Musik-Highlights: KW12

Ein eindringliches Gesamtwerk

Trotz Turbulenzen macht die Musik auch in Zeiten von Corona keine Pause. Der wöchentliche Tonleiter geht weiter. Und zwar online: unsere Musik-Highlights dieser Woche.
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Musikhighlights der letzten Woche

Jay Electronica - "A Written Testimony"

Neues Album, VÖ: 13.03.2020
 

Selten mussten sich Fans so lange gedulden, um das Debütalbum ihres Lieblingskünstlers zu hören.

Der US-amerikanische Rapper Jay Electronica machte schon in den 00er-Jahren auf sich aufmerksam, als er noch als vollkommen unabhängiger Künstler Musik auf MySpace veröffentlichte. Besonders mit dem Song "Eternal Sunshine (The Pledge)" verschaffte er sich ein großes Maß an Aufmerksamkeit, so dass er schließlich 2010 bei Jay-Zs Label Roc Nation unter Vertrag genommen wurde.

Trotzdem blieb es in den 10 Jahren seither lediglich bei vereinzelten Singles und Features. Erst jetzt veröffentlicht der Mann aus New Orleans ohne große Vorankündigung sein Debüt mit dem Titel "A Written Testimony". Für die Aufnahme seines ersten Longplayers will er sich 40 Tage Zeit genommen haben. Jedoch stemmt Jay Electronica sein Debüt nicht ganz allein. Label-Chef und Bruder im Geiste Jay-Z schaut bei einem Großteil der Songs als Gast vorbei. Zu Soul-Samples, BoomBap-Beats und teils orchestraler Instrumentierung rappen die beiden über Black Power, Revolution und ihre spirituelle Verbindung mit dem Islam.

Trotz Hype und kommerziellen Erwartungen ist sich Jay Electronica so treu geblieben. 

Martin Pfingstl

Baxter Dury - "The Night Chancers"

Neues Album, VÖ: 20.03.2020
 

Vom Regen in die Traufe: Während sich Baxter Durys fünftes Studioalbum „Prince of Tears“ (2017) mit einem schmerzhaften Beziehungsende auseinandersetzte, beleuchtet „The Night Chancers“ jetzt die wirre Zeit nach der Trennung. Eine Phase, in der man an sich und anderen meist nur das Schlechteste zu sehen scheint. Durys selbsternannter „Diss-Record“ skizziert verschiedene Charaktere, um dann wenig zugetan von ihnen zu erzählen:

Infectious lips and slips and smiles
Blogs and dresses, drugs and tales
There's no where deep to swim
Only selective friends with funny names

- Baxter Dury, „Sleep People“

Dury kotzt sich aus wie kein Zweiter: Die Lyrics sind gemein, aber nahbar, weil sie seine eigenen Unsicherheiten stets durchscheinen lassen. Das Album tänzelt zwischen 80s-Hip-Hop-Beats und italienischem Disco, glänzt mit edel arrangierten Frauenchören und Streichern. 
Und auch wenn Durys schlechte Laune genauso charismatisch zu sein scheint wie sein breiter Akzent – hinter all dem Sarkasmus, dem musikalischen und textlichen Geschick steht die bedeutsame Botschaft: „Baxter still loves you“.

Ariane Seidl

Halloweens - "Morning Kiss at the Akropolis"

Neues Album, VÖ: 20.03.2020
 

Mehrere Ordner voller Ideen für neue Musikprojekte, hat Justin Young auf seinem Rechner - und einer dieser Ordner hat jetzt das Licht der Welt erblickt.
Der The Vaccines Sänger ist gemeinsam mit The Vaccines Keyboarder Timothy Lanham für zwei Wochen nach Paris gezogen, um Songs für ihre neues Nebenprojekt Halloweens zu schreiben. Die beiden hatten beim Schreiben für das letzte The Vaccines Album „Combat Sports“ gemerkt, dass sie eine gemeinsame Liebe für klassisches Songwriting a la John Cale und Harry Wilson teilen und wollten daraus ein Album machen, dass ohne Erwartungen entstehen kann.
„Morning Kiss At The Akropolis“ ist eine verspielte und Klavier- und Synthie-lastige Platte geworden, die mit ironischen, aber auch sehr persönlichen Lyrics aus dem Rahmen des Indie-Rocks ausbricht. Getreu dem Motto „was nicht passt wird passend gemacht“ haben Young und Lanham als Halloweens genau das Album gemacht, auf das sie Lust hatten – und das hört man. 

 Marie Jainta

Shybits - "Skin Floats"

Neue Single, VÖ: 13.03.2020
 

Das Berliner Trio Shybits hat mit „Skin Floats“ ihre Grunge-Seite herausgekehrt. Unterlegt wird der dröhnende Klang der Single perfekt mit einem Musikvideo im DIY-Look. Für die Regie hat sich die Band keine Geringere als Gurr‘s Andreya Casablanca an ihre Seite geholt. In ihrem Erstlings-Werk als Regisseurin verfolgt sie die Idee der Shybits als Kult; alles sieht normal aus, doch trotzdem fühlt es sich ein wenig falsch an. Diese Atmosphäre verschmilzt perfekt mit dem starken Bass und Drums und dem fast grölenden Gesang.
Und so ergeben Single und Video ein eindringliches Gesamtkunstwerk. 

Theresa Graf

Lord Folter - "ADHS"

Neue Single, VÖ: 13.03.2020
 

Er gilt zwar noch als Geheimtipp, doch viele Rap-Fans kennen ihn schon: Lord Folter. Letzte Woche erschien seine zweite Single „ADHS“ vom kommenden Album.

Genaueres Releasedatum, sowie der Titel seiner neuen Platte sind noch unbekannt, was jedoch nicht überraschend ist. Denn Lord Folter umgibt nicht nur sich selbst mit einer mysteriösen Wolke des Unbekannten, sondern auch seine Musik ist immer ein wenig rätselhaft.
Hierbei ist sich Lord Folter auch mit seiner neuen Single treu geblieben. Denn auch bei "ADHS" braucht es ein paar Durchläufe bis man wirklich versteht, was er überhaupt sagen will. Mit seiner sehr bildhaften Sprache schafft er es so die beschriebenen Gefühle direkt in den Kopf des Zuhörers zu projizieren. Für einen Rap-Neuling könnte der Text am Anfang ein wenig schwer und sperrig wirken, doch im Einklang mit der Musik versteht man sofort die düstere Stimmung, die er hier beschreibt. Ein Gefühl, das in seiner Generation vielleicht jeder irgendwann schon einmal hatte: Man weiß überhaupt nicht wohin mit sich und den ganzen Erwartungen. Dazu kommt die Einsamkeit, die Lord Folter so schön in der Hook beschreibt.

Der Titel "ADHS" steht stellvertretend für das Phänomen seine komplexen psychischen Probleme einfachheitshalber auf eine schnellgetroffene Diagnose zu schieben. Auch die Beats sind wieder gewohnt düster und basslastig. Hier hat sich Lord Folter Unterstützung von Produzenten Torky Tork geholt, den man unter anderem aus dem Künstlerduo T9 kennt. Der Beat ist rein elektronisch und wühlt den Zuhörer auf. Ganz im Gegensatz zu seiner letzten Singleauskopplung "Kinderlied", bei der der Beat in der Hook fast schon ein wenig beruhigend klang.

Er erfindet sich mit "ADHS" zwar nicht wirklich neu, doch bleibt sich treu mit der mysteriösen, düsteren und melancholischen Atmosphäre die er schafft. Wir dürfen also weiterhin gespannt sein - die ersten zwei Singleauskopplungen haben seine Fans auf jeden Fall nicht enttäuscht. 

 Emma Dressel

 

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