Musikalische Komödie

Eine absurde Reise rund um die Welt

Mit der konzertanten Premiere von Leonard Bernsteins „Candide“ schließt die Musikalische Komödie Lindenau die Spielzeit 2016/2017 ab.
Candide, MuKo Leipzig
Bleibt trotz aller Schicksalsschläge optimistisch: Candide (Jeffery Krueger)

„Wir leben in der bestmöglichen aller möglichen Welten“. In diesem naiven Glauben, vermittelt durch ihren Lehrer Dr. Pangloss, wachsen Candide, Kunigunde, Paquette und Maximilian im goldenen Käfig des gräflichen Schlosses auf. Der plötzlich hereinbrechende Krieg vertreibt sie aus ihrem Paradies in alle Himmelsrichtungen. Es folgen allerhand Katastrophen, die alle wie durch ein Wunder überleben: Vulkanausbruch, Schiffbruch, Sklaverei, Auspeitschung und Hinrichtung durch die Inquisition, Vergewaltigung und versehentlicher Mord sind dabei nur ein paar der Ingredienzen, aus denen diese haarsträubende Geschichte besteht. Am Ende kann der gutgläubige Candide doch noch seine geliebte, wenngleich nicht mehr ganz unversehrte Kunigunde in die Arme schließen mit der Erkenntnis, dass das viel gesuchte Glück nur durch die Freude an den kleinen Dingen zu finden ist.

Doppelbödig und bissig

Das Sujet für diese „Comic Operetta“ basiert auf dem gleichnamigen Roman Voltaires, der darin die These des Philosophen Leibnitz, wonach unsere Welt die beste sei, in satirisch-bissiger Manier ad absurdum führt und der spießbürgerlichen Gesellschaft samt ihren hohen Amtsträgern einen entlarvenden Spiegel vorhält. Logisch, dass das provokante Werk seinerzeit sofort auf dem Index landete. Bernstein wiederum nutzte Voltaires satirisches Werk, um dem nach den Weltkriegen etablierten, scheinbar perfekten „American Way of Life“ kritisch-satirisch zu hinterfragen und gleichzeitig eine Hommage an die europäische Musik zu verfassen. Denn mit seinem wilden Mix aus komischer Oper, Operette und Musical lässt sich „Candide“ in keine Genre-Schublade pressen. Polkas, feurige Flamencos, eine Koloraturarie im besten Belcanto-Stil und revueartige Nummern wechseln einander ab und treiben die Geschichte über mehrere Kontinente.

Alles andere als eine Stehparty

Die musikalische Leitung hat Chefdirigent Stefan Klingele, der die unglaublich schmissige Musik mit viel Pfeffer, rhythmischer Finesse und Lässigkeit dirigiert. Da er und das Orchester außerdem auf der Bühne stehen, hat der geneigte Zuschauer Gelegenheit, die Musiker auch mal näher in Augenschein zu nehmen. Da bietet es sich natürlich an, den Dirigenten auch szenisch ein wenig mit einzubeziehen. Denn Chefregisseur Cusch Jung macht aus einer scheinbar biederen konzertanten Aufführung eine witzige Jagd rund um die Welt und lässt die Sänger szenisch viel miteinander agieren. Es wird gerannt, getanzt, geschlagen und geliebt; als Running Gag etwa werden die Akteure stets gestört, wenn sie gerade mit der schönsten Nebensache der Welt beschäftig sind, sodass keinerlei Langeweile aufkommt.

Die Notenständer sind zwar immer in der Nähe, stören jedoch keinesfalls die Szenerie, sondern werden im Gegenteil auch als Requisiten genutzt. Und wenn Kunigunde, nunmehr Mätresse eines Kannibalenkönigs und des Papstes, „Be Glitter and be Gay“ anstimmt und genüsslich in einer Truhe mit Schmuck wühlt und die Sektflasche schwenkt, oder Candide und Dr. Pangloss verhaftet werden, fällt eigentlich kaum auf, dass es „nur“ eine konzertante Aufführung ist, deren bühnenwirksame Umsetzung mit wenigen, aber effektiven Mitteln bestens gelingt.

Premiere Candide
Musikalische Komödie

In der Titelrolle glänzt Jeffery Krueger mit wunderbar leichtem, lyrischen Tenor und gibt sehr überzeugend den jungen, naiven Mann, der trotz aller Schicksalsschläge an das Gute glaubt. Genauso großartig: Mirjam Neururer als gleichermaßen unschuldige wie clevere Kunigunde, die nicht nur die berühmte Bravourarie wunderbar meistert, sondern auch darstellerisch ein echtes Dreamteam mit Jeffery Krueger bildet. Den Gegenpol dazu bildet Milko Milev als weiser Voltaire/Dr. Pangloss, der mit sonorem Bassbariton und schöner Erzählstimme durch die verworrene Handlung führt. Angela Mehling ist eine kecke Paquette und Hinrich Horn mit einem in allen Lagen wunderbar voll tönendem und geschmeidigen Bariton sowohl ein eitler Maximilian als auch ein ehrfurchtsgebietender Papst.

Ebenfalls herrlich: Sabine Töpfer als exzentrische alte Dame und Andreas Rainer in einer Doppelrolle als Kannibalenkönig und lüsterner Gouverneur. Der Chor ist ebenfalls mit viel Spielfreude präsent und hat dieses Mal auch die Gelegenheit, sich in einigen kleinen solistischen Rollen zu zeigen.

Fazit

Mit leider nicht ganz ausverkauftem Haus, dafür aber sichtlich begeistertem Publikum schließt die Musikalische Komödie die diesjährige Spielzeit mit einem echten Hit ab. Insofern sollte man sich die letzte Aufführung nicht entgehen lassen!

 

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Weitere Aufführungen:

25.06. 2017 // 27.06.2017

Trailer zur Candide: