Filmkritik: Familie Brasch

Ein Stück DDR-Geschichte

Der Vater hoher Funktionär in der DDR, die drei Söhne allesamt Künstler und Regimekritiker. Die Geschichte der Familie Brasch war geprägt von heftigen Konflikten. Die Regisseurin Ann-Kathrin Hendel zeichnet ein Porträt dieser außergewöhnliche Familie
Familie Brasch
Ein Stück DDR-Geschichte: Die Familie Brasch in den 60ern

Als Vorbild für die Dokumentation dient Heinrich Breloers monumentale Filmbiografie "Die Manns - ein Jahrhundertroman". Warum sollte solch ein generationenübergreifendes Familienporträt nicht auch im DDR-Kosmos funktionieren, fragt die Regisseurin Annekatrin Hendel und erklärt die Familie Brasch kurzerhand zu den "ostdeutschen Manns": zweifellos ein sehr werbewirksames Label. 

Die Geschichte der Familie wird über drei Generationen hinweg erzählt. Der Film beginnt mit den Eltern Klaus und Gerda Brasch, die sich nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten im britischen Exil kennenlernen und später zusammen in die entstehende DDR übersiedeln und erstreckt sich bis in die Gegenwart zur Enkelin Lena Brasch, die sich für eine Produktion am Deutschen Theater künstlerisch mit dem Leben ihrer Familie auseinandersetzt.

Eine konfliktreiche Familiengeschichte

Vornehmlich beschäftigt sich der Film jedoch mit der Familiengeschichte zuzeiten der DDR. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf dem klassischen Vater-Sohn-Konflikt zwischen Horst Brasch und Thomas Brasch - erfolgreicher Schriftsteller und zweifellos das bekannteste Mitglied der Familie. Die Streitigkeiten zwischen den beiden beginnen schon in frühem Alter. Thomas Brasch wird als Junge auf die Kadettenschule geschickt, wo er von Kindesbeinen an zum künftigen Offizier ausgebildet werden soll. Für den späteren Künstler eine demütigende und angsterfüllte Zeit. Die Briefe, in denen er seinen Vater bittet, ihn nach Hause zu holen, werden von diesem jedoch ignoriert und stattdessen den ausbildenden Offizieren vorgelegt. Seinen Höhepunkt findet der Konflikt in der Ausbürgerung Thomas Brasch im Jahre 1976, die nicht nur die Familie trennt, sondern gleichzeitig auch die Karrierepläne des regimetreuen Vaters beendet.

Eintauchen in die Vergangenheit

Zu Leben kommen die Figuren durch die Erinnerungen der Personen, die ihnen nahestanden. Neben Marion Brasch, die mit ihrem autobiografischen Roman "Ab jetzt ist Ruhe" das Grundgerüst für den Film lieferte und ihre Erinnerungen an ihre Brüder und ihren autoritären Vater teilt, hat Annekatrin Hendel zahlreiche weitere Weggefährten der Familie versammelt. Diese zeichnen ein vielfältiges und teilweise auch widersprüchliches Bild. Zusammen mit zahlreichen historischen Videoaufnahmen sorgen diese Erinnerungen dafür, dass die künstlerisch begabten Brasch-Söhne für den Zuschauer lebendig werden. Die Auswahl dieser Stimmen beeindruckt allein durch ihre Prominenz: Katharina Thalbach, Christoph Hein oder Florian Havemann teilen allesamt ihre Erinnerungen und sorgen fast für so etwas wie ein "who is who" der künstlerischen Szene der DDR. 

Obwohl der Film offen seine Faszination für die Familie - insbesondere für Thomas Brasch - zeigt, widersteht Hendel dankenswerterweise der Versuchung einer allzu effektorientierten Inszenierung. Anstatt die ohnehin dramatischen Ereignisse künstlich zu überhöhen, wählt die Regisseurin einen ruhigen Erzählton, der nicht versucht dem Zuschauer seine Interpretation aufzudrücken. Diese Entscheidung einer zurückgenommenen und differenzierten Porträtierung ist der große Verdienst der Regisseurin. Spannend genug um das Publikum auch ohne große Effekte zu fesseln, ist die Familiengeschichte ohnehin.

Ob man Annekatrin Hendel in ihrer Interpretation der Familie Brasch als die ostdeutschen Manns nun beipflichten muss, bleibt fragwürdig. Ein handwerklich sehr guter Dokumentarfilm über eine so interessante wie konfliktreiche Familie ist ihr zweifellos gelungen. 

 

Der Beitrag zum Nachhören:

Moritz Fehrle im Gespärch mit Max Koterba über "Familie Brasch"
Familie Brasch Rezension
 

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Familie Brasch - eine deutsche Geschichte

Kinostart: 16.08.2018

Laufzeit: 103 min

Regie: Annekatrin Hendel

Mit: Marion Brasch, Katharina Thalbach, Christoph Hein, Florian Havemann u.v.a.