Literatur-Rezension

Einzigartig, rührend, glaubhaft.

Jedes Jahr kommen zahlreiche Bücher für Kinder und Jugendliche auf den Markt. Viele davon sind Durchschnitt, manche sogar belanglos. Die Besten aber werden durch den Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Nominiert wurde auch 'Papa, hörst du mich'.
'Papa, hörst du mich?' ist in den meisten Buchhandlungen zu erwerben.

Papa, hörst du mich?

von Tamara Bos und Annemarie von Haeringen

"Papa liegt im Zimmer. Nicht oben in seinem eigenen Bett. Unten, im Wohnzimmer. In einem Bett vom Krankenhaus. Das dürfen wir nicht behalten, hat Mama gesagt. Nur leihen. Papas Augen sind geschlossen. Er spricht nicht. Nicht mit mir. Nicht mir Danjo. Und auch nicht mit Mama. Aber er hört mich. Er hört, was ich sage. Nicht wahr, Papa? Hörst du mich? Ich bin es, Polle." [aus 'Papa, hörst du mich?']

Polle ist sieben Jahre alt. Sein Vater ist gestorben. Jetzt sitzt Polle neben dem Krankenbett im Wohnzimmer der Familie und spricht zu seinem toten Papa. Auf knapp 40 Seiten geht es um die Frage: Hört mich ein geliebter Mensch noch, wenn er tot ist?

"Ich finde es schön, mit dir zu reden. Auch wenn du nichts mehr zurücksagst. Ich rede weiter mit dir. Um dir zu erzählen, was so passiert. Und was alles passiert ist. Denn du bleibst mein Papa. Und ich weiß, dass du mich hörst." [aus 'Papa, hörst du mich?']

Für den kleinen Jungen ist der Fall klar. Selbstverständlich kann ihn sein Papa noch hören. Und so spricht er immer weiter: Erzählt von den trauernden Gästen, die Blumen mitbringen und den Geschehnissen bei der Beerdigung. Berichten vom Leben mit seiner Mama und seinem Bruder.

"Mama sagt, dass es für eine Mutter das Allerschlimmste ist, wenn ihr Kind stirbt. Aber ich weiß nicht, ob das wahr ist. Für ein Kind ist es auch sehr schlimm, wenn der Vater stirbt. Vor allem, wenn er so ein Vater war wie du." [aus 'Papa, hörst du mich?']

Das Kinderbuch berichtet aus der Perspektive des Kindes Polle. In Form eines langen Monologes schildert es die Gefühls- und Gedankenwelt des Kindes. Dabei überzeugt die einfache und klare Sprache. Kurze Sätze verdeutlichen unaufgeregt und gradlinig die Trauer des Kindes.

"Jetzt schläfst du nicht, aber es sieht genauso aus. Ich spiele allein Stratego. Das geht eigentlich nicht. Darum stelle ich nur die Figuren ordentlich auf. Rot zu rot. Und blau zu blau. Das ist auch nicht schlecht." [aus 'Papa, hörst du mich?']

Rote und blaue Soldaten zeigen auch die Abbildungen. Illustratorin Annemarie von Haeringen zeichnet den Kampf des Vaters um das Überleben; symbolisch abstrakt durch einen Kampf zwischen Soldatengruppen. Die Zeichnungen stehen frei, minimalistisch – und sind gerade deswegen so ausdrucksstark. Durch die Bilder bekommt die Geschichte eine neue Dimension: Der Textteil schildert, was in Polle vorgeht. Die Illustrationen zeigen, wie der Vater seine Krankheit erlebt hat. So berührt das Bilderbuch den Leser auf eine unaufdringliche Weise doppelt.

'Papa, hörst du mich?' fesselt auf eine einzigartige, rührende und vor allem glaubhafte Art und Weise.

 

Kommentieren

Kristine Arndt
12.08.2014 - 11:27
  Kultur

'Papa, hörst du mich?'

Verlag Freies Geistesleben

40 Seiten

14 Euro