Leipziger Buchmesse

Einblicke in das Gastland Rumänien

Rumänien war Gastland auf der diesjährigen Buchmesse. In über 50 Veranstaltungen konnte man sich ein Bild über die Kulturszene des Landes machen. Unsere Redakteurin hat sich zu diesem Anlass mit Rumäniens Literatur und Politik auseinandergesetzt.
Rumänische Literatur in einem Leipziger Buchladen
Rumänische Literatur in einem Leipziger Buchladen

Den ganzen Beitrag gibt es hier zum nachhören:

Rumänien als Gastland - Ein Länder- und Kulturportrait von Anna Bertram
 

Am Kreuzweg zwischen Okzident und Orient

Wir sind – milde ausgedrückt – ein komplizierter Ort. Wir sind sozusagen noch auf der Suche nach unserer Seele. Und wenn man nach seiner Seele sucht – ob in großen Gemeinschaften wie Nationen zum Beispiel, oder in kleineren Kreisen, kommt nach einer Weile immer Literatur.

Emil Hurazeanu, rumänischer Botschafter

Das hat der rumänische Botschafter und Autor Emil Hurazeanu auf einer Ausstellungseröffnung zur Buchmesse in Leipzig gesagt. Nach zwanzig Jahren ist Rumänien dieses Jahr zum zweiten Mal Gastland auf dem Messegelände. 
Das Land zwischen Karpatengebirge und dem Schwarzen Meer hat seit Jahren mit politischer und wirtschaftlicher Instabilität zu kämpfen. Seit der Unterzeichnung des Vertrags für den Fastland-Auftritt bei der Buchmesse ist derzeit bereits der fünfte Kulturminister im Amt. Und das innerhalb von zwei Jahren.

Doch beeinflussen die politischen Unsicherheiten die Kultur- und Literaturszene Rumäniens? Anke Pfeifer arbeitet als freischaffende Rumänistin und hat den rumänischen Prosaband "Das Leben wie ein Tortenboden" herausgegeben, dessen deutsche Übersetzung auf der diesjährigen Buchmesse erscheint. Pfeifer erklärt, man habe sich in der rumänischen Literatur traditionell sehr intensiv mit der nationalen Spezifik befasst. Mit dem, was das Rumänentum am Rande Europas in einem Land am Kreuzweg zwischen Okzident und Orient ausmacht. Die Frage stehe auch heute noch, gerade junge Autoren seien in und mit ihrer Literatur zweifellos auf Sinnsuche. Die Orientierung, besonders der jungen Leute, gehe zum Beispiel auch sehr stark zu Europa hin.

Gegen den politischen Mainstream

Sinn und politische Orientierung hat Elena Marcu in ihrer Arbeit als Verlegerin gefunden. Die junge Rumänin hat vor etwas mehr als einem Jahr den Verlag Black Button Books gegründet. Seitdem hat der Verlag 15 Bücher veröffentlicht. Elena Marcu und ihre zwei Kolleginnen publizieren darin zu Themen, die ihnen im öffentlichen Diskurs gefehlt haben. Sie wollen die Themen ansprechen, von denen sie das Gefühl hatten, sie fehlen auf dem Buchmarkt in Rumänien.

Einige von ihnen sind unbequem für eine Menge Leute. Aber wir fanden, es gab genügend Platz für einen neuen Verlag auf dem Markt in Rumänien. Also entschieden wir uns, dieses Abenteuer zu starten.

Elena Marcu, Verlegerin

Mit ihren Themen wollen sie vor allem eines: Nicht den politischen Mainstream bedienen. So liegen die Schwerpunkte der Bücher unter anderem auf Feminismus und Sexualität, Flucht und Rassismus.

Unzureichende Förderungen

Unter anderem deswegen sei es für ihren Verlag schwierig, staatliche Unterstützung zu bekommen. Es gebe zwar ein paar Programme, die rumänische Schriftstellerinnen und Schriftsteller unterstützen, jedoch seien das nicht annähernd genügend für die Bedürfnisse des Markts oder die der Publizierenden. Geld sei ein großes Problem, vor allem für Kreative, die in dem Geschäft Fuß fassen wollen oder anfangen möchten, professionell zu schreiben. Dass die Förderung von Literatur in Rumänien nur marginal verbreitet ist, bestätigt auch Sabine Krause. Sie ist Lektoratsvorsitzende für rumänische Sprache an der Universität Leipzig und weiß, warum es rumänische Schriftsteller und Verlage oftmals schwer haben. Die prekäre Situation sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass es keine flächendeckende Literaturförderung in Rumänien gebe, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist. Außerdem habe Rumänien für seine knappen 20 Millionen Einwohner einen relativ überschaubaren Buchmarkt. Dessen Umsatz liege etwa bei 60 Millionen Euro. Lediglich im die 5-10 Prozent der rumänischen Bevölkerung würden aktiv lesen. Laut Sabine Krause gebe es zwar einen Schriftsstellerverband, der werde aber gerade von den jüngeren Autoren nicht besonders wertgeschätzt. Eher trete man aus, denn das dahinter stehende System werde oftmals als ausbeutend und korrupt bezeichnet. 

Literatur als symbolische Protestform?

Korruption wird auch der rumänischen Regierung wiederholt vorgeworfen. Insbesondere seit 2017 steht die Rechtsstaatlichkeit unter massiver Kritik im In- und Ausland. Eine geplante Gesetzesänderung der Regierung, die laut der zahlreichen Kritikerinnen und Kritiker die Korruptionsaffairen des Staatsapparates begünstigt hätte, stieß auf massenhafte Proteste. Diese halten bis heute an, erklärt der rumänische Botschafter Emil Huerzeanu. Tausende von Protestierenden sind in den öffentlichen Plätzen Bukarests, Clujs, Sibius und anderer Großstädte des Landes im Südosten Europas. Sie protestieren gegen Politiker*innen und Politik, gegen Korruption und für Europa.
Es liegt also nahe, Literatur als symbolischen Protest gegen das politische System zu verstehen. So denkt auch der rumänische Botschafter. Rumänistin Anke Pfeifer möchte jedoch zwischen Kunst und politischen Aktionismus differenzieren:

Literatur ist ja Kunst und kein Journalismus, sodass man sicher keine tagesaktuellen Reaktionen vonseiten der Literatur erwarten kann. Aber natürlich reagieren auch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit ihren Werken auf die Defizite in der Gesellschaft, gerade was zum Beispiel die derzeitigen Demonstrationen in Rumänien gegen die Justizreform anbelangt.

Anke Pfeifer, Rumänistin

Vergangenheit und Gegenwartsthemen

Welche gesellschaftlichen Defizite im Fokus der Literaturszene stehen, kommt häufig auf die Altersgruppe der Publizierenden an. So arbeitet die ältere Generation in ihren Werken oftmals die Vergangenheit auf. Themen wie Kommunismus, Wende und Nachwendezeit stehen dabei im Mittelpunkt. Anders hingegen beschreibt Sabine Krause von der Universität Leipzig die Publikationen der nachfolgenden Generation. Die jüngeren Autorinnen und Autoren beschäftigen sich eher mit Gegenwartsthemen, wie dem Alltag in Rumänien nach 2000.

Das sind Probleme, die mit dem Arbeitsmarkt und Turbokapitalismus zu tun haben oder auch mit dem Alltag, zum Beispiel als Schriftsteller nicht unbedingt von ihrer Arbeit leben zu können [...].

Sabine Krause, Lekoratsleiterin für Rumänisch und Französisch an der Uni Leipzig 

Auch Anke Pfeifer beschäftigt sich mit der Situation junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller Rumäniens. Als Herausgeberin eines rumänischen Prosabandes weiß sie, dass auf der Tagesordnung junger Schriftstellerinenn und Schriftsteller auch der ganz normale Alltag steht. Zwischenmenschliche Beziehungen, Generationsfragen, aber eben auch Erfahrungen aus der Arbeitswelt werden verarbeitet. Dabei nehme die Arbeitsmigration einen großen Platz ein, insbesondere das Problem der sogenannten Eurowaisen, deren Eltern zum Beispiel in Spanien und Italien arbeiten. Aber auch das Thema der Zwangsprostitution werde belichtet. In den Themen zeige sich vor allem das Unbehagen der jungen Generation angesichts der Verhältnisse, die einem guten und selbstbestimmten Leben häufig zuwiderlaufen.

Gedichtband junger rumänischer Autoren

Das liegt insbesondere an der wirtschaftlichen und politischen Instabilität Rumäniens.
Obwohl das Land schon seit 2007 Mitglied der Europäischen Union ist, hält sich die Präsenz rumänischer Kultur auf dem europäischen Buchmarkt in Grenzen. Rumänische Übersetzungen beispielsweise findet man in deutschen Buchläden eher selten. Einer der wenigen Verlage, die sich mit der Literatur des Landes beschäftigen, ist der Verlag Danube Books aus Ulm. Der hat gerade zusammen mit dem rumänischen Autor Bogdan Cosa einen Gedichtband elf rumänischer Autoren veröffentlicht: "Die Spitzen-Elf" heißt das Buch und ist zweisprachig auf Deutsch und Rumänisch erschienen. Bis auf eine Ausnahme sind alle Autoren und Autorinnen des Buches unter 39 Jahre alt. Als Verleger des Buches weiß Thomas Zehender, was den Stil der jungen rumänischen Autoren ausmacht. Nehme man alles zusammen, so sei es der Sound der jungen Generation, der Nachwende-Generation oder konkreter gesagt: Der EU-Generation. Die jungen Autorinnen und Autoren aus dem Land, das durch die stärkste Abwanderung aller EU-Länder gekennzeichnet ist, würden einen sehr realistischen und ungeschönten Blick auf die Gegenwart und die Wirklichkeit geben.

Das Ergebnis sei geprägt von einer gewissen Hoffnungslosigkeit, wirke desillusioniert, ja fast trist. Aber als Protest oder gar Aufruf zum Widerstand würde Verleger Thomas Zehender die Gedichte der elf jungen Lyrikerinnen und Lyriker eher nicht beschreiben. 

Das Ganze beginnt ja eigentlich damit, dass man die Wirklichkeit einfach mal als wirklich annimmt und sie auch so darstellt. Ja, eine andere Möglichkeit wäre die sogenannte Emigration ins Innere. Die findet hier sicherlich nicht statt. Ich sehe eher eine kritische und unbeschönigte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

Thomas Zehender, Verleger aus Ulm

Alltag durch und mit Literatur beschreiben

Herausforderungen darstellen, Themen öffentlich ansprechen und in alltäglichen Themen die politischen und soziopolitischen Wirklichkeiten widerspiegeln – genau das möchte Elena Marcu mit ihrem Verlag Black Button Books. Sie sieht in der Literatur keinen Rückzugsort, sondern will auf Missstände aufmerksam machen:

Ich denke, Literatur ist nicht mehr ein Fluchtort. Es ist keine Parallelwelt, in der wir Schutz suchen. Es ist eher eine Verbindung zu dem, was wir gemeinsam haben und was wir unterstützen müssen, um eine bessere Welt zu erreichen.

Elena Marcu, Verlegerin

Der kleine Verlag Black Button Books konnte auf der Leipziger Buchmesse nicht vertreten sein. Innerhalb von vier Tagen konnten jedoch auf mehr als 50 Veranstaltungen rumänische Publikationen vorgestellt und diskutiert werden. Damit wurde der Raum gegeben, neben der Literatur auch politische Themen des Landes zur Sprache zu bringen. Eine Möglichkeit also, den Blick auf Rumänien zu richten und dabei neue Perspektiven über das Land zu entdecken.

 

Kommentare

Eine sehr gute Zusammenfassung über die Literatur des Gastlandes Rumänien! Ich will jetzt aber nicht kleinlich oder obergescheit klingen, wenn ich als alte Germanistin trotzdem Folgendes zu dem inhaltlich sehr guten Beitrag zu sagen habe: Mich stört bei der Lektüre ungemein die Schreibung von Ausdrücken wie "die Autor*innen" oder der Genitiv Plural ('Werke der jüngeren Autor*innen'), die so gar keine korrekte grammatikalische Schreibweise ergeben. Wenn schon korrekt, dann eventuell "die Autoren und Autorinnen" etc. Wie sonst spricht man dieses Sternchen in den Worten "die Autor*innen" laut aus?
Wieso will man heutzutage unbedingt das Geschlecht (männlich und weiblich) so "geschwollen" hervorheben? Es ist doch jedem normal Denkenden klar, dass "die Autoren" oder "Werke der jüngeren Autoren" übergreifend für beide Geschlechter steht.
Goethe und viele andere Sprachwissenschaftler drehen sich dabei bestimmt schon im Grabe um.

@Anny Schneider Liebe Anny Schneider, danke für den Kommentar und das Feedback zu dem Artikel! Ich stimme absolut zu - Autor*innen ist sowohl auf grammatikalischer wie inhaltlicher Ebene fehlerhaft. Normalerweise wird das bei unseren Artikeln auch vermieden - ich habe in diesem Fall tatsächlich einfach unsauber gearbeitet. Wir versuchen seit geraumer Zeit bei den online- Artikeln geschlechterneutral zu gendern - das heißt, dass in Beschreibungen kein Geschlecht hervorgehoben oder betont werden will. Über die Begründung lässt sich natürlich diskutieren, jedoch ist die Entscheidung in der Redaktion Konsens, hinter dem auch ich persönlich stehe. Dass es jedem normal Denkenden klar ist, dass z.B. bei "Autoren" beide Geschlechter gemeint sind, ändert leider nichts daran, dass im generellen Diskurs das männliche Geschlecht eben mehr repräsentiert ist als das weibliche und dadurch eine Ungleichheit entsteht. Beide Geschlechter sollten gleichwertig beschrieben und dargestellt werden. Leider fällt mir das beim Schreiben auf Anhieb oftmals noch schwer. Ich werde die Begriffe mit * in diesem Artikel ändern und zukünftig an meinen Forumulierungen arbeiten - danke für die Kritik!
Und Goethe mag sich über diese Pedanterie im Grab umdrehen - über sein Frauenbild in Werk und Leben kann man sich aber auch oftmals drehen, und das schon vor dem Grab.

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