Filmrezension: The Florida Project

Eiscremefarbene Parallelwelt

Das American Film Institute wählte das tragikomische Sozialdrama in seine jährliche Top 10. Bei den Oscars dagegen wurde der Indie-Darling "The Florida Project" in der Kategorie "Bester Film" glatt übergangen. Eine bedauernswerte Fehlentscheidung.
Mutter Halley und Tochter Moonee: Beste Freundinnen und Schwestern in "The Florida Project"
Ein bezaubernd unflätiges Mutter-Tochter-Gespann und Dreamteam: Halley (Bria Vinaite) und Moonee (Brooklynn Prince).

Es steht im Schatten von Disneys verheißungsvollem Magic Kingdom - "dem glücklichsten Ort der Welt" - und trägt auch noch einen ähnlichen Namen. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich dorthin unfreiwillig reiche Touristen verirren: In einem knalligen Violett-Gelb ragt das Magic Castle in den endlos strahlend blauen Himmel Kissimmees, Florida. Weder Barbie noch Disney-Prinzessinnen und Prinzen verbringen hier ihr Happily Ever After. Früher war in dem Gebäudekomplex ein Hotelbetrieb für die Vergnügungsparkbesucher untergebracht. Heute bietet er als Billigmotel vielen mittellos gestrandeten Familien eine dauerhaft-schäbige Bleibe. Zumindest solange, bis sie das Motelzimmer nicht mehr bezahlen können und gezwungen sind, mit ihren wenigen Habseligkeiten weiterzuziehen.

In diesem armseligen "Schloss" wohnt die schlagfertige 6-jährige Moonee (Shooting-Kinderstar Brooklynn Prince) mit ihrer alleinerziehenden, tätowierten und blauhaarigen Mutter Halley (auf Instagram entdeckt: Filmdebütantin Bria Vinaite), die gerade ihren Job verloren hat. Aufregende Sommerferien voller Spaß und imaginärer Spiele liegen hingegen vor der nicht um rotzfreche Widerworte verlegenen Monnee und ihren gleichaltrigen Freunden. Während ihre Streiche den nachsichtigen Motelmanager Bobby (William Dafoe) mehr als nur einmal in die Bredouille bringen, hat die aufmüpfige 22-jährige Halley ganz andere Sorgen. Jeden Tag muss sie aufs Neue tricksen, um die nötigen 38$ Dollar für die Miete aufzutreiben.

Energiegeladener und quietschfideler Anfang 

“The Florida Project“ hat vielleicht jetzt schon den Titel "bestgelauntester Filmbeginn des Jahres" sicher. Während der Vorspann läuft − die eingeblendeten, weißen Titel springen vor dem lilafarbenen Hintergrund regelrecht ins Auge −, lädt ein auf der Ton-Ebene einsetzender, grooviger Evergreen der Achtzigerjahre zum Mitwippen ein. 

Yahoo! (...) Ce-le-bra-tion Let's all celebrate and have a good time

schmettern Kool & The Gang euphorisch und es klingt wie ein selbstbewusstes Versprechen des Films: Hier darf das Publikum tatsächlich über weite Strecken eine "gute Zeit" verbringen. Die beschwingte Eingangssequenz gibt so treffend die Richtung für die folgenden, knapp zwei Stunden Laufzeit vor. Sean Bakers präzise beobachtete Milieustudie über die Vergessenen der US-Gesellschaft am Rand von Disneyworld ist kein in Schwermut badendes Elendskino. Ganz im Gegenteil: Der Grundton von “The Florida Project“ ist häufig wild, unbeschwert, sonnensatt, märchenhaft und farbenfroh − dabei aber nie zynisch, sondern stets voller solidarischem Mitgefühl für seine Figuren.

Brüder und Schwestern im Geiste der "kleinen Strolche"

Dass man angesichts der bitteren Armut im Mikrokosmos "Billigabsteige", in dem die Erwachsenen über den bekannten Disney-Slogan “If you can dream it, you can do it“ nur müde lächeln können, trotzdem nicht in Niedergeschlagenheit verfällt, ist der ungewohnten Erzählperspektive geschuldet: Durch die Kinderaugen von Monnee, Jancey und Scooty − eine kindliche Version der Musketiere − erlebt das Publikum diese magische "Scheinwelt". Deren pastellfarbener Anstrich kann trotzdem nicht über die Trostlosigkeit ihrer prekären Lebensumstände hinwegtäuschen.

Weil ein Besuch von Disneys Themenpark in utopischer Ferne liegt, erklärt das junge Heldentrio kurzerhand die heruntergekommene Motelanlage und surreal wirkende Nachbarschaft zu einem riesigen Abenteuerspielplatz. Es gibt Touristengeschäfte, die die Form und Farbe von Orangenhälften und Eiswaffeln nachahmen, und über einem Souvenirladen thront sogar ein gigantischer Gandalf-Zauberer. Zusammen mit ihren “Partners in crime“ stellt die gewitzte Monnee hier allerhand Blödsinn an. Der Fantasie beim Spielen sind dabei keine Grenzen gesetzt: Um die Wette auf fremde Autos spucken, Eisgeld mit zweifelhafter Argumentation − „der Arzt hat gesagt, wir haben Asthma und müssen sofort Eis essen“ − erbetteln, in abbruchreifen "Spukhäusern" ein Feuer entfachen und in der nahegelegenen Natur auf "Safari" mit Kuhherden gehen. 

Wiliam Dafoe in "The Florida Project"
 

"Popästhetische Wahrheitsvermittlung"

Semidokumentarisch heftet sich die Kamera den aufgedrehten Kids auf ihren Streifzügen an die Fersen. Konsequent ist sie auf den kindlichen Blickhorizont ausgerichtet. Bildausschnitte sind oftmals so gewählt, dass nur die Unterkörper von den tagtäglich um jeden Dollar feilschenden Erwachsenen zu sehen sind. Kameramann Alexis Zabe imitiert die geschärfte Sinneswahrnehmung der Kinder regelrecht: Die Geräuschkulisse ist lauter, die Farben sind stark gesättigt und die Geschmäcker sind intensiver.

Sozialrealismus trifft auf Märchenwunder

Regisseur Sean Baker verzichtet darauf, in "The Florida Project" eine kohärente Geschichte mit typischer Drei-Akt-Struktur und Spannungsbogen zu erzählen. Der Film kommt eher einer Aneinanderreihung von Anekdoten gleich − etwa, wenn Monnee ihre neu gewonnene Freundin zu ihrem umgestürzten Lieblingsbaum führt, um dort ein Picknick mit Marmeladenbroten zu veranstalten. In diesen vergänglichen Glücksmomenten beschwört der Film den Zauber unschuldiger Kindheit − und feiert ihre Vorstellungskraft, ihren Optimismus und unbändigen Unternehmungsgeist. Unweigerlich weckt das in einem nostalgische Erinnerungen an die eigene, vergangene Jugend. 

Die rührende Subkulturstudie scheut sich jedoch nicht davor, das Publikum auch mit der traurigen Lebensrealität der vor sich vegetierenden Billigmotelbewohner zu konfrontieren. Gefilmt sind diese entlarvenden Szenen aus der Sicht der jungen "Strolche" und entfalten durch diesen inszenatorischen Kniff eine enorme, emotionale Schlagkraft − so zum Beispiel, wenn die badende Monnee von der Gelegenheitsprostitution ihrer überforderten, aber liebevollen Punk-Gören-Mutter im Nebenzimmer erfährt oder sie wehmütig mitansehen muss, wie ihre rebellische Erziehungsbeauftragte gestohlene Eintrittsbänder zu dem Kinderparadies schlechthin − Disneyworld − an einen Touristen verscherbelt, weil das ergaunerte Geld bereits für lebensnotwenige Sachen wie Wohnen, Essen und Trinken eingeplant ist.

Augenblicke purer Lebensfreude und tiefer Verzweiflung − beides findet sich in "The Florida Project" wieder. Wie im echten Leben liegen hier Lachen und Weinen nah beieinander. Dass an realen Schauplätzen gedreht wurde und das hervorragende Ensemble vor der Kamera bis auf Schauspiel-Veteran William Dafoe nur aus Laiendarsteller besteht, trägt maßgeblich zu der filmischen Unmittelbarkeit und Authentizität bei. 

Wenn das Sozialdrama schließlich auf sein unausweichlich tragisches Ende zusteuert und der aus Selbstschutz erdachte Seifenblasentraum zu platzen droht, wohnt man einer unerwarteten 180-Grad-Wendung − quasi filmischen Realitätsverweigerung − bei. Wie seine zähe Protagonistin flüchtet sich "The Florida Project" zu dem orchestralen Cover von "Celebration" lieber in eine Heile-Welt-Fantasie − und spendet seinem Publikum mit einem Hoffnungsschimmer Trost:

Nach viel Regen und Bewölkung schenkt uns ein Regenbogen die Gewissheit, dass schon bald wieder die Sonne scheint. 

 

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The Florida Project

Kinostart: 15.03.2018

FSK: 12

Laufzeit: 111 Minuten

Regie: Sean Baker

Cast: Brooklyn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera, Valeria Cotto und andere

Der Film war bei den Oscars in der Kategorie Bester Nebendarsteller nominiert.