67. Internationale Filmfestspiele Berlin

Ein Gespenst geht um in den Kinos

... es ist das Gespenst von Karl Marx! Dessen Jugendjahre hat sich Raoul Peck nämlich vorgeknöpft. Der Regisseur ist gern gesehener Gast auf der Berlinale, war selbst schon Jurymitglied. Überzeugt er dieses Jahr auch im Wettbewerb?
Friedrich Engels (Stefan Konarske) und Karl Marx (August Diehl) lernen sich kennen.
Friedrich Engels (Stefan Konarske, links) und Karl Marx (August Diehl, rechts) lernen sich kennen.

Ein ehrgeiziges Projekt

Wie zeichnet man das Porträt einer Person, welche die bestehenden Verhältnisse ihrer Zeit maßgeblich beeinflussen und letztendlich die Geschichte der gesamten Menschheit verändern sollte, über viele Generationen hinweg und rund um den Globus? Wie wagt man sich an die Geschichte eines Individuums, welches bis heute von vielen idealisiert und von vielen kritisiert oder sogar verachtet wird? Karl Marx war ein Mensch, der die Massen polarisierte. Das hat Raoul Peck aber nicht davon abgehalten, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. In seinem neuen Spielfilm Le jeune Karl Marx erzählt er, wie der Titel schon vermuten lässt, aus Marx jungen Jahren. Als dieser nämlich gemeinsam mit Friedrich Engels das Kommunistische Manifest verfasste, war er gerade einmal 29 Jahre alt. Wie sich die beiden ideologischen Vorreiter in Paris begegneten, stellt Peck dabei besonders in den Vordergrund. Er zeigt gemeinsame Streifzüge durch die Pariser Etablissements und macht die beiden als Menschen ebenso greifbar, wie als große Denker. Da wechseln sich brillante Dialoge ab mit einem betrunkenen Marx, der sich an einer Hauswand erbricht. Anbiedern tut sich der Regisseur dabei nicht. Er versucht nicht um jeden Preis Sympathie (oder Antipathie) für die Protagonisten Marx und Engels zu schaffen, er wertet schlichtweg mit größter Sorgfalt die vorhandenen Quellen aus und schneidert diesen ein dramaturgisches Gewand nach Maß. Das funktioniert wunderbar, das funktioniert gar einwandfrei! Und so erübrigt sich auch der Stolperdraht des umstrittenen Charakters, den sicher jeder Regisseur im Fall der Personalie Marx gefürchtet hätte.

Der junge Karl Marx... und was ist mit Engels?

Die Rolle eines Filmtitels ist wichtig und zugleich nachrangig. Er soll den geneigten Zuschauer auf den Kinositz bekommen, auf dass er dort von der Qualität des Films auch gehalten wird. In diesem Fall tut der Titel ein Stück weit dem Inhalt Unrecht. Insofern, dass der Film ebenso die Geschichte von Friedrich Engels oder auch die von Jenny Marx ist. Besonders Stefan Konarske in der Rolle des Engels brilliert in seiner Darstellung der Zerrissenheit des idealistischen Sohnes eines despotischen Fabrikbesitzers. Die Kamera liebt ihn nicht weniger als den ebenso beeindruckenden August Diehl in der Rolle des Marx, gemessen an den Einstellungen, in welchen die beiden zu sehen sind. In den Nebenrollen sehen wir unter anderem Alexander Scheer in Höchstform. Er spielt den Revolutionär Wilhelm Weitling, welcher nach einem harten verbalen Angriff durch Marx gekränkt den Bund verlässt. Enttäuschen tut in diesem wunderbaren Cast allerdings niemand. Und nicht nur die Darsteller verstehen ihr Handwerk, auch die Kostüme und das gesamte Setdesign lassen einen das Make-Believe vergessen, welches auf der Leinwand stattfindet. Keine Sekunde zweifelt man an der Authentizität des Gezeigten, nie unterschreiten die Sets die Erwartungen des Zuschauers. Getragen von einer durchweg unterhaltsamen, kurzweiligen Dramaturgie ergibt sich so ein Gesamtkunstwerk, welches einem kaum Spielraum für Kritik übrig lässt. Lässt sich nur hoffen, dass Raoul Peck mit seinem Film tatsächlich den Marxschen Zeitgeist in vielen Köpfen wachruft... und Das Kapital, so es auch nicht im porträtierten Zeitraum entstanden ist, sich dennoch bald wieder auf dem einen oder anderen Nachttisch mehr wiederfindet.

Erzählen Sie mal, Herr Peck!

Im Rahmen der Berlinale haben wir den Regisseur in der Golden Bear Lounge des Berliner Hyatt getroffen und ein paar Fragen zu seinem Film gestellt:

mephisto 97.6 Redakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Regisseur Raoul Peck
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mephisto 97.6: Herr Peck, wieso hatten Sie den expliziten Wunsch, den Entstehungsprozess des kommunistischen Manifestes in einem Spielfilm aufzuarbeiten?

Raoul Peck: Einfach weil ich denke, dass wir heute in einer Welt ohne Ideologien leben. Die jungen Leute fühlen sich orientierungslos. Nehmen wir mal die Occupy Wall Street Bewegung. Es gab so viel Wut, aber niemand wusste sich über einen gewissen Punkt hinaus zu organisieren. Diesen Film zu machen bedeutete für mich, zurückzukehren zu der analytischen Sichtweise in Marx Zeit! Und sie in die kapitalistische Gesellschaft von heute zu tragen.

Die Produktion war annähernd so international wie der Kommunismus selbst. War Ihnen das besonders wichtig?

Natürlich, denn daraus ist Europa zum Teil entstanden. Viele der historischen Charaktere in meinem Film lebten im Exil. Sie hatten verschiedenste Muttersprachen: deutsch, italienisch, russisch, spanisch, etc. Marx musste in Paris französisch lernen. Russisch lernte er auch und englisch, um die britischen Ökonomen zu studieren. Es ist eine Zeit, in der die größten Denker Europas zusammentreffen. In einem Raum, den mein Film zeigen soll. Für mich war von Beginn an klar, dass in meinem Film englisch, deutsch und französisch gesprochen werden muss.

Wurde die Vielsprachigkeit denn nicht zu einem Problem während der Dreharbeiten?

Es war einfach ein Teil der Idee! Eine frühe Form des Internationalismus. Marx und Engels empfanden sich nicht als Teil einer Nation, sondern als Menschen im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Armut. Sie besaßen einen außerordentlich wachen Geist. Das drückt sich auch durch Sprachen aus.

Eine letzte Frage Herr Peck: Natürlich hat ihr Film einen großen Unterhaltungswert, aber sie haben schon angedeutet, dass er Ihnen mehr bedeutet. Welche Rolle spielt Marx heutzutage in einer mehrheitlich neoliberalen Welt und welche Rolle nimmt nun ihr Film ein?

Marx ist eine Schlüsselfigur und heute wichtiger denn je. Er gab uns die Werkzeuge zum Verständnis unserer Gesellschaft. Einer Welt, die komplexer und vielschichtiger geworden ist. Aktuell suchen viele Menschen wieder einfache Antworten und Populisten sind wieder auf dem Vormarsch. Marx kann uns helfen, durch die Komplexität zu navigieren. Kapitalisten werden sagen: Ja ich bin reich, aber das ist hart erarbeitet. Die Antwort ist NEIN, du bist reich, weil viele andere arm bleiben. Nicht aufgrund deiner Intelligenz, sondern weil das System dich reich gemacht hat. Bis heute gibt es Klassen, die unter sich bleiben. Marx gibt uns die Mittel zu eigener Analyse und deswegen ist er so wichtig.

 

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Maximilian Enderling
02.03.2017 - 18:06
  Kultur