Thomaskirche

Ein Großes Schiff: Das Früher im Jetzt

Die Thomaskirche steht wie ein Bergmassiv in der Leipziger Innenstadt. Trotzdem läuft man schneller an ihr vorbei, als sie es verdient: Die alte Steindame hat viel zu erzählen.
Aus einem Elefanten die Mücke: Die Thomaskirche im Modell

Es scheint, als wolle der Sommer dieser Tage seine letzten Atemzüge kräftig hervorstoßen; draußen ist es heiß und stickig, die Straßen sind wieder voll und das geschäftige Treiben der Leipziger Innenstadt ist unerträglich hektisch, laut, verschwitzt. Wer seine Ohren spitzt, vernimmt aber mit Glück die skurrilen Klänge einer Orgel, dramatisch und sanft zugleich, die willkommene Einladung, der Stadtrealität für einen kurzen Moment zu entfliehen. Hinter den dicken Steinmauern der Thomaskirche tönt ein Konzert aus der Höhe herab auf die Besucher. Einige spazieren durch die langen Schiffe, andere sitzen auf den Holzbänken im Hauptschiff und träumen mit geschlossenen Augen vor sich hin. Bis auf die Musik und das Echo von Schritten auf Stein ist es still. Zwar ist es kühl hier drin, doch die Buntglasfenster und gelben Laternen tauchen das Kircheninnere in warmes Licht. In dieser riesigen Säulenhalle kommen Menschen, Kunst und Glaube seit Jahrhunderten zusammen.

Ein Blick in die Thomaskirche

Namensgeber: Ein Zweifler vor dem Herrn

Benannt ist die Kirche nach dem Apostel Thomas, einem der zwölf Jünger Jesu. Dem Neuen Testament zufolge begleiteten die Apostel den "Sohn Gottes" als seine Freunde und lernten von ihm. Doch aus den alten Büchern geht ebenfalls hervor, dass Thomas an der Auferstehung von Jesus Zweifel hegte. Dem Johannisevangelium nach soll Jesus den Jünger aufgefordert haben, seine Wunden mit eigenen Händen zu berühren und sich so der Wiederauferstehung zu vergewissern. Daraufhin soll Thomas als erster Mensch Jesus mit 'Gott' angesprochen haben.

800 Jahre auf dem Buckel: Schönheitsoperationen und Kunst

Bereits im 12. Jahrhundert wurde die Thomaskirche gegründet. Das Gemäuer wurde zunächst im romanischen Stil gebaut, ergatterte jedoch später auch gotische Züge. Die romanischen Teile des Baus wurden 1482 abgerissen und bis heute durch eine spätgotische Säulenhalle ersetzt. Die Wände und Säulen sind schlicht hell gestrichen, das abschließende Kreuzrippengewölbe ist rot. An den Schnittpunkten des Gewölbes ist die Decke von feinen floralen Ornamenten verziert, sonst aber gibt es wenig Schmuck in der Kirche, zahlreiche Elemente aus der barocken Epoche wurden wieder entfernt.

Doch die Thomaskirche kleidet sich mit den bunten Farben ihrer Fenster, auf denen sakrale und historische Szenen verbildlicht sind. So zeigen sie einerseits Ausschnitte aus dem Leben Jesu, andererseits Persönlichkeiten wie Johann Sebastian Bach, Martin Luther und Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Weitere Blickfänger sind eine Reihe von Gemälden, die zart geschmückte Kanzel, von wo aus schon Martin Luther predigte, sowie steinerne Reliefs – und zwei gigantische Orgeln.

Die Thomaskirche in der Außenansicht

Hier spielt die Musik

Spätestens seit den Thomaskantoren Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy hat die Thomaskirche einen äußerst gerühmten musikalischen Ruf inne. Der Thomanerchor ist einer der ältesten Knabenchöre der Welt und besteht bereits seit der Gründung der Kirche. Er pflegt die Kirchenmusik und ist dafür weltweit bekannt.

Bach leitete den Chor von 1723-1750 und komponierte dafür weit über 150 Musikstücke, führte aber auch ältere Bestände auf. Das Grab von Bach kann man in der Thomaskirche noch immer besuchen – und seine Werke werden nach wie vor aufgeführt.

Die Wirkungsstätte Bachs inspiriert auch nach Jahrhunderten noch Musikliebhaber zu einem Besuch in der Kirche oder lädt klassische Straßenmusiker dazu ein, auf dem Thomaskirchhof ihre eigenen Stücke zu spielen – in Ehrfurcht vor dem großen Idol.

Die Thomaskirche ist bekannt für den Knabenchor Johann Sebastian Bachs

Die Thomaskirche heute

Die Thomaskirche ist ein Ort der Geschichte und Tradition. Ein Ort, der nicht vergangen ist, an den kein kleines Denkmal oder eine Schrifttafel erinnern muss, sondern ein Ort, der noch heute wie früher besteht. Die derzeitige Pfarrerin Britta Taddiken erfreut sich vor allem an der Beständigkeit des gesamten Geländes. Der Thomaskirchhof sei seit Jahrhunderten nahezu unverändert, still und gut gelegen. Zudem sei es ein Glück, dass wir noch heute Aufführungen des Thomanerchors hören dürften, was nicht nur Christen gefiele, sondern auch alle anderen Menschen beeindrucke und anziehe. Die Kirche sei ein ruhiger Ort, an dem jedes Gemeindemitglied und jeder Gast die Geschichte nachspüren könnte. So atme der Platz noch den Geist einer vergangenen, doch insbesondere für Leipzig wichtigen, Epoche.

Tatsächlich kann man in der Thomaskirche nicht nur mehr über die deutsche Geschichte erfahren, sondern auch in der Musik schwelgen und im Zeitreisegefühl in die Vergangenheit eintauchen, der Realität des Alltags kurz entwischen, bevor es wieder daran geht, hinauszutreten, die Luft von 2014 zu atmen und seinen Besorgungen eilig nachzugehen.

Das Friedensfenster: ein modernes Symbol

Das Friedensfenster (2009 von David Schnell) ergänzt das Gesamtbild der Kirche und verewigt mit seinem Kunststil auch die Jetztzeit in den alten Gemäuern.

 

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Flora Kampmann
17.09.2014 - 19:38
  Kultur

Jeden Freitag und Samstag finden in der Thomaskirche öffentliche Gottesdienste mit Begleitung des Thomanerchors statt. Der Eintrittspreis für die Motette beträgt 2€ pro Person.