Die Kolumne

Ein seltsamer Realitätsbezug

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über Stabilität, Überraschung und den Sinn eines Modells.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Ein seltsamer Realitätsbezug - Die Kolumne von Til Schäbitz
Ein seltsamer Realitätsbezug - Die Kolumne von Til Schäbitz

Hach ja. Ich bin aus dem Urlaub zurück und wirklich sehr beruhigt, dass sich die grundlegenden Sachen hier nicht verändert haben. Da reichen zehn Minuten rumgoogeln und ja, Leipzig wächst noch, jup, der Stadtrat spricht noch über Kitas, das Jugendparlament hat auch im zarten Alter schon ein etwas eigenes Verhältnis zur Realität, und ja, mit dem ÖPNV stimmt auch irgendwas nicht.

Bei mir entsteht sofort das Gefühl, dass sich Leipzig gerade in einer sehr stabilen Lage befindet. Doch dieses Gefühl entsteht anscheinend nicht bei allen. Beim Stadtrat zum Beispiel nicht. Stichwort Stadtrat:

Ich gehe mal davon aus, dass es noch eine ganze Menge anderer Leute gibt, die dort Bullshit-Bingo spielen. Frage: Gab es eine Sitzung, bei der die Felder „also mit diesem Wachstum konnte wirklich keiner rechnen“, „Boar, da kann man jetzt kurzfristig auch erst einmal nichts ändern“ oder auch „Dieses Ausmaß hat uns alle überrascht“ nicht schon nach den ersten 20 Minuten abgehakt waren? Ich glaube nicht.

Denn überrascht sein ist super. Immer wenn irgendeine neue Studie oder irgendein Quartalsbericht vorgestellt wird, sind alle erst mal total überrascht. Das ist ja auch viel einfacher, als sich mögliche Planungsfehler einzugestehen. Aber wen überraschen Erkenntnisse wie:
„Im Süden der Stadt gibt es bei Straßenbahnen die längsten Wartezeiten und die meiste Verspätung“. Niemanden! Auf der Karli gibt es, grob überschlagen, 85 Ampeln und im Osten fährt die Linie 4, ebenfalls grob überschlagen, im zwei-Minuten-Takt. Total überraschend, dass man da im Süden länger warten muss als im Osten.

Nächste Erkenntnis: „Noch immer große Mengen an Müll in Leipzigs Parks“. Hm. Das Wetter wird immer besser, immer mehr Leute grillen im Park und gleichzeitig streikt die Stadtreinigung. Wer konnte erwarten, dass das nicht gut geht?

Unser Kolumnist Til Schäbitz.
Unser Kolumnist Til Schäbitz.

Aber mal im Ernst. Die Leute im Stadtrat sind ja nicht grundlegend bescheuert. Auch sie wissen, dass man weniger lange auf Straßenbahnen warten muss, wenn sie öfter fahren. Aber dazu fehlt eben das Geld.

Um große Investoren und somit auch mehr Geld nach Leipzig zu locken, da gibt es jetzt eine neue Methode: das virtuelle Stadtmodell.

Jup, klingt erst einmal abstrakt, aber eigentlich ist es ziemlich simpel. Das virtuelle Stadtmodell besteht aus einem Tisch mit ganz vielen geometrischen Linien und dazu braucht man noch ein Tablet. Mithilfe einer App erkennt das Tablet dann die geometrischen Linien auf dem Tisch und so entsteht wiederum auf dem Tablet dann ein Bild der Stadt Leipzig. In das Bild kann man hineinzoomen, man kann um den Tisch laufen und sich so die Stadt anschauen. Ein bisschen wie mit Google Streetview. Nur cooler eben. Viel cooler.

Dieser Tisch wird jetzt von Messe zu Messe reisen und soll so die Aufmerksamkeit der Investoren auf Leipzig lenken. Gute Idee, muss ich anerkennen.

Aber…

Aber man darf eben nicht vergessen, dass es sich dabei um ein Modell handelt und dass die Realität manchmal anders aussieht. Keine Animation, keine Modellidee kann den wahren Vibe einer Stadt zeigen.

Zum Vibe von Leipzig gehören neben Rennradfahrern und weißen Sneakern auch illegale Techno-Open-Airs. Und zu diesen hat das Jugendparlament jetzt eine neue Idee gehabt. Die ist sicherlich gut gemeint, wirkt aber so, als würde das Jugendparlament nicht in Leipzig, sondern im virtuellen Stadtmodell spazieren gehen. Sie wollen: „Eine offizielle Fläche einrichten, auf der die bisher illegalen Techno Open Airs stattfinden können“

Hach, toll, eine offizielle Fläche. Am besten stellt ihr noch ein paar weiße Wände auf, damit nicht immer auf die schönen Altbauhäuser getaggt wird. Und malt an den Bushaltestellen so ein kleines Viereck auf den Boden, dann wissen die Vorortgangs wenigstens wo sie hinrotzen dürfen. Manchmal geht der Reiz der Dinge eben auch von ihrer Illegalität aus. Und manche Dinge können noch so stabil und gut modelliert wirken, ihr wahrer Vibe wird dabei nicht erfasst.

 

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