Rotes Sofa: Patricia Hempel

Ein neoantiker Minnegesang für Helene

Metrofolklore ist sicher nichts für linientreue Femi-Hipster mit Vorliebe für koffeinhaltige Brause. Alle anderen werden herzlichst über die lesbische Archäologiestudentin lachen. Patricia Hempels Debüt ist ein derbe poetisches Buch über die Liebe.
Redakteurin Cindy Raunick im Interview mit Autorin Patricia Hempel

Patricia Hempel ist schonungslos. Ohne seichten Einstieg zum warm werden, wirft sie die Leser von Metrofolklore hinein in die trostlose Welt einer namenlosen Protagonistin. Ihre lesbische Archäologiestudentin - Mitte/Ende 20 – gräbt in der brandenburgischen Provinz prähistorische Exkremente aus und in Berlin die Frauen irgendwelcher abgefuckten Clubs an. 

Das Interview mit Patricia Hempel von der Leipziger Buchmesse:

Ein Interview von Redakteurin Cindy Raunik mit Autorin Patricia Hempel
1703 BM IV 2

Lara Croft in queer und drogenaffin

Klingt fast ein bisschen aufregend, mit etwas Fantasie sogar nach Lara Croft im echten Leben. Aber eigentlich möchte man ihr eine Hand auf die Schulter legen, um kopfschüttelnd und auch ein bisschen altklug zu ihr zu sagen: „Mädel.  Schaff' dir verdammt nochmal so etwas wie Selbstachtung an. Bitte!“ Denn hinter dem vulgären,  oberflächlichen aber dann auch wieder zutiefst poetischen Gehabe dieser jungen Frau erahnt man genug Stoff für mehrere Promotionen über die Tiefenpsychologie vernachlässigter Bonzenkinder Schrägstrich Großstadtgören. Dass die Bandbreite dessen, was die WG-Drogenkiste hergibt, mit der der vielen schlechten Entscheidungen korrelieren muss... selbstredend. 

Der hempelsche Humor

Nichtsdestotrotz kommt man nicht umhin, zwischen jedem Blättern wenigstens einmal kurz aufzulachen. Der hempelsche Humor ist nämlich nicht nur existent, nein er ist auch furchtbar zynisch und ziemlich eloquent. Nach genau zehn Seiten war der erste Kulturschock ob ihres doch recht derben Schreibstils überwunden und der erste Grunzer geboren. Unsere Heldin schildert trocken aber bildhaft die koitustechnische Auswahl ihres Instituts:

Es ist hart lesbisch zu sein, wenn die Weiber um einen herum aussehen wie Walküren mit stark erhöhten Cholesterinwerten. […]  Und bei spontaner Bisexualität erwarten einen in der Prähistorik nur Männer, die jeden Sommer mit Kotze in den Bärten auf dem Wacken abhängen oder in brandenburgischen Wäldern zu Mittelalter-Rollenspielen die Doppelaxt schwingen. So ein Mann bringt einen hochwertigen Kapuzenponcho in die Ehe mit, aber keine Erotik.

namenslose Protagonistin, Metrofolklore

 Berlin ist das neue Troja

Abseits ihrer Wortwahl über die Unzulänglichkeiten der sie umgebenen Welt hat unsere Ich-Erzählerin aber sehr wohl Sinn für Ästhetik. Deshalb verwundert es nicht, dass sie ihr Herz an die wunderschöne Helene verloren hat. Deren Sexappeal und der ähnlich klingende Name lässt vermuten, dass es sich hierbei um eine moderne Reinkarnation der Frau handelt, wegen der sich schon im alten Griechenland bekriegt wurde - Berlin ist das neue Troja.
Auch sonst scheint Hempel gerne mit antiken Versatzstücken zu spielen. So beliest sich unsere Protagonistin z.B. in Ovids Liebesratgebern und zitiert alte große Denker wie Seneca und Horaz - das im Original mit entsprechender Übersetzung und oft und gerne auch heruntergebrochen auf das Stilmittel Hashtag. 

#amorverusneminemtimerepotest #wahreliebekannniemandenfürchten #seneca #medea #headporn

namenslose Protagonistin, Metrofolklore

Die Besteigung des Achttausenders

Dass Helene stockhetero und zudem auch noch das Betthäschen des ebenso perfekt anmutenden Institutsleiters ist, macht die neoantike Tragödie umso runder. Dass sie der Hauptfigur wenn überhaupt nur beiläufige Blicke und herablassende Worte zuwirft, erklärt Hempel wie folgt:

Es ist gut möglich, dass der Anblick  der eigenen Vollkommenheit über die Jahre zu permanenter Sinnesüberreizung führt. […] Helene gehört eindeutig zu den Achttausendern, bei deren Besteigung der Sauerstoff knapp wird und die nur die Besten überleben. Unklar ist, wie viele Leichen meinen Weg nach oben säumen, wenn ich selbst jeden Tag in ihrer Gegenwart mindestens einmal sterbe.

Patricia Hempel, Autorin

Kollateralschäden

Und so hinterlässt unsere Erzählerin eine Leiche nach der anderen auf dem Weg nach oben zur schönen Helene. Ihre Beziehung zu Anika, die eigentlich mitten in der Kinderplanung mit ihr steckt und von den Gelüsten ihrer Freundin entweder nichts weiß oder aber schon Plan B in Form ihrer Hetero-Jugendliebe Konrad präferiert. Dann ist da Romy, beste Freundin der Angebeteten und bewusst eingerechneter Kollateralschaden um näher an Helene heranzukommen. Die Protagonistin selbst denkt über den Freitod nach und auf dem Nebenschauplatz krepiert aufgrund ihrer Liebestollheit sogar beinahe noch Quasi-WG-Hund Salomé.

Persiflage und Nachschlagewerk 

Das rund 200 Seite starke Debüt von Patricia Hempel ist nicht nur ein sehr langer Minnegesang für Helene, es ist auch eine Persiflage auf das großstädtische Mittzwanziger-LGBT-Milieu. In jedem seiner herrlich politisch unkorrekten Kapitel finden sich neben PornTube-Hinweisen auch ungegenderte Winke mit dem Zaunpfahl. Beinahe kann es sogar als Nachschlagewerk für einige dringliche Fragen ihrer Generation herhalten. So kategorisiert die Protagonistin nicht nur archäologische Fundstücke. Neben einer Auflistung der unterschiedlichen Arten von Neuberlinern finden sich zum Beispiel auch perfide Möglichkeiten, um Frauen anzumachen.

Popliteraturolymp

Es würde jedenfalls nicht überraschen, hätte Hempel uns bewusst mit der ihr eigenen Zynik 34 Jahre auf Metrofolklore warten lassen. Was da aus fragmentierten Gedankensalat wohlgeordnet und klug auf Papier gebannt wurde, sollte es verdient auf den Werk Popliteratur-Olymp bringen. Bleibt zu hoffen, dass sie bei der Arbeit an ihrem neuen Werk an die Originalität von Metrofolklore anknüpfen wird. Ihr Großstadt-Totentanz ist jedenfalls schon äußerst gelungen.

Buchtrailer:

1403 Trailer

 

 

 

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Patricia Hempel, 1983 geborene Urberlinerin, wechselte von der Ur- und Frühgeschichte in der Hauptstadt zum literarischen Schreiben nach Hildesheim. Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen und Anthologien wurde sie 2014 zur Wolfsburger Stadtschreiberin ernannt. Nach ihrem Debütroman „Metrofolklore“ schreibt sie momentan an einem neuen Werk und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin.