinnerungskultur

Erinnern, um nicht zu vergessen

In der heutigen Gesellschaft gibt es nur noch wenige Zeitzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Jedoch heißt das nicht, dass wir vergessen. Instanzen übernehmen diese Funktion der Erinnerung. Aber wie formt man ein kollektives Gedächtnis?
Rabbi Zsolt Balla

Im Leipziger Stadtteil Schleußig lebte einst die jüdische Familie Szyja. Der Vater, Jonas Chaim Szyja, besaß eine Flaschen- und Rohproduktehandlung. Mit ihm lebten seine Frau Frieda Jitka Szyja, deren vier Söhne und die Tochter Rosa Szyja. Seit September 2014 werden die Passanten der Schnorrstraße daran erinnert was mit Jonas, Frieda, Rosa, Albert, Leo, Max und Robert geschah. Sieben kleine in den Gehweg eingelassene Tafeln gedenken die Familie. Mit Ausbruch des Krieges wurde die Familie deportiert. Einzig Robert überlebte. Doch wann fängt die Erinnerung eigentlich an?

Der Begriff Erinnerungskultur in der Geschichte

Der Historiker Dr. Frank Britsche des historischen Seminars der Universität Leipzig, erläutert den Begriff.

Erinnerungskultur ist ganz allgemein gesprochen der Umgang der Gesellschaft mit der Vergangenheit und das umfasst alle Phänomene und Ausdrucksformen, wie sich die Gesellschaft in sozialer, politischer, ethischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Weise auseinandersetzt. Aber auch wie sie sich in der Gegenwart positioniert und vielleicht auch in der Zukunft sehen will. Und die Ausdrucksform dessen Äußeren sich eben in ganz vielfältigen Formen: Ausstellungen, Filmen, Denkmälern, künstlerischen Projekten und zum Beispiel eben auch mit den Stolpersteinen.

Historiker Dr. Britsche

Im Gegensatz zu einer Gedenkstätte oder einem Mahnmal wird mit den Stolpersteinen dem Individuum gedacht, nicht aller Opfer des Holocausts. Deswegen befinden sich die Stolpersteine auch nicht an einem bestimmten symbolischen Ort. Sondern in ganz Europa verstreut. Somit bilden sie ein dezentrales Denkmal. Dabei versucht das Projekt die Steine direkt in die Nachbarschaft der Opfer zu verlegen. Durch diesen Vorgang wird unmittelbar an die Lebensgeschichten des Opfers erinnert. Somit wird dem Zuschauer die Geschichte auf einer persönlichen Ebene näher gebracht. Schließlich wird direkt an die Lebensgeschichten erinnert, die sich vor Ort abspielten. Der Historiker Doktor Britsche glaubt, dass diese Form der Erinnerung den Zuschauer besonders emotionalisiert.

Stolpersteine liegen teilweise auch dort, wo es gar keine Häuser mehr gibt und sie erinnern im Alltag direkt, sehr emotional daran und sind Stolpersteine im symbolischen Sinne. Man soll ja gedanklich irritiert werden und das ist ja eine ganz andere Dimension, als wenn man einen geplanten Gedenkstätten Besuch macht und Listen sieht, Statistiken sieht.

Historiker Dr. Britsche

Erinnerung in der Kunst

Kunst schafft Unendlichkeit. Auch wenn der Mensch stirbt, durch seine ästhetische Kreation schafft er die Verewigung von sich selbst und seiner Umwelt. Das Kunstprojekt der Stolpersteine steht für die grausamen Verbrechen der NS-Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Jeder Stolperstein besteht aus einem Betonstein, dessen Oberfläche von einer Messingplatte bedeckt ist. Auf ihr werden der Name, Geburts- und Todestag, sowie das individuelle Schicksal der Opfer, eingraviert. Sie sind ein materialisierter Ausdruck des kollektiven Geschichtsbewusstsein und der Gedenkkultur. Im Idealfall stiften die Stolpersteine den Betrachter zum handeln und aktiv zu werden an.

Der Künstler Günther Demnig startete das europäische Kunstprojekt 1992. Inzwischen existieren in über 500 Orten in Deutschland und anderen Ländern Stolpersteine. Doch noch lange wird nicht allen Opfern des Holocausts gedacht.

Der Künstler des Projektes Gunter Demnig entschloss sich nur dem Individuum zu gedenken. Seiner Meinung nach bleiben die zentralen Gedenkstätten anonym und der Mensch kann frei entscheiden, ob er ihnen einen Besuch gewährt. Aber die persönlichen Stolpersteine kann man nicht vermeiden, schließlich überraschen diese den Passanten beim Vorbeigehen und fordern ihn zum Nachdenken auf. Außerdem denkt Gunter Demnig, dass die Stolpersteine eine andere Form der Erinnerung herbeiführen.

Also die Erfahrung kann ich sagen, ist eben doch etwas anders, vor allen Dingen mit jungen Leuten, mit Schülern und Angehörigen, die dazu kommen. Eine soziale Skulptur geworden, dadurch, dass die sich da treffen und ein großes Denkmal kann das nicht leisten. Hier kommen Schicksale wieder zurück und gerade junge Leute können sich dann ganz anders, als im Geschichtsunterricht, wo dann gesagt wird sechs Millionen ermorderte Menschen, ja das ist abstrakt aber die kommen wieder zurück.

Gunter Demnig

Eine andere Form der Erinnerung

Der Rabbi Zsolt Balla von der jüdischen Gemeinde Leipzig kommt ursprünglich aus Ungarn und betrachtet die Erinnerungskultur in Deutschland als sehr unterschiedlich zu der seines Landes. In beeindruckte die Art der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und ihre stetige Präsenz in der Gesellschaft. Auch das Projekt betrachtet er mit großer Achtung.

Ich denke es ist sehr, sehr wichtig zu erinnern, an das Individuum und nicht nur in Massen. Manchmal wir erinnern nur an Nummer. Aber wir vergessen das hinter jeder einzigen Nummer stand eine Person, Blut und Fleisch mit Seele. Das gilt für alle Kulturen, nicht die jüdische Kultur, sondern in alle Erinnerungskultur es ist sehr sehr wichtig. Ein Leben wertet so viel, wie die ganze Welt.

Rabbi Zsolt Balla

Und Erinnerung in der Zukunft?

Mittlerweile kann man über eine App die Stolpersteine abrufen. Mit dem technischen Fortschritt entwickeln sich auch die Formen der Erinnerung. Der Rabbi Zsolt Balla sieht in ihr eine Förderung der Erinnerungskultur.

Ich denke es ist keine Banalisierung. Ich bin überzeugt das genau, wie die Zeiten wechseln, so soll auch die Erinnerungskulturen wechseln. Heutige Generationen, die jungen Menschen leben mit ihren Handys und Textmessages und ihren Apps. Wenn es gibt eine App, [...] warum nicht? Ich denke es ist eine gute Initiative. Noch einmal, Erinnerung ist eine individuelle Sache, jede einzelne Person hat ihren eigenen Weg, wie er oder sie etwas erinnern möchte, erinnern kann und im besten, produktiven Weg zu erinnern. Also sehr wichtig, wenn wir über Erinnerung sprechen, wir möchten nicht einen einfach erinnern.

Rabbi Zsolt Balla

In der heutigen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts existieren nur noch wenige Zeitzeugen des Holocausts. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt jedoch eine wichtige Herausforderung für unsere Zukunft. Diese Bedeutung zitiert auch der Rabbi Zsolt Balla: 

Erinnern braucht einen Zweck. Unser Zweck zu erinnern ist zu lernen von der Vergangenheit, nicht dieselben Fehler in der Zukunft zu machen. Nur eine Kultur, die von ihrer Vergangenheit lernen kann, hat eine Zukunft.

Rabbi Zsolt Balla

mephisto 97.6-Reporterin Luna Ragheb über die Erinnerungskultur der Stolpersteine.
Stolperstein
 

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