US-Wahl 2020

Eine kleine Geschichte des Wahlkampfes

Tweets, Umfragen, TV-Debatten - seit Monaten ist die Wahl des US-Präsidenten das Thema in den Medien. Doch wie sah Wahlkampf vor 100 Jahren aus, in einer Zeit ohne Fernsehen oder Twitter? Ein kleiner Einblick in die Anekdoten der Wahlkampfgeschichte.
Stolz hält Truman eine Ausgabe der Chicago Tribune hoch, die fälschlicherweise seine Niederlage verlündet
Fake News: Nach seinem Wahlsieg hält Harry Truman eine Zeitung in die Kamera, die fälschlicherweise seine Niederlage verkündet.

Chaos im Wahljahr 2020

Die Kritik zur ersten TV-Debatte war vernichtend: Chaos, Unterbrechungen ohne Ende, beinahe Kindergarten. Neben Twitter, Live-Schlagzeilen und Reportagen, ist die Debatte nur ein kleiner Baustein des Wahlkampfes in den USA.

Eine Nation wird geboren - und mit ihr der Wahlkampf

1789 wird George Washington Präsident der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Die Wahlmänner wählen ihn einstimmig, wohl auch, weil es keinen offiziellen Gegenkandidaten gibt. Beide Aspekte sind einzigartig für die erste Wahl des Präsidenten in den USA. Nach George Washingtons zweiter Amtszeit ist ein Wahlkampf aber unausweichlich – und eine Herausforderung. Das Land ist damals nicht nur mehr als doppelt so groß wie das heutige Deutschland. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben auf dem Land. Es gibt keine Züge, keine Flugzeuge, kein Radio und kein Fernsehen. Und es gilt als unschicklich für die Kandidaten, vor den Wählern aufzutreten und um Stimmen zu buhlen.

Stattdessen müssen Unterstützer vor Ort die Wähler für sich gewinnen und dafür sie Grillpartys, Paraden, große Rallyes oder gar riesige Fackelumzüge veranstalten. Alles nur eben ohne Kandidaten. Es liegt nahe, dass eben diese Events vor allem in ländlichen Regionen beliebt sind.

Die Medien geben den Ton an

Und nicht nur bei gemeinschaftlichen Ereignissen findet Wahlkampf statt. Zeitungsverleger und Publizisten wittern ihre Chance und drucken Flyer, Postkarten und Flugblätter im Auftrag der Präsidentschaftsanwärter. Viele der unzähligen US-amerikanischen Zeitungen nehmen ihre politische Ausrichtung durchaus wörtlich und berichten zugunsten eines Kandidaten. Besonders Cartoons sind ein wichtiges visuelles Mittel, um den Gegner anzugreifen oder die Politik satirisch zu verspotten. Auch gerne fernab jeder Sachlichkeit. Beinahe jeder Kandidat erscheint früher oder später in einem Cartoon, doch vor allem der spätere Präsident Abraham Lincoln wird in den 1860er Jahren vielfach abgedruckt. Seine Gegner greifen ihn besonders in seinem zweiten Wahlkampf dafür an, die Sklaverei abschaffen zu wollen. So veröffentlicht zum Beispiel die New York World 1864 einen rassistischen Cartoon, der die Gesellschaft nach Abschaffung der Sklaverei abbilden soll. Nicht nur hätten in diesem Fall weiße Männer schwarzen Ehefrauen. Sogar der Präsident würde es wagen, sich zur Begrüßung vor einer schwarzen Frau zu verneigen.

Lincoln abgebildet, wie er sich vor einer schwarzen Frau verneigt.
Eine Welt ohne Sklaven - so malt sie sich die rassistische New York World im Wahljahr 1864 aus.   

William Harrison: Pionier und Revolutionär

Die Themen um Lincolns Wahlkampf mögen besonders kontrovers gewesen sein. Den Wahlkampf selbst zu revolutionieren, gelingt jedoch über zwanzig Jahre zuvor einem ganz anderen Kandidaten: William Henry Harrison. 1840 tritt er als erster Kandidat für die konservative Whig Party an, einer Nachfolgerin der Republikanischen Partei. Ein Korrespondent des Baltimore Republican äußert sich im Wahlkampfjahr abfällig über Harrison:

Gebt ihm ein Fass Apfelwein und eine Rente von zwei Tausend Dollar pro Jahr, und ich verspreche euch, er wird den Rest seiner Tage in einer einfachen Blockhütte verbringen und über Moral philosophieren.

Ein Korrespondent des Baltimore Republican 1840 

Die Whigs nehmen sich diese Vorstellung für ihren Wahlkampf unerwarteterweise zu Herzen. Von da an versuchen sie, die ländliche Bevölkerung für sich zu gewinnen, vor allem im Süden der USA. Delegierte bauen Blockhütten und veranstalten Rallyes, auf denen sie Unmengen von Apfelwein ausschenken. Außer viel Alkohol haben sie noch zwei weitere Asse im Ärmel: Es gelingt ihnen, Frauen davon zu überzeugen, Wahlwerbung für die Whigs zu machen, und das, obwohl diese noch nicht einmal wählen dürfen. Außerdem wagt es William Harrison mit einer altbewährten Tradition zu brechen. Auf manchen Rallyes hält er nun persönlich Wahlkampfreden vor seinen Wählern.

Mit dieser Strategie haben die Whigs Erfolg: Nicht nur werden ihre Wahlkampfveranstaltungen mit bis zu 30.000 Menschen die größten seit der Gründung der USA. Harrison gewinnt tatsächlich die Wahl. Allerdings stirbt er schon einen Monat nach Amtsantritt an einer Lungenentzündung, die er sich wahrscheinlich bei seiner zweistündigen Antrittsrede im strömenden Eisregen zugezogen hat.

William Harrison als 9. Präsident der USA
Revolutionärer Wahlkampf, vergessene Amtszeit: der Kandidat und spätere US-Präsident William Harrison   

Zug um Zug

Harrison ist jedoch noch in einem weiteren Punkt Pionier: Als Erster fährt er mit dem Zug, um für den Wahlkampf durchs Land zu reisen – zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Novum, lange bevor Autos das Land erobern. Etwa 100 Jahre später sind Züge das wichtigste Transportmittel, um die USA zu durchqueren. Knapp 5.500 Kilometer sind es immerhin von Ost nach West. Für Harry Truman wird 1948 der Zug deshalb zu seiner entscheidenden Strategie. Auf seiner „whistle-stop-tour“ legt er über 40.000 Kilometer im Zug zurück, oft auf offener Strecke hält er mehr als 340 Reden und erreicht damit ungefähr 6 Millionen Amerikaner*innen. Lohnende Anstrengungen, denn Truman wird überraschend wiedergewählt.

Dampflok auf schienen
Der Zug: in den 1940ern für den Wahlkampf unabdingbar, um weite Teile der USA zu erreichen   

Neue alte Wahlkampfslogans

Zur Strategie im Wahlkampf gehört nicht zuletzt auch ein guter Wahlkampfslogan. Besonders kreativ zeigt sich 1928 der Demokrat Alfred Smith. In Zeiten der Prohibition verspricht er, die feuchten Träume der Amerikaner*innen wieder wahr werden zu lassen. Richard Nixon skandiert bei seiner ersten Wahl noch selbstsicher „Nixon’s the one.“ Und Trumps markanten Wahlspruch „Make America Great Again“ hat auch schon Ronald Reagan 1980 für sich beansprucht – allerdings nicht auf Twitter.

Den kompletten Beitrag gibt es hier zum Nachhören:

Eine kleine Geschichte des Wahlkampfes - ein Erklärstück von Wiebke Stedler
Beitrag US-Wahlkampf Wiebke Stedler   
 
 
 

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Wiebke Stedler
02.11.2020 - 14:25