CD der Woche

Erfrischende R&B-Klänge aus Chicago

Feinfühliger, politischer R&B, der radiotauglich und zugleich tiefsinnig ist? Jamila Woods zeigt uns wie das geht.
Jamila Woods
Musikerin & Dichterin Jamila Woods

Bei R&B denkt man schnell an schmierige Muskelprotz-Typen, die mit leichtbekleideten Mädchen vor teuren Autos posen. Namen wie Drake, Kanye West oder Usher dominieren die offiziellen R&B Charts. Aber auch Frauen wie Beyoncé oder Rihanna mischen mit. Feinsinnigkeit, Tiefgang in den Texten und eine politischen Message sind jedoch nicht so häufig zu finden. Drake singt über seine Exfreundin und sein Handy (Hotline Bling), Beyoncé verarbeitet ihre Eheprobleme mit Jay-Z (Sorry) und bei Rihanna geht es irgendwie ums Küssen (Kiss it better).

Dass da aber noch mehr geht und das R&B nicht gleich Bling Bling und Dorfdisko bedeutet, beweist die junge R&B- und Soulsängerin, Songwriterin und Poetin Jamila Woods. Sie ist Mitte 20, steht mit beiden Beinen im Leben und hat grade ihr Debütalbum herausgebracht. „HEAVN“ heißt die Scheibe und ist komplett auf Soundcloud streambar.

Black lives matter

In ihren Texten geht es auf jeden Fall um mehr als Stress in der Beziehung oder Party. Sie ist als Tochter afroamerikanischer Eltern in Chicago aufgewachsen und kennt die Gesichter des Alltagsrassismus. Sie thematisiert die immer noch sehr reale Ungleichheit und Diskriminierung auf Grund von Hautfarben. Ebenso wie die „Black lives matter“- Bewegung spricht sie sich gegen vorherrschende rassistische Denk-und Handlungsmuster aus, die in Amerika immer noch sehr Real sind.

„It is our duty to fight for our freedom“

Freiheit und Chancengleichheit sind ihre zentralen Themen. Und wenn Drake und Kayne ihre Freundinnen Baby oder Sweetheart nennen, dann ist das ihre Sache. Aber Jamila Woods steht zu dem Namen, den ihre Mutter ihr gegeben hat. So singt sie in dem Song „In My Name“ darüber, dass sie weder „Shorty, Honey oder Sweety“ genannt werden will. Sie duldet keine Verniedlichungen und möchte ernst genommen werden. Am Ende des Tracks ist ein Sprechgesang einer Gruppe Kinder zu hören, die sich ebenso ganz klar positionieren:

„It is our duty to fight for our freedom./

It is our duty to win./

We must love each other and support each other./

We have nothing to lose but our chains“

aus dem Song „In My Name“

Musikalisch geben Gospel-Orgeln und dezente Soul-Bläser einen Beat vor, der mitreißt, aber die Texte nicht übertönt. Ihre liebliche Stimme geht unter die Haut und bezieht dabei jedoch klar Position. Während bei Rihanna „Work, Work, Work, Work, Work“ die einzigen Worte sind, die nicht vom Beat verschluckt werden, singt Woods ihre Message klar und deutlich in die Welt hinaus. Doch auch wenn sie eine klare politische Message hat, sind ihre Texte ebenso sinnlich und voller Gefühl. Ihre Stimme ist lieblich auch wenn sie über bittere Wahrheiten und Missstände singt:

“Look at what they did to my sister/ Last century, last week/ They make her hate her own skin, treat her like a sin”

 

(aus dem Song BLK Girl Soldier)

 

Die Zusammenarbeit mit bekannten Musikern wie zum Beispiel Chance The Rapper, verschaffen ihrem Album eine große Reichweite. Chance ist auch aus Chicago und wurde selbst vor allem durch Kollaborationen mit Justin Bieber oder Kanye West bekannt. Beide sind auch auf seinem neuen Album zu hören, das im Mai erschienen ist. Die Nähe zu Musikern mit einem Bekanntheitsgrad wie Justin oder Kanye, ist natürlich von großem Wert für Jamila Woods.

Protestmusik im R&B Gewand 

Dort wo Erykah Badu textlich zu seicht ist und eine hochpolitische Akua Naru zu sehr aneckt, schließt Jamila Woods an. Ihre Texte sind eingängig und hoch politisch zugleich. Ihre Stimme zart aber bestimmt. Ihr Album ist Protestmusik, bei dem der Protest nicht unbedingt im Vordergrund steht, aber ein unverzichtbarer Teil ist. Er passiert quasi nebenbei. Und vielleicht ist genau das der richtige Weg ebenso Leuten eine Message zu vermitteln, die mit Politik eher weniger am Hut haben. 

 

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Jamila Woods: Heavn

Tracklist:

1. Bubbles

2. VRY BLK feat. NoName

3. Lonely Lonely* feat. Lornie Chia

4. HEAVN

5. In My Name

6. Blk Girl Soldier*

7. LSD feat. Chance The Rapper*

8. Emerald St. feat. Saba

9. Lately

10. Breadcrumps feat. Donnie Trumpet

11. Stellar

12. Holy

13. Way Up

*Anspieltipps der Redaktion

 

Erscheinungsdatum: 08.07.2016
Closed Sessions

Wer es ein bisschen unpolitischer, härter und bassiger mag, der sollte sich mal Lady Leshurr aus England anhören. Sie hat dieses Jahr auf dem Melt gespielt und ordentlich abgerissen.