Neue Architektur im Leipziger Westen

Ein Ufo hinter der Spinnerei

Im Leipziger Westen gibt es ein neues Architektur-Highlight zu entdecken. Entworfen hat den Anbau der Architekt Oskar Niemeyer. 10 Jahre hat es gedauert bis das Gebäude nun eingeweiht werden konnte.
Anbau an das Kirow-Werk
Anbau an das Kirow-Werk

Pünktlich zum Jahr der Industriekultur, welches vom Freistaat Sachsen dieses Jahr ausgerufen wurde, eröffnet die neue Kantine des Kirow-Werks. Wobei diese schlichte Beschreibung eigentlich nicht das erfasst, was mir da entgegenblitzt als ich in die Spinnereistraße in Stadtteil Plagwitz einbiege und der Sichtachse folge. Eine weiße Kugel scheint an der Klinker-Fassade des Industriebaus zu schweben. Am Eingang des Kirow-Werks führt mich der Pförtner zum Hauptgebäude des Unternehmens. Der Sinn für Architektur und geschmackvolles Design wird hier fortgeführt: Mies van der Rohe- Stühle und eine Collage von Robert Rauschenberg zieren die Empfangshalle, in der ich auf Ludwig Koehne, den Geschäftsführer des Kirow-Werks, warte.

Karl-Heine-Preis für Innovationsgeist und Bewusstsein für die Industriekultur

Der Weg zur schwebenden Kugel sollte mit einem Brief beginnen. Ludwig Koehne, bekennender Liebhaber moderner Architektur, insbesondere der des brasilianischen Architekten Oskar Niemeyers (1907-2012) bat den Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur im Jahr 2010 um einen Entwurf für die Erweiterung seiner Werkskantine. Einem Ort, dem Koehne besondere Bedeutung beimisst. Ohne gutes Essen, keine gute Arbeit - so lautet das Credo des Geschäftsführers. Dort, wo seit über 100 Jahren Eisenbahnkräne produziert werden, also industrielle Fertigung mitten in Leipzig stattfindet, mischt sich Industrie mit Kultur. Dafür erhielt Koehne zu Beginn des Jahres den Karl-Heine-Preis, der seit zwei Jahren vom Verein für Industriekultur verliehen wird. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg und der Nachwuchsförderung geht es bei dem Preis auch um Innovationsgeist ganz im Zeichen der Industriekultur. Laut der Jury gelinge es Koehne mit seinem Engagement für die Kunst, z.B. in der Bereitstellung von Ausstellungs- und Atelier-Räumen, oder aber mit der Realisierung innovativer Bauprojekte, wie der Niemeyer-Sphere, eine lebendige, zeitgenössische Industriekultur zu verkörpern.

 

„Das ist nach meiner Auffassung ein neues Wahrzeichen und jetzt geht sozusagen nach Halle 7 mit dem Lofft  die Stadt Leipzig noch ein bisschen weiter.“

Sophia Littkopf über die Niemeyer-Sphere, Projektleitung Jahr der Industriekultur, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen

 

Zu viel Avantgarde?

Doch neben all dem Lob, welches Koehne für die Niemeyer-Sphere erhält, mischt sich doch auch ein wenig Skepsis. Werden sich zu der kunst- und kulturinteressierten Szene auch andere soziale Gruppen in den avantgardistischen Bau trauen? Zeichnet sich hier wirklich eine vermeintliche Öffnung hin zur Stadt ab? Es ist ein Versuch. Was sich daraus entwickelt, bleibt abzuwarten. Im Herbst soll das Kugel-Restaurant Céu Dining eröffnen und in der Industriehalle nebenan ist schon der werkseigene Gemüsegarten in Planung.

Am Ende der Führung durch die Hallen des Kirow-Werks stehe ich vor der Niemeyer-Sphere, der Himmel ist bewölkt und die imposante Kugel hat etwas Surreales, Versponnenes. Das passt doch gut zur Baumwollspinnerei davor.

 

Ein Beitrag von Josephine Kanditt
Anbau an das Kirow-Werk

 

 

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Josephine Kanditt
27.07.2020 - 22:29
  Kultur

Führungen im Kirow-Werk finden ab Ende Juli 2020 unter vorheriger Anmeldung statt. Weitere Informationen dazu unter: https://www.technesphere.de/home/

Zum Programm des Jahres der Industriekultur: https://www.industriekultur-in-sachsen.de/

Verein für Industriekultur e.V, online unter: https://www.industriekultur-leipzig.de/