Gespräche auf dem Roten Sofa

Ein ganz normaler Teenie

Marc Degens' "Fuckin Sushi" ist ein Roman über einen Jugendlichen zwischen Auftrieb und Sinkflug. Der Soundtrack seines Erwachsenwerdens besteht nur aus Titeln mit über sieben Minuten Länge.
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Marc Degens, Autor von "Fuckin Sushi"

Niels ist ein ganz normaler Teenager: Er liest Harry Potter, mag Spaghetti-Eis, spielt Bass (was seine Eltern hassen), und interessiert sich nicht sonderlich für Schule; sein Zeugnis bringt seine Mutter zum Weinen. Trotzdem fängt ihn sein Vater abends beim Zähneputzen mit einem Geldschein ab: "Für dein Zeugnis. Aber sag Mama nichts." Aber auch die Mama schleicht mit einem Geldschein ins Zimmer: "Für dich. Aber sag Papa nichts."

Emotionale Höhenflüge

"Fuckin Sushi" von Marc Degens beschreibt das Lebensgefühl von Jugendlichen abseits von großstädtischen Nachtclub-Exzessen und studentischem Hipstertum. Die Teenies im Roman essen in Fastfood-Schuppen, sehen fern, spielen Ballerspiele – und sind so normal, uncool und verpeilt, wie man in diesem Alter eben ist. Das gilt besonders für den Ich-Erzähler Niels, dessen Hang zu emotionalen Höhenflügen ebenso groß ist wie seine Naivität.

Im Aufwind

Was ihn auszeichnet, ist die Liebe zur Musik, besonders zu langen Liedern ("Unter sieben Minuten passiert bei mir gar nichts."), die ihn zusammen mit dem gleichaltrigen René zu einem improvisierten Hals-über-Kopf-Auftritt in Bad Münstereifel führt. Später gründen die beiden zusammen mit Lloyd, einem älteren Profi-Onlinepoker-Zocker, eine Band, die durch Zufall den Namen "Fuckin Sushi" erhält und schließlich durch die kleptomanische Nino komplettiert wird. Zu viert legen sie einen musikalischen Turbostart hin, der sich vor der On-Stage-Karriere auf der Video-Plattform Youtube abspielt, wo die vier überrumpelt den Anstieg der Seitenaufrufe verfolgen. Mit den Klicks steigen auch der Zigarettenkonsum und Alkoholpegel.

Unprätentiöses Erzählen

Marc Degens erfasst in seinem Roman bestens die Lebensrealität heutiger Jugendlicher vor der Volljährigkeit – "Fuckin Sushi" ist keine Milieustudie eines älteren Außenstehenden, sondern eine lebendige Innensicht der Adoleszenz. Das schafft Degens vor allem durch seine unprätentiöse Erzählweise. Der Roman kommt denkbar leicht daher und sorgt immer wieder für Lacher, die sich vor allem daraus speisen, dass der Leser Situationen wiedererkennt, die Degens sehr genau beobachtet und beschrieben hat.

Im Sinkflug

Negativ-Erlebnisse haben die Figuren anfangs selten. Fast scheint es so, als sei die Liebe des Autors zu Niels, René, Lloyd und Nino so groß, dass er ihnen alles Böse ersparen möchte. Doch schlussendlich stellt sich das als erzählerischer Trick zum Aufbau einer umso größeren Fallhöhe heraus, die Niels gnadenlos erwischt und ins Trudeln bringt. Der Aufprall könnte zerschmetternd sein – wäre da nicht dieses fantastische Ende.

mephisto 97.6-Redakteur Julien Reimer im Gespräch mit Marc Degens
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„Fuckin Sushi“ von Marc Degens, erschienen bei Dumont, 19.99 €