Kurden im Irak

Endlich ein eigener Staat?

Seit gut anderthalb Monaten gibt es den Islamischen Staat – ein von Terroristen beherrschtes Gebiet in Syrien, dem Irak und dem Libanon. Was für manche Terror ist, bietet für die Minderheit der Kurden jedoch auch eine Chance.
Die kurdische Flagge als Symbol für die Unabhängigkeit.

Die Männer rennen durch die Straßen und feiern. Über ihren Köpfen weht die Flagge der Kurden: rot-weiß-grün, eine gelbe Sonne in der Mitte. Sie feiern den Abzug der irakischen Armee – dass diese von den heranrückenden Kämpfer der ISIS in die Flucht geschlagen wurden, ist den Männern erst einmal egal. Sie haben ihre Hauptstadt zurück – sie haben Fakten geschaffen. Für einen eigenen Staat. Für ein Kurdistan.

Kurdistan

Seit fast hundert Jahren verfolgt die kurdische Minderheit im Nordirak, der Südtürkei und Südostsyrien den Wunsch nach einem eigenen Staat. Sie fühlen sich von den Türken im Norden und den Arabern im Süden verschieden. Die aktuelle politische Lage, die ein Machtvakuum versursacht, ist ein Anlass und eine Chance für die Kurden, die Gründung eines eigenen unabhängigen Staates zu forcieren.

Dieser wurde eigentlich im Vertrag von Sèvres 1920 beschlossen – die Siegermächte des Ersten Weltkriegs verweigerten dann jedoch die Gründung. Mehrere Jahrzehnte lang waren die Kurden politisch und wirtschaftlich abhängig vom Rest des Iraks. Das änderte sich spätestens mit dem Zweiten Golfkrieg: Im Anschluss daran beschloss die UNO 1991 eine Schutzzone für den Nordirak – und die kurdischen Gebiete erhielten eine weitgehende Unabhängigkeit. Der Irakkrieg, der 2003 begann, drehte die Uhr zwar wieder ein Stück zurück. Ihre de facto Unabhängigkeit verloren die Kurden im Nordirak aber nicht. Nun bietet die durch den Islamischen Staat ausgelöste Irakkrise eine neue historische Chance für die Kurden.

Der Islamische Staat (IS)

Bereits seit gut 10 Jahren besteht die terroristische Vereinigung ISIS (Islamischer Staat in Syrien und dem Irak) – als die Gruppierung Anfang Juni 2014 die ersten Städte im Nordirak einnahm und ein Kalifat ausrief, benannte sie sich um. Seitdem heißen die Kämpfer mit der schwarzen Flagge Islamischer Staat (IS): Ihr Ziel ist die Errichtung eines Gottesstaats, in dem die Regeln der Scharia gelten. Entsprechend ist in den bereits eingenommenen und besetzten Gebieten zum Beispiel der Genuss von Alkohol verboten. Seit seiner Gründung hat der IS bereits mehr als 6000 Menschen durch Anschläge getötet. Ziel sind vor allem die ethnischen und religiösen Minderheiten in der Region.

Die Kurden und der IS

Die kurdischen autonomen Gebiete im Nordirak waren unter den ersten Regionen, die vom IS eingenommen wurden. Rund um Kirkuk befinden sich wertvolle Ölfelder, mit denen sich die kurdische Minderheit bisher weitgehend wirtschaftlich unabhängig von Bagdad machen konnte – die Einnahmen aus den Ölfeldern wären auch eine wichtige Voraussetzung für einen eigenen kurdischen Staat.

 „Eine Katastrophe für den Irak“

Die Gründung eines eigenen kurdischen Staates hätte nicht nur weitreichende Auswirkungen auf die Grenzlegung in den betroffenen Staaten: Ein Großteil des kurdischen Staatsgebiets würde aus dem Gebiet des heutigen Nordirak entstehen – und damit würde der Irak seine wichtigsten Ölfelder rund um Kirkuk verlieren. Da der Verkauf von Öl einer der wichtigsten Faktoren der irakischen Wirtschaft ist, wäre die Gründung eines kurdischen Staates ein vernichtender Schlag für die irakische Volkswirtschaft. Aber nicht nur das: Der Irak ist ein Zentralstaat. Die Abspaltung einer so großen Gruppe wie den Kurden würde das empfindlich politische Gelichgewicht aus dem Takt bringen.

Und drum herum?

Doch nicht nur der Irak selbst würde die extremen Auswirkungen zu spüren bekommen. In der Türkei fürchtet man schon länger einen eigenen kurdischen Staat – die kurdische Minderheit in der Südtürkei könnte sich einem neuen Kurdistan an ihren Grenzen anschließen wollen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan versucht daher, die Kurden aktiv in seine Politik einzubinden. Da dies jedoch nicht glückt, sind die Signale, die aus Ankara für einen eigenen kurdischen Staat kommen, durchaus positiv zu deuten. Auch die türkischen Kurden scheinen das zu befürworten: So arbeitet die PKK zum Beispiel zurzeit auch mit den kurdischen Kämpfern der Peschmerga im Irak zusammen.

Ähnlich sieht die Situation zum Beispiel in Israel aus – hier geht es allerdings weniger um die Unabhängigkeit einer Minderheit. Dass die israelische Regierung die Gründung eines Kurdistans befürwortet hat eher strategische Hintergründe: Israel möchte keinen starken irakischen Zentralstaat in seiner Nachbarschaft haben. Die Abspaltung der Kurden und damit einhergehende Schwächung des Iraks wäre daher willkommen.

Internationale Akteure sind wichtig

Christoph Günther

Bei der Gründung eines eigenen kurdischen Staates spielen jedoch nicht nur die unmittelbaren Nachbarn eine wichtige Rolle – auch die internationalen Akteure haben viel Einfluss auf die Region. Auch die Position der deutschen Bundesregierung ist hier wichtig. Für den Islamistik-Experten Christoph Günther kommt die Unterstützung der Kurden durch Deutschland jedoch zu spät – die deutsche Regierung hätte schon viel früher eindeutig Stellung beziehen sollen.

mephisto 97.6 - Redakteurin Verena Ritter im Gespräch mit Christoph Günther über die Gründung eines kurdischen Staates im Irak.
Kurden im Irak
 

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Verena Ritter
15.08.2014 - 13:54

Christoph Günther arbeitet am Institut für Orientalistik der Universität Leipzig und forscht schon seit einigen Jahren zum „Islamischen Staat“. Vor allem beschäftigt er sich mit dem Auftritt der Gruppe im Internet. Er hält die Gründung eines eigenen kurdischen Staates zum jetzigen Zeitpunkt für nicht unwahrscheinlich.