Rezension zu "Ich bin Linus"

Endlich Er

Linus Giese ist 31 Jahre alt, als er sich als trans* outet. Er tut das, indem er ein Foto von einem Starbucks-Kaffeebecher postet. Linus, sein neuer Name, wurde mit einem schwarzen Stift eilig von dem Barista darauf geschrieben...
In "Ich bin Linus" erzählt der Autor Linus Giese von seinem Leben als trans Mann.

Seit dem Coming-Out sind fast drei Jahre vergangen und am 18. August 2020 ist sein Buch „Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war.“ erschienen. Wie der Titel bereits erahnen lässt, erzählt der Autor darin von seinem Alltag als trans*Mann und vom langen Weg der Findung und Akzeptanz seiner Identität.

Jemandem, der sich relativ spät als homosexuell outet, würde man doch hoffentlich auch nicht sagen: "Damals, also du noch heterosexuell warst." (S. 181)

Offen und ehrlich

Giese berichtet von den demütigenden Besuchen in der gynäkologischen Praxis, der ersten Testosteronspritze, Hasskommentaren im Netz, unverhoffter Solidarität, Selbstzweifeln und davon, wie es sich anfühlt, für ein Aktgemälde zu posieren. Seine Erzählungen sind dabei von wertvoll klaren Lebensweisheiten gespickt.

Es ist ohne Frage ein persönliches und wichtiges Buch, dass Linus Giese da geschrieben hat. Jede*r sollte es gelesen haben. „Ich bin Linus“ sensibilisiert für die Diversität innerhalb der queeren Community, sowie für die gesellschaftlichen Umstände, die trans* und nicht binäre Personen im täglichen Leben einschränken und die sie bewältigen müssen.

Da tut es auch nichts zur Sache, dass die Formulierungen teilweise floskelhaft sind und man beim Lesen nicht selten das Gefühl hat, ein Tagebuch in der Hand zu halten. Den Anspruch von literarischer Finesse muss das Buch nicht erfüllen, um relevant zu sein. Beim Lesen wird deutlich, dass es die Geschichte eines echten Menschen mit vielen Facetten und komplexen Gefühlen und Gedanken, Unzugänglichkeiten und Stärken ist, die hier niedergeschrieben wurde. Die Emotionen sind spürbar, Aufgewühltheit oder Freude fühlt man direkt mit.

Ich gehe diesen Weg nicht, weil ich mutig und stark bin. Ich gehe diesen Weg nicht, weil ich eine Inspiration sein möchte. Ich gehe diesen Weg, weil es keinen anderen gibt für mich. Ich selbst zu sein und zu mir zu stehen, macht mich nicht zu einem mutigen Menschen, weil es nichts ist, für das ich mich wirklich entschieden habe (S. 184).

Antworten für alle?

In Ermangelung queerer Vorbilder im deutschsprachigen Raum und der geringen Beachtung des Themas in der Öffentlichkeit, kann Gieses Buch auch Ratgeber für junge Menschen, die sich als trans* identifizieren, sein. Vor allem aber erlaubt es den Einblick in eine Lebensrealität, die Vielen fremd oder nur oberflächlich verständlich ist. Zum Beispiel wird aufgezeigt, wie komplex der Transitionsprozess eigentlich ist, und wie individuell dieser gehandhabt und gestaltet werden kann. Daher ist „Ich bin Linus“ eine absolute Leseempfehlung für cis-Personen. Auch für diejenigen, die denken, bereits ausreichend informiert zu sein.

Es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe, die ich aber dennoch akzeptieren kann. "Ich erwarte, dass du dich mir so lange erklärst, bis ich dich verstehe", ist eine Haltung, die mir immer wieder begegnet [...] (S. 189).

Ein Grund, warum ich dieses Buch schreibe, ist auch die Hoffnung, danach endlich keine Fragen mehr beantworten zu müssen. Ich werde meine Zeit nicht mehr darauf verwendenn Menschen zu erklären, dass ich eine Existenzberechtigung habe (S. 189).

Wer „Ich bin Linus“ jedoch zur Hand nimmt, ohne dass er oder sie etwas mit Begriffen wie cis, butch oder gender-nonconforming anfangen kann, wird dem Geschehen wahrscheinlich nicht so leicht folgen können. Viele dieser Termini tauchen bereits auf den ersten Seiten auf, werden aber erst an späterer Stelle richtig erklärt. Das liegt auch an der Erzählweise. Sie ist ebenso wenig geradlinig, wie der Lebensweg des Autors. Die Kapitel drehen sich um bestimmte Erfahrungen, was zur wiederholten Beschreibung einiger Begebenheiten führt. Gewöhnungsbedürftig, leider.
Was den Lesefluss hingegen keineswegs stört, ist das konsequente Gendern und inklusive Formulieren des Autors. Das Buch entkräftet sämtliche Argumente, die auf der Unveränderlichkeit der deutschen Sprache beharren und Anpassungen dieser Art als überflüssig abtun.

Giese arbeitet selbst im Buchhandel, bespricht Literatur seit Jahren in einem Blog. Dass „Ich bin Linus“ ein Herzensprojekt ist, ist glasklar. Obendrein stellt die Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte aber auch einen gelungenen Aufklärungsbeitrag zum Thema Trans*identität dar.

 

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Annalena Gebauer
25.08.2020 - 13:53
  Kultur

"Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war.“ von Linus Giese erschien im rowohlt Verlag und ist seit dem 18.08.2020 für 15 Euro im Handel erhältlich.