CD der Woche

Eine Reise unter die Haut

Seit 12 Jahren machen Maritime zusammen Musik. Trotzdem werden sie immer noch an ihren Vorgängerbands gemessen. Warum das so ist, und was das Album „Magnetic Bodies/Maps Of Bones“ zu bieten hat, verraten wir hier.
Machen es sich inzwischen lieber mal gemütlich: die Band Maritime.
Machen es sich inzwischen lieber mal gemütlich: die Band Maritime.

Es ist schon seltsam, wenn bei Gesprächen über eine Band, die schon seit 12 Jahren Musik macht, immer der Name der Vorgängerband fällt. Dann muss die schon sehr einflussreich oder wichtig gewesen sein. Oder das aktuelle Bandprojekt nicht schon von sich heraus interessant genug.

Wer über die Band Maritime spricht, vergisst nie zu erwähnen, dass zwei der Bandmitglieder bei The Promise Ring gespielt haben, eine der wichtigsten Bands für das Genre Emo (von Emotional Hardcore). Das Musikgenre hat sich aus Hardcore und Punk entwickelt und nichts mit schwarz gekleideten Jugendlichen mit ulkigen Frisuren zu tun. Sänger Davey von Bohlen und Schlagzeuger Dan Didier hielten nach der Auflösung der Band die Fahne hoch. „Wir hatten noch Energie, wollten aber erstmal gucken, ob wir immer noch den Anspruch haben, uns musikalisch weiter zu entwickeln“, gab Davey von Bohlen dem Onlinemagazin Raven & Crow zu Protokoll.

Von allem dem wusste ich nichts, als ich 2004 im Plattenladen meines Vertrauens das Album Glass Floor entdeckte. Die Platte war auf Grand Hotel Van Cleef erschienen, dem Label von Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch. Für Indie-Freunde wie mich damals schon ein eigenes Gütesiegel.

Aber das ist lange her.

Jetzt ist das fünfte Album „Magnetic Bodies/Maps of Bones“ erschienen. Dabei hat sich der typische Maritime-Sound auch hier nicht grundlegend verändert. Immer noch dominieren flächige Gitarren-Sounds und feine Pop-Melodien, die vor allem von der charakteristischen Stimme Davey von Bohlen leben.

Kann denn Liebe Synthie sein?

„Nothing Is Forgot“ singt er im gleichnamigen Opener des Albums: „Our Bodies Are Graves“. Eine düstere Botschaft, aber angenehm heimelig klingt das Stück. Leichte Orgelklänge mischen sich unter die Gitarrenriffs.

Danach startet die Single „Satellite Love“ mit ungewohnten Synthie-Flächen, die dem geerdeten Rock-Klang fast eine Priese zu viel Pop gönnen. Aber vielleicht machen sie nur offensichtlich, was auch auf diesem Album kein Geheimnis ist: MARITIME sind eine waschechte Popband. Mit schwelgenden Melodien, mehrstimmigen Gesangspassagen und ganz viel Akustikgitarre. Das kann schon mal fast kitschig werden, wie beim Song „War Tattoos“, aber nie peinlich. 

Insgesamt gehen Maritime auf „Magnetic Bodies/Maps Of Bones“ wieder angenehm nach vorne. Stücke wie „Inside Out“ beweisen ihre Wurzeln im Punkrock. Vielleicht hat auch die Reunion von The Promise Ring die Freude am Krach wieder wachgerüttelt. Denn auch wenn Maritime vor allem Familienväter sind, die unter der Woche ihren Jobs nachgehen und viel weniger das heimische Milwaukee verlassen, der Spaß an der Musik ist geblieben.

Intime Beobachtungen

Magnetic Bodies/Maps Of Bones lebt auch vom dynamisch-komplexen Schlagzeugspiels von Dan Dinier, der seine Wurzeln im Hardcore nicht verbergen kann, und so auch mal einer Ballade kraftvolle Akzente verleiht. Denn die finden sich natürlich auch auf dem Album.  „I Would Start A Fire To Light You Up“ kann auf jeden Fall doppeldeutig verstanden werden. Und wenn von Bohlen „I Love You In The Dark“ singt, fühlt man sich wie ein intimer Beobachter im Schlafzimmer des Sängers. Der beschäftigt sich schon seit längerem mit dem menschlichen Körper.

Auf dem 2011er Album „Human Hearts“ findet sich auch schon ein Stück mit dem Titel „Black Bones“. Diese Idee ist auf „Magnetic Bodies/Maps of Bones“ konsequent weitergedacht. Ein Grund dafür könnte eine Operation sein, die er sich Anfang der 2000er Jahre unterziehen musste. Dabei wurde ein gutartiger Tumor aus seinem Gehirn entfernt.

Fazit

Zum Ende hin nimmt das Album noch mal richtig Fahrt auf. „Inside Out“ verweist auf die Emo-Vergangenheit der Band. Und so ist es nicht schlimm, wenn schon wieder von Promise Ring gesprochen wird, wenn es um Maritime geht. Denn die eigenen Wurzeln lassen sich nicht leugnen. Aber nur daran gemessen zu werden, dass haben Maritime nicht nötig. Dafür sind ihre Platten viel zu eigenständig.

 

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Maritime: Magnetic Bodies / Maps of Bones

Tracklist:

1 Nothing Is Forgot
2 Satellite Love*
3 Roaming Empire
4 Light You Up*
5 War Tattoos
6 Drinking Peru
7 Collar Bones
8 Inside Cut
9 Love You In The Dark*
10 When The Bone Moon Dies

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 16.10.2015
Grand Hotel Van Cleef

Netz-Tipps

Auch The Promise Ring sind wieder aktiv. Zu Silvester 2015 ist ein Neujahrskonzert in Chicago geplant, wo sie ihr 97er Album „Nothing feels good“ komplett spielen werden. Schon 2012 fand sich die Band für eine kleine Tour zusammen.

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