Literaturrezension

Ein Mosaik sächsischer Literatur

Sachsen wird gerne eine Sonderstellung zugeschrieben. Das passiert nicht nur in politischen Diskussionen, sondern auch in der Literatur. Ein Beispiel dafür ist die neu erschienene Anthologie "Doppelte Lebensführung." Carolin Büscher stellt ihn vor.
"Doppelte Lebensführung" versammelt Prosa aus Sachsen.
"Doppelte Lebensführung" versammelt Prosa aus Sachsen.

Die Rezension zum Nachhören:

Die Rezension von Carolin Büscher zum Nachhören
Rezension Doppelte Lebensführung

Worüber schreibt man eigentlich in Sachsen? Das ist wohl die Frage, der man in der Anthologie „Doppelte Lebensführung“ nachgehen wollte. „Neue Prosa. Eine Anthologie aus Sachsen“ heißt es im Untertitel. Und damit springen Kathrin Jira und Jörg Schieke als Herausgebende auf einen Literaturzug auf, der Sachsen eine Sonderrolle zuschreibt. Moment, wieso noch mal?

Eigentlich müssten es Jira und Schieke wissen. Jira ist Redakteurin der bundesweit bekannten Literaturzeitschrift Edit aus Leipzig, Jörg Schieke ist etablierter Literaturredakteur bei MDR Kultur. Mit „Doppelte Lebensführung“ wollen sie die Vielfältigkeit der hiesigen Literaturlandschaft schwarz auf weiß unter Beweis stellen.

Sachsen als blinder Fleck der Verlage

Das klingt erst einmal nach einem spannenden Projekt, und – wieso noch mal? Weil Sachsen enorm viele Schreibende hat, das renommierteste Literaturinstitut in Leipzig sitzt, die Buchmesse jährlich tausende Menschen anzieht - aber die großen Verlage den sächsischen Autorinnen und Autoren tatsächlich weniger Aufmerksamkeit schenken. Die sitzen nämlich in Hamburg, München, Berlin, und lassen den Verlegerblick gerne eher in ihrer Nachbarschaft schweifen.

Soviel also zu den guten Gründen dieser Anthologie. Sie versammelt Texte von 37 Autorinnen und Autoren aus oder lebend in Sachsen. Das war’s dann eigentlich auch schon mit den Gemeinsamkeiten – Alter, Biographien und Schreibstile unterscheiden sich enorm. Zwei der Autoren sind schon gestorben, der jüngste hingegen ist gerade einmal 25 Jahre alt. Gute Bedingungen also, um tatsächlich ein vielseitiges Buch vorzulegen, was vielleicht als Mosaik der sächsischen Literaturlandschaft verstanden werden kann.

Das, was dieses Mosaik dann doch verbinden soll, findet sich im Titel. „Doppelte Lebensführung“ ist ein Zitat aus dem Text von Kerstin Preiwuß. Dort heißt es

Wir beide wissen, dass man als Schriftsteller sein Leben doppelt führt. Man geht den Anforderungen des Alltags nur nach, um schreiben zu können.

Kerstin Preiwuß: Unfreiwillige Poetik

Im Vorwort heißt es, dass die versammelten Autorinnen und Autoren vereint, dass sie Schreiben als Arbeit betrachten. Diese Aussage nimmt man zu Beginn der Lektüre erst einmal hin. Das Konzept einer Anthologie als Mosaik ist eigentlich schön gedacht. Aber im Verlauf der Lektüre vermisst man doch einen klaren Leitfaden.

Die Texte sind vielfältig, ja. Schreibform und –inhalt varriieren enorm. Renommierte Namen wie Clemens Meyer oder Isabelle Lehn sind ebenso dabei wie bisher eher unbekannte. Doch in dieser Vielfalt fühlt man sich als Leserin auch etwas allein gelassen. Einige Texte gehen – der Erwartung entsprechend – explizit auf Orte in Sachsen oder politische Probleme ein. Heike Geissler formuliert in „Briefe“ beispielsweise:

Die Angst vor der Islamisierung des Abendlandes war das Werbegeschenk der Pegida an alle. K. sagt, das führt direkt zu Andrew Lewis und seiner Regel „Wenn du nicht bezahlst, bist du nicht Kunde – du bist das Produkt, das verkauft wird.“ Aber das, sagt sie, interessiert ja leider kein Schwein.

Heike Geissler: Briefe

Andere Texte hingegen weisen nicht einmal subtil auf ihre Herkunft hin. Die Erzählung von Diana Feuerbach spielt sogar in Paris, wo ein Monsieur Beauchamp sich an seine Jugend und (ausgerechnet!) an Josephine Baker im Bananenröckchen erinnert... Mehr noch muss man schlucken, als klar wird, dass auch Uwe Tellkamp in diesem Band veröffentlich wird. Ja, genau der Tellkamp, der immer wieder mit rechten Äußerungen auffällt und sich 2017 dafür engagiert, dass Verlage der Neuen Rechten nicht von der Buchmesse ausgeschlossen werden. Um im Bild zu bleiben: Ein literarisches Mosaik präsentieren zu wollen, kann wohl auch mit sich bringen, unsympathischen Menschen mit antidemokratischen Positionen eine Plattform zu bieten. Ob das wirklich so sein musste und man an dieser Stelle nicht lieber einen (braunen) Teil des Ganzen hätte streichen können, sei dahingestellt.

Missglückte Stringenz trotz starker Texte

Durch ein Auf und Ab an sächsischen (Nicht-)Bezügen entsteht eine Verwirrtheit. Soll mein roter Faden als Lesende nun dieser eine Satz „Schreiben als Arbeit“ aus dem Vorwort sein? Sicherlich kann es als Konzept ausreichen, nur Literatur von vor Ort veröffentlichen zu wollen. Doch gerade durch die Vielzahl der Texte wäre eine Stringenz hilfreich, um zu verstehen. Da die kürzesten Texte nur zwei Seiten lang sind, fühlt man sich beim Lesen etwas erschlagen. Es strengt an, mehr als zwei oder drei Texte hintereinander zu lesen. Vergebens versucht man auch durch die Teilung des Buches in „Gespenster“, „Gedanken“, „Geschichten“ eine Ordnung nachzuvollziehen.

Doch hat man sich einmal auf dieses verschwommene Mosaik eingestellt, sind wirklich starke Texte dabei. Gerade die zweite Hälfte der Anthologie überzeugt.  Dort finden vermehrt politische Beobachtungen und kluge Metaphern der sächsischen Gegenwart ihren Ausdruck. In „Deutschkurs“ von Bettina Wilpert wird beispielsweise die Realität dreier Frauen mit Migrationshintergrund beschrieben:

Ab und zu vergisst sie, die Bettwäsche mit der Knopfleiste nach unten auszurichten, dann kommt die Managerin und schreit, laut: Sauberkeit gleich Sicherheit und Sicherheit gleich Wohlgefühl.

Bettina Wilpert: Deutschkurs

Wäre eine klare Gegenwartsanalyse im Stil Wilperts oder Geisslers die Konstante gewesen, wäre ein aussagestärkeres Werk entstanden. Doch vermutlich wollten Jira und Schieke den Fokus nicht nur auf ein marginalisiertes Sachsen lenken. Fraglich bleibt bloß, ob sie mit einer explizit sächsischen Anthologie nicht auch dasselbe Narrativ bedienen.

 

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"Doppelte Lebensführung. Neue Prosa. Eine Anthologie aus Sachsen", herausgegeben von Kathrin Jira und Jörg Schieke, ist im Verlag “poetenladen“ erschienen und ist für 21,80 Euro in Ihrem Lieblingsbuchladen erhältlich.