Frisch Gepresst: Rina Sawayama

Ein buntes Poppourri

Rina Sawayama schmeißt auf ihrem Debütalbum alle Popsünden der 2000er in einen Topf, rührt einmal kräftig um und macht daraus eines der spannendsten Popalben des Jahres.
Rina Sawayama
Rina Sawayama

Seit ein paar Jahren ist die Britin Rina Sawayama so etwas wie die Lieblingsschülerin aller Popfans. 2017 veröffentlichte sie das Minialbum "RINA", das ihr sofort den Applaus vieler Kritiker*innen einbrachte. Auf dem Projekt stellte sie das erste Mal ihr Händchen für poppige Hooks und Texte über Themen fernab des Mainstreams unter Beweis. So etwa im Song "Cyber Stockholm Syndrome", eine Ode sowohl an die Schönheit als auch die Grausamkeit des Internets. Nun, eine Riesensingle ("Cherry") später, stand nun also das Debüt "SAWAYAMA" an. Und das macht genau da weiter, wo "RINA" aufgehört hat: Nämlich mit Popmusik in seiner reinsten und schönsten Form.

Geht ins Ohr, bleibt im Kopf

Denn wenn Rina Sawayama weiterhin etwas beherrscht, dann sind es diese zuckersüßen Ohrwurm-Hooks, bei denen Widerstand zwecklos ist. Bestes Beispiel ist hierfür die Vorabsingle "Comme Des Garçons (Like The Boys)", ein angefunkter Discosong mit einem eben solchen Zauberrefrain. Ein anderes Beispiel ist der Song "Bad Friend", der gleichzeitig auch ein Beleg für die Gradwanderung ist, die Sawayama betreibt, denn: Der Refrain ist nur ein paar cheesy Zeilen und Positivity-Floskeln von einer The-Chainsmokers- oder Zedd-Hook entfernt. Aber genau in solchen Momenten kommt ein weiteres Plus der Platte zum Vorschein: Die starken Texte Sawayamas.

Zynisch, emotional

Nahezu alle Songs haben eine persönliche Geschichte oder clevere Beobachtungen, die sie aus dem Pop-Einheitsbrei der Radiostationen herausstechen lassen. So ist "Bad Friend" eine bewegende Geschichte über das Verlieren alter Freunde, der Song "Akasaka Sad" etwa eine beeindruckende Abhandlung über die Beziehung mit der Heimat ihrer Eltern, Japan. Sawayama fühlt sich irgendwie zugehörig, aber irgendwie auch nicht. Das schafft das, was populäre Musik im besten Falle ist: Ein Gesprächsanstoß, ein Platz für gesellschaftliche Themen und Kontroversen.

Noch viel eindeutiger wird das auf dem vielleicht besten Track des Albums, "XS". War Ariana Grandes "7 rings" sowas wie der Höhepunkt des Flexens in der Popwelt, ist "XS" das genaue Gegenteil: Zynisch singt Sawayama über Luxus, Glanz und Gloria, während eigentlich gerade alles den Bach heruntergeht. Um das dystopische Szenario perfekt zu machen, klingt der Song wie der beste Britney-Spears-Song seit "Toxic": Das alles ist fast schon genial.

Zurück in die Zukunft

"XS" ist dabei nicht der einzige Song, der an Popsongs der frühen 2000er erinnert. Der brachiale Opener "Dynasty" kommt mit Evanescence-Referenzen um die Ecke, die schweren Gitarren und die Bridge könnten genau so auch in "Bring Me To Life" vorkommen. "STFU!" hüllt sich in Nu-Metal-Elemente mit einer verträumten R&B-Hook und setzt damit den Weg fort, den etwa auch Poppy schon auf ihrem Album "I Disagree" eingeschlagen hatte. Die Strophen auf "Paradisin'" klingen wie das Intro zu einer Nickelodeon-Serie, "Who's Gonna Save U Now?" wie eine rockige Stadionversion von Christina Aguilera. Das klingt alles wirr zusammengewürfelt, aber dank der 2000er-Anleihen funktionert das Album auch im Ganzen.

Nur in der Qualität der Songs gibt es ab und an Unterschiede: Das erwähnte "Paradisin'" entwickelt sich im Laufe des Songs nicht wirklich weiter, Ähnliches gilt für "Tokyo Love Hotel", der inhaltlich zwar elegant das Verhalten von Touristen in Tokio mit den Umgangformen in einem Etablissement vergleicht, sich aber über fast fünf Minuten ohne große Spannungskurve nicht wirklich trägt. Und dann ist da noch "Chosen Family", die vielleicht größte Pop-Dreistigkeit der Platte. Erneut ist der Song textlich brilliant und beschreibt den Zusammenhalt der LQBTQI+-Community. Musikalisch klingt das eher so, als würde Rina Sawayama den Eurovision Song Contest gewinnen wollen - ein Song für den richtigen Moment.

Fazit

Für ein Debüt macht "SAWAYAMA" daher ziemlich viel richtig. Wenn "RINA" die Einleitung war, dann ist "SAWAYAMA" die große Coming-Of-Age-Story. Die Britin ist noch persönlicher als auf dem Minialbum, noch poppiger, noch erzählerischer. Und das Debüt funktioniert auf mehreren Ebenen. Musikalisch zündet es schnell, inhaltlich hat es viel zu bieten. "SAWAYAMA" ist eine Einladung: Wer will, kann sich in die Themen der Platte eingraben und genießen, dass so etwas auf einem Popalbum mal wieder Platz findet. Und alle anderen können sich an der Millenium-Pop-Ästhetik erfreuen.

 

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Rina Sawayama: SAWAYAMA

Tracklist:

1. Dynasty*

2. XS*

3. STFU!

4. Comme Des Garçons (Like The Boys)*

5. Akasaka Sad*

6. Paradisin'

7. Love Me 4 Me

8. Bad Friend*

9. Fuck This World (Interlude)

10. Who's Gonna Save U Now?*

11. Tokyo Love Hotel

12. Chosen Family

13. Snakeskin*

*Empfehlungen der Redaktion

Erscheinungsdatum: 17.04.2020
Dirty Hit