Stadtgeschichte

Eine Stolperschwelle zum Gedenken

Auf den Spuren der Aufarbeitung eines Nazi-Verbrechens: Wie wird heute der Ermordung behinderter Menschen im Leipziger Stadtteil Dösen gedacht?
Die Stolperschwelle in Dösen
Die Stolperschwelle in Dösen

Bis vor drei Wochen erinnerte in Leipzig Dösen nichts an die grausamen Verbrechen, die hier von den Nazis im Dritten Reich begangen wurden. In der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Dösen wurden mindestens 624 Kinder ermordet, 604 Erwachsene zwangssterilisiert, sowie 860 Menschen in die Tötungsanstalt Pirna Sonnenstein im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“ deportiert. Der Begriff „Euthanasie“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „schöner Tod“. Die Nazis missbrauchten dieses Wort zur Bezeichnung der systematischen Morde an körperlich und geistig behinderten Menschen als Teil ihrer sogenannten „Rassenhygiene“.

Euthanasie

Nachdem die Nazis bereits 1933 das Sterilisationsgesetz für geistig behinderte Menschen beschlossen hatten, wurde wenige Jahre später die sogenannte „Euthanasie-Ermächtigung“ bewilligt. Ein umfassendes Programm zur Ermordung körperlich und geistig behinderter Kinder wurde entwickelt.

In Dösen waren die ersten Opfer Kinder im Alter von unter drei Jahren. Die Aufarbeitung der Verbrechen war bis in die 90er Jahre mühsam, da es nur wenige Informationen über den Verbleib der Kinder gab. In Leipzig erhielt die Forschung durch einen zufälligen Fund auf dem Friedhof Ost neuen Auftrieb. Dort wurden insgesamt 35 Urnen gefunden, die eindeutig den Opfern aus Dösen zugeordnet werden konnten.

 

Pflegeanstalt Dösen
Heute steht die ehemalige Pflegeanstalt leer

Die Stolperschwelle

Seit kurzem finden Passanten gegenüber des Gebäudes in Dösen in Erinnerung an das Leid der Opfer eine sogenannte Stolperschwelle: Hierbei handelt es sich um einen im Boden verlegten Stein mit einer Messingtafel, auf der die Anzahl der Opfer zu lesen ist. Der Berliner Künstler Gunter Demnig hat das Projekt der Stolpersteine bereits 1992 ins Leben gerufen. Seit 10 Jahren erinnern in Leipzig Stolpersteine an das Schicksal von Opfern der nationalsozialistischen Diktatur.

Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen. Und wenn du den Namen lesen willst, musst du dich vor dem Opfer verbeugen.

 

fasst der Künstler seine Idee zusammen. Die Stolpersteine bilden das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Privatpersonen können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld in Höhe von 120 €  für einen, mehrere oder auch nur Teile eines Steins spenden. Eine Leipziger Werkstatt für behinderte Menschen, die Diakonie am Thonberg, hat die Patenschaft für die Stolperschwelle in Leipzig Dösen übernommen

In der Broschüre des Archivs Bürgerbewegung, das sich um die Verlegung der Stolpersteine in Leipzig kümmert, kann man lesen:

Erst wenn der Name vergessen wird, stirbt ein Mensch endgültig.

 

In Dösen vergisst man das begangene Unrecht jetzt nicht mehr: Seit drei Wochen werden die Passanten erinnert, was an diesem Ort geschehen ist. 

 

Hier der Beitrag in voller Länge zum Nachhören:

Philine Kreuzer zum Thema Stolperschwellen in Leipzig Dösen
 
 

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