Themensendung Konzeptalben

Ein roter Faden für die Ohren

Konzeptalben sind langatmige Platten, die überambitionierte Bands vor lauter Größenwahn produzieren – das ist jedenfalls ein gängiges Klischee. Ganz so einfach ist das aber nicht. Dieses Format hat mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick meint.
Konzeptalbum Themensendung
Wer erkennt alle Konzeptalbum-Anspielungen?

Erste Schritte

Keine Tourneen mehr! 1966 hatten die Beatles genug von der Hysterie um ihre Band und von unbefriedigenden Konzerten. Die „Fab Four“ zogen sich ins Studio zurück und tüftelten an ihrem neuen Album, für das sie eine innovative Idee entwickelten: Was wäre, wenn die Beatles nicht mehr die Beatles sind, sondern in die Rolle einer fiktiven Band schlüpfen? Diese Herangehensweise nutzten die Band als künstlerischen Ansatz und beschlossen, das Album Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band als ein Konzert dieser erfundenen Gruppe darzustellen. Was den Beatles damals noch nicht recht klar war: Sie hatten eines der ersten und wohl bekanntesten Konzeptalben geschrieben.

Konzeptalbum - Was ist das?

Ein Konzeptalbum ist ein in sich geschlossenes Werk. Die Songs verbindet ein thematischer Rahmen – das Konzept also. Die ersten Konzeptalben entstanden Mitte 60er-Jahren. Wie der Musikwissenschaftler Dr. Bernward Halbscheffel erklärt, liegt das vor allem daran, „dass einerseits die Langspielplatte zur Verfügung stand, die in der Rockmusik bis dahin keine Rolle spielte, […] und es kam hinzu die prosperierende Tonstudio-Technik“. Statt einfachen 2-Band-Recordern standen den Studios alsbald Geräte mit bis zu 32 Spuren zur Verfügung – für experimentierfreudige Musiker ein wahre Segen.

Über Städte und Haare

Wie lässt sich ein Konzeptalbum gestalten? Ein Musiker kann zum Beispiel alle Lieder einem bestimmten Begriff oder Themenbereich unterzuordnen. So geschehen beim Foo Fighters Album Sonic Highways, bei dem jeder Song in einer anderen amerikanischen Stadt aufgenommen wurde, wobei die verschiedenen Orte als Inspiration für die Lyrics dienten. Es geht natürlich auch einfacher – und wesentlich humorvoller obendrein: Die Ärzte beispielsweise lieferten mit Le Frisur eine Platte, die sich ausschließlich mit dem Thema Körperbehaarung auseinandersetzt.

Buchvorlagen als Konzept

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich Bücher als Vorlage zu nehmen: Animals von Pink Floyd weist deutliche Parallelen zu George Orwells Farm der Tier auf, die brasilianische Trash-Kapelle Sepultura dagegen setzt sich auf A-Lex mit dem Roman A Clockwork Orange von Anthony Burgess auseinander. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten zum Thema zu machen, ist ebenso denkbar: Permanent Revolution von der Ska-Band Catch 22 erzählt das Leben Leo Trotzkis nach, während Weißes Gold von der Ostrock-Band Stern Combo Meißen von der Erfindung des Meißner Porzellans handelt.

Geschichten erzählen mit Musik

Auch wenn die Versuchung groß ist, sich mit bereits bestehenden Vorlagen zu beschäftigen, lassen sich viele Bands für ihre Konzeptalben auch eigene Geschichten einfallen: Im Mittelpunkt steht meist ein bestimmter Protagonist, dessen Geschichte in einer stringenten Handlung erzählt wird. Die Alternative-Hip-Hop-Band The Roots widmet sich auf ihrer Platte undun beispielsweise der harten Realität der Straße: In umgekehrt chronologischer Reihenfolge wird von der tragischen, kriminellen Laufbahn eines Teenagers berichtet.

Sonderform: Rock-Oper

Die Rock-Oper stellt eine spezielle Form des Konzeptalbums dar: Im Mittelpunkt steht zumeist die Geschichte eines einzelnen Protagonist, wobei Texte und Musik mit Elementen der klassischen Musik und des Theaters liebäugeln. Tommy von The Who beispielsweise beginnt mit einer Ouvertüre. Allerdings handelt es sich dabei weniger – wie bei Opern üblich - um ein durchkomponiertes Stück als vielmehr um eine Aneinanderreihung verschiedener Themen und Motive aus dem Album. Ohnehin ist der Begriff Rock-Oper etwas irreführend, da diese Art des Konzeptalbums eher ans Musik-Theater erinnert.

Konzeptalben heute

Auch wenn in Zeiten von iTunes, Spotify & Co wieder das Single-Format auf dem Vormarsch ist und das klassische Album immer mehr an Popularität einzubüßen scheint, veröffentlichen Musiker nach wie vor Konzeptalben.  Zu verlockend ist die Idee, die hinter diesem Format steckt, und das ist laut Dr. Bernward Halbscheffel „vor allem eine Frage der Inspiration. Man kann für ein Konzeptalbum Vorlagen nehmen: Bilder, andere Musik, Bücher. Aus der Inspiration, die man sich woanders herholt, kann man Musik leichter schöpfen, als wenn man immer wieder für jeden Song von Neuem ansetzen muss“.

mephisto 97.6 Redakteur Carsten Richter hat sich mit dem Musikwissenschaftler und Journalisten Dr. Bernward Halbscheffel getroffen. Er klärt im Interview das Thema Konzeptalbum auf:

Dr. Bernward Halbscheffel im Gespräch mit mephisto97.6-Redakteur Carsten Richter
Dr. Bernward Halbscheffel IV
 

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Carsten Richter
29.04.2016 - 09:54
  Kultur