Tonleiter

Ein bisschen live

Seit eh und je spielen Musiker Live-Sessions - und veröffentlichen diese gerne auf Tonträgern. In den letzten Monaten gibt es da eine neue Entwicklung zu beobachten. Wir bieten einen Überblick.
Live
Live ist live!

Keine zehnfachen Gitarrenspuren, kein gedoppelter Gesang - alles ganz natürlich. In Live-Sessions können Bands ihr musikalisches Talent zeigen. Heute ist vor allem das Internet die Plattform für solche Aufnahmen. Youtube-Kanäle wie die Cardinal Sessions sind bei Musikfans sehr beliebt. Bei diesen Auftritten spielen Bands meist Akustikversionen ihrer Songs. Dieses Phänomen gibt es nicht erst seit gestern. Schon vor vielen Jahren haben Musiker Live-Sessions gespielt und diese dann auf CD veröffentlicht.

Live-Session als Institution

Eines der bekanntesten Formate sind die „Peel Sessions“. Die wurden knapp 40 Jahre lang von der BBC produziert – bis ins Jahr 2004, in dem der namensgebende Moderator John Peel verstorben ist. Über viertausend Sessions hat es gegeben. Unter den Acts befinden sich altbekannte. The Cure, The Smashing Pumpkins oder New Order, nur um mal ein paar zu nennen. Die Peel Sessions wurden aber nicht nur für die BBC aufgezeichnet. Viele Acts fanden ihre Live-Auftritte sogar so gut, dass sie die Peel-Sessions als Album veröffentlicht haben. Ein Beispiel dafür: PJ Harvey.
Die Frage ist: Was ist an den Aufnahmen so besonders, dass man sie veröffentlichen muss? Sie präsentieren die Acts natürlicher und echter. Obwohl die Peel Sessions auch in einem Studio aufgenommen werden, haben sie einen anderen Charme als die originalen Alben. Sie zeigen das Unperfekte der Musik und sind damit vor allem eine schöne Ergänzung. Wenn es nicht zu einer CD mit dem Namen „The Peel Sessions“ kommt, dann werden die Aufnahmen eben auf Best-Of Alben gepackt - zum Beispiel bei Joy Division.

Neue Verpackung

Heute  gibt es die „Peel Sessions“ zwar nicht mehr. Sie leben aber immer noch nach. Gerade erst hat der Künstler Bonnie Prince Billy ein Album mit Peel-Sessions-Aufnahmen herausgebracht. Dabei lässt sich etwas Spannendes beobachten. Die Platte trägt nicht den Namen der „Peel Sessions“. Sie heißt „Pond Scum“ und wird quasi als reguläres Studioalbum vermarktet. Dabei handelt es sich eigentlich ja um eine BBC-Aufnahme. Von der Qualität her fällt es auch kaum auf, dass es sich um eine Live-Darbietung handelt. Die Instrumentierung ist gering gehalten. Das kann bei einem Singer/Songwriter-Album aber ja auch so oder so mal passieren. Das sonst schleppende „Death To Everyone“ präsentiert sich in einer sehr sanften Version. Auf den ersten vier Liedern wird Sänger Will Oldman von einer weiteren E-Gitarre begleitet. Den Rest spielt er komplett alleine ein. Das liegt daran, dass die 12 Songs aus drei verschiedenen Aufnahmesessions stammen. Das hört man dem Album aber nicht an. Es wirkt wie ein zusammenhängendes Werk. Natürlich sind alle Songs ruhig und entspannt. Manche Stücke stechen trotzdem heraus, so wie zum Beispiel „Beezle“.

Kein Einzelfall

Anfang des Jahres hat eine andere Band etwas ganz Ähnliches gemacht. Die Villagers haben ein neues Album veröffentlicht. Auf diesem befinden sich ebenfalls nur bereits bekannte Songs – aufgenommen in einer Live-Session. Dabei spielten die Villagers ihre Songs in neu arrangierten Versionen – und zwar im Londoner RAK-Studio. Davon ist im Albumtitel auch keine Rede. Das heißt einfach nur „Where Have You Been Your Life?“.

 

Man muss sich fragen, ob man eine solche Aufnahme überhaupt noch als Live-Session bezeichnen darf. Auch bei den klassischen Veröffentlichungen der Peel-Sessions wurde sicher ordentlich nachgeholfen. Auch die fanden immerhin in einem voll ausgestatten Studio statt – und das ist auch gar nicht schlimm. Für Fans der Bands ist es immer wieder ein Geschenk, neue Aufnahmen zu bekommen. Das soll auch gar nicht abgestritten werden. Trotzdem darf eine Live-Session mit altem Material nicht wie ein neues Album verkauft werden. Das ist dann nämlich wirklich ein bisschen dreist, so schön die neue Musik auch sein mag.

 

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