Gespräche auf dem Roten Sofa

Ein Puzzlestück der Geschichte

Tausende sogenannter „Wolfskinder“ machten sich nach dem 2. Weltkrieg aus Ostpreußen auf, dem Elend zu entfliehen. Viele suchten Schutz in Litauen, wo sie sich Arbeit und Essen erhofften. Doch der Weg zu einem besseren Leben war keineswegs sicher.
Markus Roduna und Alvydas Šlepikas zu Gast bei mephisto 97.6
Markus Roduna und Alvydas Šlepikas zu Gast bei mephisto 97.6

Eigentlich heißt Marytė einfach Renate. Wie für viele andere Kinder in Ostpreußen auch, bringt für sie das Kriegsende 1945 keine Erleichterung. Stattdessen kämpft sie weiter ums Überleben. Der Hunger, bittere Kälte, sowie Vergewaltigungen und Gewaltexzesse machen den Menschen zu schaffen. Umstände, die Renate schließlich dazu bringen, es ihren Brüdern gleichzutun und nach Litauen zu ziehen. Dort will sie Arbeit und Essen finden. Damit steht ihr Schicksal beispielhaft für das einer ganzen Generation sogenannter Wolfskinder.

Der Zweite Weltkrieg fand ein Ende, sie haben ihn verloren, denn die Gefallenen waren ihre Väter, die Witwen ihre Mütter. Die Welt war voller Wut und ermattet. Und sie – nur Kinder. Wolfskinder.

Plastisch, nah und eindringlich, aber ohne eine gewisse Distanz zu verlieren, schildert Alvydas Šlepikas die Geschichte der Kinder aus Ostpreußen. Damit gelingt es ihm, ein bislang literarisch kaum bearbeitetes Kapitel der litauischen Geschichte zu öffnen. Das Buch berührt nicht nur in seinen Erzählungen, sondern auch durch die Übersetzung von Markus Roduner. Er hat „Mein Name ist Marytė“, das in Litauen als „Buch des Jahres 2012“ ausgezeichnet worden ist, nun auch für den deutschen Leser erschlossen.

Auf dem Roten Sofa 

Keine leichte Kost über die Alvydas Šlepikas geschrieben hat, doch dahinter steckt eine bestimmte Motivation. Wie der Autor im Interview erzählt, schreibt er gegen das Vergessen an und richtet sich dabei vor allem an Jugendliche.   

 

Alvydas Šlepikas im Interview mit Anna Vogel
 
 

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Alvydas Šlepikas, der 1966 geboren wurde und heute in Vilnius lebt, hat Schauspiel und Regie studiert. Er ist Regisseur und Drehbuchautor für Kino- und Fernsehfilme sowie TV-Serien. Außerdem hat er 2 Gedichtbände und einen Prosaband veröffentlicht.

Der Roman "Mein Name ist Marytė" erschien 2012 und wurde mehrfach ausgezeichnet. Ins Deutsche wurde er von Markus Roduner und erschien im September 2015 beim Mitteldeutschen Verlag. Das Buch hat 200 Seiten und kostet 19,95 Euro.