Gespräche auf dem Roten Sofa

Einer, der auszog, Horror zu verbreiten

Was macht ein 17-Jähriger dessen Zuhause eine Insel ist, die durch Atomwaffentests im Ozean entstand und dessen Eltern spurlos verschwinden? Er erzieht sich selbst mit Horrorfilmen.
Sascha Macht im Interview mit Thede Thiessen
Sascha Macht liest aus seinem Adoleszensroman, der keiner sein will.

Der 17-jährige Bruno Hidalgo lebt auf einem abgelegenen Eiland, das in den 1940ern infolge von Kernwaffentests aus dem Meer aufgestiegen ist. Dort wächst er auf und entwickelt ein Interesse fürs Filmen. Eines Tages fahren seine Eltern, wie so oft, in die Hauptstadt der Insel, doch kommen sie nicht zurück und bleiben verschwunden. Bruno nimmt seine Erziehung in die eigene Hand, wobei ihm bald die schlechten Horrorfilme aus dem Krämerladen des „Schönen Hans“ helfen. Er verliert sich im exzessiven Ansehen der Filme und entwickelt eine Obsession für sie und ihre ebenso gescheiterten Regisseure. Währenddessen versucht er sich auf der Insel zurechtzufinden und erwachsen zu werden, trifft dabei Gestalten, wie den „Preußen“ oder die junge Familie um Johnny, Sylvie und Liam. Mit ihnen reist Bruno über die halbe Insel mit einem Ziel: seine Horrorfilmsammlung bei den Republikanischen Filmfestspielen zu präsentieren. Doch dann beginnt auch der Putsch der Revolutionäre aus den Bergen.

Ich hörte die Stimme des Preußen nah an meinem Ohr, der mir zuflüsterte, all dieses Verschwinden sei letztlich gar nicht so rätselhaft, wenn man bedenke, dass die Verschwundenen ja wüssten, weshalb und wohin sie verschwunden seien. Ich widersprach ihm vehement, ...

 

In Der Krieg im Garten des Königs der Toten steht Bruno Hidalgo im Mittelpunkt. Er erzählt von der Zeit nach dem Verschwinden seiner Eltern und stellt seine elternlose Sozialisierung inmitten der ständigen Unruhen auf der Insel dar. Dabei nähert sich die fiktive Inselwelt einer allzu bekannten Realität und Brunos Hineinwachsen in die Mündigkeit, was sich zwar äußert obskur präsentiert, beschreibt dahinter aber das ganz normale Heranwachsen eines Jugendlichen mit seinen Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Ausflüchten und Eskapaden. Dazwischen erzählen ominöse Charaktere noch ominösere Geschichten aus ihrem Leben und immer wieder die Beschreibungen der abgrundtief schlechten Horrorfilme, dass es Lust macht sie zu sehen und sich wie Bruno in ihnen zu verlieren, das kleines bisschen Hoffnung zu finden, das Bruno in ihnen sieht.

Und wer, zum Geier!, ist überhaupt verschwunden?, fragte ich. Die, die wir, die noch da sind, für verschwunden halten, oder wir selbst, die ja für die von uns als verschwunden Bezeichneten ganz eindeutig ebenfalls verschwunden sind? Ja, ja, sagte die Stimme des Preußen, leiser und leiser werdend, da gibt man sich solche Mühe, aber die Begriffe reichen vorn und hinten nicht aus.

Auf dem Roten Sofa

Dem Roman geht eine Kurzgeschichte voraus: Ein Kreuzfahrtschiff begibt sich auf die Reise nach Chile und verschwindet. Sascha Macht gesteht, dass ihm danach die Puste ausging und er die Geschichte auf Eis legte. Doch dann wurde aus dem Kreuzfahrtschiff eine Insel und die Inspiration kam zurück. Das Schiff ist auch nicht gänzlich verschwunden: Es hat einen kleinen Cameo-Auftritt in einem von Brunos Horrorfilmen.

Sei es Kreuzfahrtschiff oder Insel, die Besonderheit begrenzter Räume gefällt dem DLL-Absolventen und im nächsten Roman wird es "vielleicht ein Kinderheim", überlegt Sascha Macht.

Sascha Macht im Gespräch mit Thede Thießen.
Sascha Macht im Gespräch mit Thede Thießen.
 

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Sascha Macht wurde 1986 in Frankfurt an der Oder geboren und studierte von 2007 bis 2014 am Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Prosa, Lyrik und Drama und veröffentlichte in Literaturzeitschriften und Anthologien, z. B. „Edit“ aus Leipzig. Zudem erhielt er verschiedene Stipendien vom „Künstlerhaus Lukas Ahrenshoop“, der „Stiftung Brückner-Kühner“ und der „LCB-Autorenwerkstatt Prosa“.

"Der Krieg im Garten des Königs der Toten" ist sein Debütroman.