Erotik trifft Wissenschaft

Er kam wie ein trinkendes Pferd

Erotik bereitet nicht nur Paaren schlaflose Nächte. Auch Wissenschaftler treibt sie um. Zumindest wenn sie teil wissenschaftlicher Betrachtungen ist. Wir haben uns der Erotik von zwei sehr verschieden wissenschaftlichen Disziplinen aus genähert.
Erotik in der Literatur
Erotik in der Literatur

Filme, Bücher, Gemälde, eine rauchige Stimme – all das kann erotisch sein. Erotik ist ein schillernder und schwammiger Begriff zugleich. Wer wissen will, was Erotik ist, muss sich daher zunächst auf die Suche begeben. Eine Suche nach dem Begriffskern und damit dem Wesen der Erotik. Die Herkunft des Begriffes liefert erste Anhaltspunkte.

Was bedeutet Erotik eigentlich?

Der Begriff leitet sich vom französischen "erotique" ab. Im Deutschen meint Erotik die sinnliche Liebe und damit etwas, das über das Körperliche hinaus geistig-psychische Bereiche einbezieht. Häufig wird Erotik als Oberkategorie oder Synonym für Sexualität, Liebe und sexuelle Phantasien verwendet. Um diese Begriffe hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine eigene Wissenschaft entwickelt – die Sexualwissenschaft. Sexualwissenschaftler Kurt Seikowski versteht ein Merkmal, das Spannung erzeugt, In der Regel trete diese Spannung zwischen zwei Menschen auf, sie könne aber auch zwischen mehr Menschen bestehen. Wenn es um den einzelnen geht, dann hätte Erotik viel mit sexuellen Phantasien zu tun. Erotik sei damit alles, was im Körper sexuelle Erregung und Spannung auslöse.

Erotik bedeutet für viele Paare aber auch Probleme. Heiße Nächte und sexuelle Erfüllung ist für sie eine Illusion. Häufigster Lustkiller sind Stress, Müdigkeit und unterdrückte Phantasien, wie beispielsweise der Wunsch nach Anal oder Oralverkehr.

Problemgruppe in Sachen Erotik: Autoren

Es gibt aber noch eine weitere Gruppe von Menschen, denen sie Probleme bereitet: Autoren. Die Beschreibung des sexuellen Aktes ist eine der größten Herausforderungen für Schriftsteller. Wenn Autoren versuchen erotisch zu sein, beschäftigt das auch die Literaturwissenschaftler. Rainer Moritz hat es sogar so sehr beschäftigt, dass er ein ganzes Buch darüber geschrieben hat. Er begibt sich in „Wer hat den schlechtesten Sex“ auf eine literarische Stellensuche. Insbesondere der Anfang einer erotischen Szene bereite Autoren immer wieder Schwierigkeiten. Der Satz „Sie rissen sich die Kleider vom Leibe“ würde leider immer noch in vielen Büchern vorkommen. Wer schon einmal versucht hat, sich eine enge Jeans vom Leib zu reißen, weiß, dass das vor allem eines ist: unrealistisch. Eigentlich gibt es viele Mittel Erotik ansprechend an den Leser zu bringen. Einige Autoren versuchen es mit technisch-detailgenauen Beschreibungen, andere mit Komik. Manche Schriftsteller sind dabei allerdings auch unfreiwillig komisch und das trifft nicht nur unbekannte Autoren. Literaturwissenschaftler Rainer Moritz Schmunzelfavorit ist ein Satz aus James Salters Roman „Alles was ist“. Dort heißt es an einer Stelle „Er kam wie ein trinkendes Pferd“. Trinkende Pferde erzeugen nicht unbedingt erotische Assoziationen. Erotik in der Literatur ist aber auch nicht immer dazu da, besonders erotisch zu sein. Oft dient sie auch als Symbol für Rollenbilder, Moral oder Tabus. Was gesellschaftlich akzeptiert ist, hat auch Einfluss auf erotische Darstellungen in der Literatur. Tabus können dabei das Schreiben über Erotik begrenzen. Diese Grenzen sahen in den 50er Jahren noch ganz anders aus als heute. In Max Frischs Werk homo faber findet sich ein gutes Beispiel dafür.

Jedenfalls war es das Mädchen, das in jener Nacht, nachdem wir zum Schlottern draußen gestanden hatten, in mein Zimmer kam.

Max Frisch (Homo faber)

Pause. Nichts weiter. Dass hier Erotik im Spiel ist, wird durch ein einziges Satzzeichen symbolisiert  - ein Gedankenstrich am Ende. So züchtig wie Max Frischs Gedankenstrich ist heute kaum noch ein Autor. Denn auch für Verlage gilt: sex sells. Dabei ist es für Autoren wie für Paare: es reicht nicht immer nur zu Wollen, man muss auch Können. Und manchmal regt ein Gedankenstrich die Phantasie mehr an, als ein ausschweifender literarischer Erguss. 

 

Mehr über Erotik in der Sexual- und Literaturwissenschaft, zum Beispiel wie Martin Walser über Erotik schreibt, erfahren sie im Beitrag von Mephisto 97.6 Redakteurin Nadja Enke. 

mephisto 97.6-Redakteurin Nadja Enke über Erotik in der Wissenschaft.
 

 

 

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Rainer Moritz hat in seinem Buch "Wer hat den schlechtesten Sex" eine wunderschöne Bestenliste bzw. ein worst-off der schlechtesten Beschreibungen von Sex in der Literatur geschaffen. Aber nicht nur das - er ordnet die Passagen von Schmuddelliteratur bis Max Frisch in Kategorien ein. So gibt es ein eigenes Kapitel über "Matratzendesaster". Hier hat nichts geklappt:

""Er will es und will es geichzeitig nicht. Wenn er Friedas BH öffnet und Friedas weiße Brüste herausquellen und Frieda ihm währenddessen die Namen ihrer zwölf Geschwister psalmodiert, da schwört er dem Mädchen heftig ab, um es kurz darauf ebenso heftig zu nehmen." - Schön ist das nicht. Wie schafft er es, das feiste Wesen "heftig zu nehmen", während sie sich, Rätsel über Rätsel, an ihre Geschwister errinnert?"

Er listet nicht nur plump auf, er analysiert die Passagen literarisch-handwerklich sehr genau. Dabei schafft er es aber auch, den notwendigen Witz nicht aus den Augen zu verlieren. Er leitet die Zitate komisch-trocken aus. Das hat etwas von heute-show, wenn Oliver Welke mit einer simplen Gesichtsregung den gerade gesehenen Video-Schnippsel kommentiert.

"In "Die Mysterien eines Feinkostladens" (2000) säuselt Margret von Leos "prächtigem Eindringen", von seinem "fein gedrechselten Kunstobejkt", das er wie ein "Zepter" von sich hertrage und damit die "Vorhänge ihres Himmelbetts" teile, "ohne die Hände zu benutzen" - Wir sehen das plastisch vor uns!"

Mehr als nur Klolektüre!