Konzertbericht

Ein Neuanfang

Als Efterklang 2014 ihr „Last Concert“ spielten, dachten die meisten es sei vorbei. Dabei gründeten die drei kurz darauf die Band Liima. Dafür holten sie den Drummer Tatu Rönkkö an Bord. Zu sehen gab's das Ergebnis gestern im Conne Island.
Nach ihrem ersten Konzert steht jedenfalls für Lasse Setz fest: "Efterklang gibt es nicht mehr. Liima is the new thing."

Erwartungen

Obwohl ich lange Zeit großer Efterklang-Fan war, habe ich es nie zu einem Konzert der Band geschafft. Dabei waren die geradezu berüchtigt. Ob mit großen Orchestern oder an geheimen Orten – Efterklang war eine Erlebnisband. Und plötzlich ist da Liima. Zugegeben: ich war skeptisch. Wer ist dieser neue Kerl – Tatu Rönkkö – und warum muss man seinetwegen eine neue Band gründen? Gleichzeitig war ich gespannt. Liima veröffentlichten regelmäßig Mitschnitte ihrer ersten Konzerte via Soundcloud. Die waren mal sphärisch, mal intim und halfen mir über die Trennung einer der interessantesten Bands der letzten 10 Jahre hinwegzukommen. Klar: Ich musste diese Band sehen.  

Erster Eindruck

Wer in diesem Oktober nicht über das Wetter geschimpft hat, war nicht dabei. Es friert, es regnet, und die Nacht ist so dunkel wie die skandinavische Wintersonnenwende. Genau das richtige Setting für ein Konzert der dänisch-finnischen Artpop-Band. Auch vor dem Conne Island geht es nordisch entspannt zu. Ich treffe ein paar Bekannte, trinke ein Leipziger Bräu und trotze der Kälte wie ein wahrer Sami. Als ich in den Konzertraum komme, bin ich überrascht. An die 300 Menschen sind da. Und das, obwohl Liima unter allen Radaren fliegt. Die Vier haben keine Single, kein virales Youtubevideo und noch nie vorher in Leipzig gespielt. Respekt, denke ich, und merke, wie ich langsam nervös werde. Dann geht das Licht aus.

Musik

Die Band betritt die Bühne, ohne nur ein Wort zu sagen. Stattdessen spielen sie die ersten drei Songs, als schaue man ihnen beim Proben zu: Die Bandmitglieder kommunizieren, ohne miteinander zu reden. Mal sind es Blicke, ein Nicken oder eine Geste. All das wirkt so dezent und vertraut, als wüssten sie nicht, dass man ihnen zuschaut. Schon beim ersten Song ist klar, warum Liima nun Liima ist und nicht Efterklang. Tatu Rönkkös Beats sind treibend, sie geben vor, wo die Reise hingeht. Dabei haben Liima gar keinen Bandleader. Mal gibt Sänger Casper Clausen den Dirigenten, mal ist es Gitarrist Rasmus Stolberg, der bestimmt, wie lange die Bridge geht, dann ist es Keyboarder Mads Brauer, der an den Effektgeräten die Songs zu ihren Höhepunkten treibt. Musikalisch erinnert das nur selten an Efterklang. Aber auch nur selten an die ersten Soundcloud-Aufnahmen der Band. Stattdessen ist es spürbar, wie sehr Liima vom Livemoment lebt, ohne dabei nur einmal spürbar daneben zu greifen. Liima verändern ihre Songs auf der Bühne. Statt eine Kopfnicker-Atmosphäre zu erzeugen, werden die Lieder tanzbar. Dazu gibt‘s Clausens fast schon zarten Gesang. Mit so viel Tiefe, so viel Kraft habe ich nicht gerechnet. Ich bin begeistert.

Show

Liima stehen im Halbkreis zu einander. Erst wundert mich das. Warum stehen die einzelnen Bandmitglieder nicht in Richtung Publikum? Ich finde das nervig. Musiker wirken oftmals arrogant, wenn sie sich vom Publikum abwenden. Doch dieses Gefühl legt sich, als Clausen seine erste Ansage an das Publikum richtet. Plötzlich fühle ich mich als sei ich Teil einer Gruppe, die ein Gefühl verbindet, das sich am besten durch Liima-Songs beschreiben lässt. Die Formation der Band lädt dazu ein; sie ermöglicht, teilzuhaben, einzusehen, wie wunderbar die Vier zusammen funktionieren. Gleichzeitig brechen die einzelnen Bandmitglieder immer wieder aus, tanzen zu ihren eigenen Liedern und suchen die Nähe zu den Zuhörern. So als wollten sie sicherstellen, dass sich ihre Gäste wohlfühlen. Die Stimmung halten Liima während ihres fast einstündigen Sets durchweg. Ich werde nicht müde, den Skandinaviern zuzusehen, im Gegenteil: Ich bin gerade zu vernarrt. Andererseits machen sie es mir leicht, mich von der Musik mitreißen zu lassen.  

Was in Erinnerung bleibt

Efterklang gibt es nicht mehr. Liima is the new thing. Was ist dieser breitschultrige Percussion-Prügler Tatu Rönkkö nur für eine wunderbare Bereicherung für eine Band, die schon jahrelang die Grenzen tiefgründiger Popmusik erweitert hatte. Nach dem Konzert ist es mir nur allzu klar, warum die Jungs sich von Efterklang verabschiedet haben. Auch wenn das womöglich den ein oder anderen Fan gestern traurig zurückgelassen hat. Denen kann ich an dieser Stelle nur zurufen: Kopf hoch! Spätestens zum Debutalbum, das Liima am liebsten im kommenden Frühling veröffentlichen wollen, sind die Jungs wieder da. Bis dahin ist der Trennungsschmerz überwunden. Spätestens dann wird man sich womöglich seelenruhig eingestehen können, was hier passiert ist: Eine großartige Band ist Geschichte. Liimas Geschichte fängt dafür gerade erst an.

 

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Lasse Setz
16.10.2015 - 19:07
  Kultur

Liima im Web 2.0:

Kaum eine Band dokumentiert so fein säuberlich ihre ersten Schritte wie Liima. Die haben auf ihrem Soundcloud-Account sämtliche Konzertmitschnitte veröffentlicht. Wer den Auftritt im Conne Island verpasst hat, kann sich hier trotzdem ein Bild machen.

 

Bevor Efterklang zu Liima wurden produzierten die Dänen einen Konzertfilm namens "The Last Concert". Und um den Trennungsschmerz der Fans etwas zu lindern, veröffentlichten sie den Film eben einfach auf Youtube. Zum letzten Efterklang-Auftritt geht's hier lang.

 

Liima-Percussionist Tatu Rönkkö pendelt irgendwo zwischen extrem begabt und extrem wahnsinnig. So hat er zum Beispiel die "I Play In Your Kitchen"-Konzerte ins Leben gerufen. Dabei besucht er Menschen in ihrer Küche, um einen spontanen Gig nur mit deren Kücheneinrichtung zu spielen. Gott sei dank gibt es davon ein Video.