Buchvorstellung

Endlose Fragen

Berlin - Mumbai - Istanbul - Hannover. Ulla Lenze lässt ihre Leser zwischen "Orient" und "Okzident" pendeln. Doch ergeben diese Begriffe eigentlich Sinn? Wie treffen verschiedene Kulturen aufeinander? Fragen aus dem Buch "Die endlose Stadt".
Ulla Lenzes neuer Roman spielt in Großstädten

Holle ist Künstlerin und kann dank eines Stipendiums nach Istanbul reisen – eine Stadt, die sie sofort in ihren Bann zieht. Dort trifft sie auch Christoph Wanka, der ihr den Aufenthalt finanziert und sie weiter nach Mumbai einlädt. Sie kann Wanka, der eigentlich alles verkörpert, wogegen sie sich sträubt – das Geld, seine materialistischen Werte – nicht widerstehen und so flüchtet sie zurück nach Istanbul zu ihrem türkischen Freund. In ihre alte Wohnung in Mumbai zieht die Journalistin Theresa. Sie wandelt auf Holles Spuren und ist ebenso fasziniert von der Stadt, hat jedoch einen anderen Blick. Sie hadert damit, in ihren Berichten ihre Erlebnisse nicht so beschreiben zu können, wie es eigentlich nötig wäre; die Sprache ist für sie nicht ausreichend, um die Welt adäquat abbilden zu können.

Um diese Brüche und Fronten geht es in dem Roman "Die endlose Stadt". Im Mittelpunkt stehen immer die Fragen: wo treffen sich Kulturen, Identitäten; wie können Kunst und Worte die Welt abbilden – oder eben auch nicht?

 

"Ach", seufzt sie, "Orient und Okzident, eines Tages werden diese Begriffe überholt sein wie Neger und Fräulein." – "Orient und Okzident sind geographische Bezeichnungen, daran ist nichts falsch", sagte er nach einer Pause. "Und wie können sie dann verschmelzen? Erdteile verschmelzen nicht. Sie verwenden diese Begriffe also als Kulturbezeichnungen, und das hat etwas, entschuldigen Sie, Kulturhegemoniales."

 

Wer das Klare und Schnörkellose liebt, wird Ulla Lenzes neuen Roman "Die endlose Stadt" nicht mögen. Es geht um Kunst, Kultur und Philosophie – in seinem lockeren Ton leicht zu lesen, aber keineswegs leichte Kost. In welchem Verhältnis stehen Kunst und Geld? Was passiert, wenn sogenannte "westliche" Kultur oft "orientalische" trifft? "Die endlose Stadt" wirft immer neue Fragen auf und lässt die Antworten offen, lässt sie so verschieden interpretierbar, wie Menschen und ihre Kulturen sind. Diese Vielfalt in Worte zu fassen und dennoch nicht explizit zu nennen, macht den Roman lesenswert. 

Ein Literaturbeitrag von Mephisto 97.6-Redakteurin Christine Warnecke
 

 

 

 

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Christine Warnecke
01.04.2015 - 14:52
  Kultur

Die Autorin Ulla Lenze...

... wurde 1973 geboren und stammt aus Mönchengladbach. Sie studierte in Köln Musik und Philosophie und veröffentlichte 2003 ihren ersten Roman "Schwester und Bruder". Der neueste Roman ist aus Besuchen in der Türkei und Indien entstanden: In Istanbul war Ulla Lenze zu Gast am Atelier Galata, in Mumbai lebte sie auf Einladung des Goethe-Instituts und der Kunststiftung NRW für neun Monate. "Die endlose Stadt" ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen und kostet 19,90 Euro.