Filmkritik: Stronger

Ein wahrer Held

Mit Stronger versucht sich David Gordon Green an der Verfilmung des Schicksals eines Mannes, der beim Anschlag auf den Boston-Marathon beide Beine verliert. Klingt eigentlich nach einem Kandidaten für die ganz großen Preise.
Stronger mit Jake Gyllenhaal und Tatiana Maslany
Stronger mit Jake Gyllenhaal und Tatiana Maslany

Basierend auf den Erinnerungen von Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) erzählt Stronger dessen eigene Lebensgeschichte. Ein fast schon jugendlich anmutender 28-Jähriger, der in einem Supermarkt arbeitet und mit seiner Mutter Patty (Miranda Richardson), die dem Alkohol verfallenen ist, zusammen in einer kleinen Wohnung lebt. In seiner Freizeit schaut er mit seinem Stiefvater und seinen rauen Kumpels Baseball in einer Bar. Vor kurzem wurde er von seiner Freundin Erin (Tatiana Maslany) verlassen, da er lieber in Videospiele abtaucht als das Haus zu verlassen und sich zu wenig für die Beziehung ins Zeug gelegt hat.

Um zu zeigen, dass er sich geändert hat und um Erin zurückzugewinnen, verspricht er, sie an der Ziellinie des Boston-Marathons zu empfangen. Jeff Bauman verliert an diesem Tag beide Beine durch den Bombenanschlag. Infolgedessen wird er in seiner Heimatstadt zum unfreiwilligen Helden, da er hilft die Täter zu identifizieren. Begleitet von Erin und seiner Mutter Patty, beginnt Bauman zudem seinen turbulenten Kampf, um wieder laufen zu können.

Direkt ins Herz von Hollywood

Die Filmgeschichte ist durchzogen von beeindruckenden Persönlichkeiten, die sich aufgrund von körperlichen Beeinträchtigungen zurück ins Leben kämpfen. Was für Daniel Day-Lewis die Verkörperung von Christy Brown in Mein linker Fuß oder für Eddie Redmayne die Darstellung von Stephen Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit waren, hätte nun auch zum Preisregen für Jake Gyllenhaal führen können. Gyllenhaal liefert durchaus eine solide Leistung und lässt den Zuschauer sein körperliches und mentales Leid glaubhaft mitfühlen. Zudem schafft er es, immer die Person Jeff in den Vordergrund zu rücken und nicht dessen Behinderung. Der Grundstein ist also gelegt, um direkt ins gefühlvolle Herz von Hollywood zu treffen.

Neben dem Hauptdarsteller bestechen auch Miranda Richardson und Tatiana Maslany. Richardson als Jeffs Mutter verkörpert authentisch das Familienoberhaupt, das in einer Wolke aus Zigarettenrauch und dem Geruch von billigem Rotwein immer genau weiß, was für ihren Sohn das Richtige ist. Zumindest aus ihrer Sicht. Stronger zeigt tiefgreifend, wie Jeff nicht nur unter dem Druck des Heldenstatus in seiner Heimatstadt, sondern auch unter dem Einfluss seiner Mutter leidet, die ihn sogar dazu drängen will eine Einladung von Talkshow-Königin Oprah anzunehmen. Einen angenehmen Gegenpol bildet dabei Tatiana Maslany, die mit der Verkörperung von Erin fast die einzige sympathische Figur des Films darstellt. Ihre Leistung ist beeindruckend und ebenso wertvoll wie die ihres männlichen Gegenparts.

Bostons Held

Gleichzeitig ist Stronger aber auch ein Film, in dem aus jeder Szene der Patriotismus tropft. Als Zuschauer ist man beinahe schon überrascht, wenn mal ein Moment ohne flatternde USA-Flagge eingefangen wird. Zudem schlägt der Film zu plötzlich um, als Jeff die Anerkennung, die ihm in seiner Heimatstadt gewidmet wird, annimmt und sich den großen Heldenmantel überwerfen lässt. Der Film wird dadurch zu einem vorhersehbaren und von Konventionen geprägten Hollywood-Melodrama. Was noch als sentimentale und ergreifende Charakterzeichnung beginnt, verliert mit jeder Szene an Relevanz und der Zuschauer wartet eigentlich nur noch auf den Abspann mit allen glücklichen Familienfotos vom echten Jeff Bauman.

Fazit

Stronger hätte der Film über den Anschlag auf den Boston-Marathon sein können, der die Geschichte eines Überlebenden durch starke Hauptdarsteller eindrücklich darstellt. Stattdessen rutscht Stronger ab der Hälfte der Spielzeit nur in die Belanglosigkeit ab.

 

Kommentieren

Maximilian Hemmann
23.04.2018 - 21:32
  Kultur

Stronger

Regie: David Gordon Green

Laufzeit: 119 Minuten

FSK 12

Cast: Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson und andere

Kinostart: 19. April 2018