CD der Woche

Breton - War Room Stories

Breton zeigen, wie der Aufnahmeort das Klangbild einer Band bestimmt. Als ihr Londoner Domizil abgerissen wurde, zogen sie nach Berlin. Im Funkhaus nahmen sie ihr Zweitwerk "War Room Stories" auf. Das Album besticht durch Vielschichtigkeit.
Treffen sich vier Briten und ein Pole: Kein Witz, sondern Breton

Vom Film zur Musik

Die Geschichte von Breton beginnt nicht mit einer klassischen Bandgründung. Als sich der polnischstämmige Roman Rappak, heute zuständig fürs Singen und Songwriting, mit Adam Ainger, Ian Patterson, Ryan McClarnon und Daniel McIlvenny zusammentat, waren sie ein Kollektiv von Filmemachern. Gleichzeitig waren sie aber auch Produzenten und Klangkünstler. Sie gründeten im Süden von London ihr Hauptquartier, die BretonLABS.

Dort drehten sie experimentelle Kurzfilme, erstellten aber auch Video- und Sounddesigns für andere Künstler wie Tricky oder The Temper Trap. Dann kamen noch Remixe von Musikern wie Lana del Rey, Alt-J und die Local Natives hinzu. Schließlich entstanden eigene Kompositionen. Die Debüt EP "Sharing Notes" erschien 2010, im gleichen Jahr erschien "Practical". Die englische Musikpresse ist begeistert. 2011 kam dann schon die dritte EP "Counterbalance" heraus und im Folgejahr das Debütalbum "Other People's Problemes".

Ihr Markenzeichen: druckvolle Beats, schonungsloser Effekteinsatz und Geräuschschnipsel, die sie wie zufällige Fundstücke am Wegesrand auflesen. Dazu kommen noch die leidenschaftlichen, aber auch rätselhaften Texte von Roman Rappak. Nach einem Jahr auf Tour müssen sie dann den Abriss ihrer BretonLABS hinnehmen. Doch sie machen aus der Not eine Tugend und gehen für die Aufnahmen zu "War Room Games" nach Berlin ins geschichtsträchtige Funkhaus, der Rundfunkanstalt der DDR. Auf dem dort erstandenen zweiten Werk hat sich die Instrumentenpalette deutlich erweitert.

Ertränkte Schönheit

Das Artwork des Albums von Breton zeigt einen Schmetterling, der mit blau schillerndem Nagellack übergossen wurde. Auch die Singles zeigen verschiedene, scheinbar wahllose Objekte, die nachträglich mit viel Farbe verfremdet wurden. Der 'getünchte Papillon' steht sinnbildlich für die Gegensätze, die einem im alltäglichen Leben begegnen. Etwas von Natur aus Schönes, über das man eine große Portion Künstlichkeit gegossen hat.

Dieses Bild lässt sich eins zu eins auf die Musik von Breton übertragen. Die Band hat über alles eine dicke Schicht Effekte gelegt. Die erste Singleauskopplung "Got Well Soon" ist beispielsweise eine regelrechte Mauer aus Synthesizerklängen und dumpfdröhnendem Beat. Bei "Legs & Arms" erhebt sich Rappaks verzerrte Stimme über eine Lawine aus Bläsern. Das ruhige "S4" baut sich langsam auf und behält trotz einer Fülle von Klängen eine ätherisch-schwebenden Note. Die wichtigsten Zutaten hierbei sind Streicher und ein beunruhigendes Geräusch, das sich wie das Wetzen von Klingen anhört. Überhaupt finden sich über das ganze Album verteilt Fieldrecordings; kaum erkennbare Gesprächsfragmente, Schritte und Kirchenglocken. Eine Ausnahme zu all dem Überladenen bietet da vielleicht noch der Opener "Envy".

Mit fast klassischer Indierockbandbesetzung servieren sie einen Ohrwurm mit einem Hauch karibischer, wohlkalkulierter Leichtigkeit. "Envy" weist eine Ähnlichkeit zum Math Rock auf, jener Weiterentwicklung des Progressive Rocks, die man von Bands wie Foals oder Maps & Atlases kennt. Der Text ist dabei eine kleine Lektion, was Liebe alles nicht ist. Rappak verknüpft das Ganze lyrisch mit einem Memento mori, einem symbolischen Verweis auf die unausweichliche Vergänglichkeit von Augenblicken und einer Selbst. Auf ihrem Soundcloudprofil findet man von "Envy" einen kaum wiedererkennbaren, weil wesentlich langsameren "Orchestral Remix". Die Titulierung verdeckt im typischen Produzentenfachjargon, dass es sich im Gegensatz zum herkömmlichen Remix, nicht um eine Verfremdung handelt, sondern um eine reine Instrumentalversion - ausnahmsweise einmal nicht ertränkt. 

 

 

Geschichten aus der Einsatzzentrale

Breton haben schon im Vorfeld bewiesen, dass sie Ecke und Kanten besitzen. Die Widrigkeiten dieser Welt waren stets ein Thema bei den Bild- und Tonkünstlern. Ein kurzes fünf Jahre altes Video mit dem Titel "Dear Heath" von Rappak und Ainger zeigt einen gekränkten Liebhaber, der sich mit terroristischen Aktionen rächt. Im Video zu "Got Well Soon" rettet ein juveniler Einbrecher eine Gleichaltrige, die sich gerade erhängen wollte, ungeachtet ihrer fernsehenden Eltern im Wohnzimmer. Und genau diese Rettung zeigt, dass immer noch ein Grund zur Hoffnung besteht.

Es klingt tröstlich wenn Rappak meint, dass man in Sachen Liebe vielleicht noch nicht alles begriffen hat und sagt, "... dass es okay ist, auch wenn man bisher nur ein Tourist war, der nicht vermochte, seine Koffer richtig zu packen". Mit Inbrunst verlangt er in "National Grid" nach dem Recht zum Scheitern. Er proklamiert, dass man auch mal aufgeben darf.

Bei all diesen persönlichen, inneren Kämpfen verwundert der martialische Titel wenig. Der 'War Room', die Einsatzzentrale, wo sich Kriegs- oder Krisenstab treffen war dem Kollektiv schon immer wichtig. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich die fünf Briten die Bezeichnung 'BretonLABS' zumindest als Titel ihres Soundcloudprofils bewahrt haben.

 

 

 

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Sabine Wiesner
05.02.2014 - 13:10
  Kultur

Breton: War Room Stories

Tracklist:

1. Envy*
2. S4*
3. Legs & Arms
4. Got Well Soon*
5. Closed Category
6. National Grid
7. Search Party
8. 302 Watchtowers
9. Brothers
10. Fifteen Minutes
*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 07.02.2014
Cut Tooth/Believe Recordings

Konzerttermine:
20.02.14 Köln (MTC)
24.02.14 Hamburg (Uebel&Gefährlich)
26.02.14 Berlin (Privatclub)