CD der Woche

Ein ausgedehnter musikalischer Ausflug!

Sechs Jahre musste die Welt auf ein neues Album warten. So lange hat The Notwist gebraucht um ein Album zu schaffen, dass sich ohne Probleme in die Riege ihrer Vorgängeralben einreihen kann.
The Notwist

Verschlafene Einöde als kreatives Hauptquartier

Weilheim in Oberbayern. Fünf ansässige Großfirmen, eine erstaunlich niedrige Arbeitslosenzahl und 22.000 Einwohner. Das Gewerbegebiet gehört zu einem der langweiligsten Orte Bayerns, mit einem Kino, Lagerhallen und vielen Parkplätzen. Dass dieser Ort der Nabel im facettenreichen Notwist-Universum ist, scheint zunächst absurd. Aber der Schein trügt und die Kleinstädtler haben es als eine der wenigen deutschen Bands geschafft von ihrem Hauptquartier aus die Welt zu erobern. Angefangen haben die The Notwist mit schrammeligem Rock gepaart mit Metal- und Punkelementen. Ihr Debüt „The Notwist“ verhalf ihnen zu einer Tour mit Bad Religion. Über den Pfad der Popmusik tänzelt die Band bis hin zu elektronischen Sounds, ohne sich dabei festzulegen. Experimentierfreude bleibt stets das Credo der Band, die dabei aber niemals ihre Wurzeln vergisst. In jedem Album steckt etwas Neues und die Musik behält dabei immer ihre Essenz: liebevoll und detailreiche Soundkonstrukte in Symbiose mit der Stimme von Markus Acher. Auch ihr aktuelles Album „Close to the Glass“ ist unter diesem Vorsatz entstanden und das an keinem geringerem Ort als Weilheim.

Collagen statt Songs

Die Musik von The Notwist unterliegt keinen Banalitäten wie typischen Popsong-Längen der Lieder oder herkömmliche Aufnahmetechniken. So wie die Aufnahme und Konstruktion der Songs seine Zeit gedauert hat, so hat auch jeder Song seine eigene Zeit sich zu entfalten. Ob das nun 49 Sekunden wie bei „The Fifth Quarter of The Globe“ oder fast neun Minuten wie bei „Lineri“ sind. Doch nicht nur die Dauer variiert, sondern auch die Produktionsweise der der drei Musiker folgt keinem vorgegebenen Schema. Wie sie selbst betonen, enthält „Close to the Glass“ Collagen und keine Songs! Das spürt der Hörer vor allem bei den elektronischen Parts auf dem Album. Ähnlich wie ein Maler legt The Notwist mehrere Schichten von Tönen und Instrumenten übereinander, kratzt dann einzelne Schichten wieder frei. Das Resultat ist dann ein buntes Gesamtkunstwerk, dass nur als Einheit wirkt und wo einem beim Hören jedes Mal wieder andere kleine liebevolle Details auffallen. Schon der Opener „Signals“ verdeutlicht diese These! Dort verfährt die Band nach ebenjener Arbeitsweise.

Die Stimme von Sänger Markus Acher steht bei den Soundtüfteleien nicht immer im Mittelpunkt sondern ist manchmal auch nur ein sanftes Hauchen im Hintergrund. Dabei bewegt sie sich leichtfüßig zwischen Kopf – und Bauchstimme, aber auch zwischen hymnenartigen und apokalyptischen/bedrohlichen Gesang. Vergleicht man die Singleauskopplung „Kong“ mit dem Titeltrack „Close to the Glass“ fällt der Wechsel von manischem und fast schon depressiven Phasen in der Stimmfarbe auf. Eine Ambivalenz, die sich wie ein roter Faden durch das Album zieht. An einigen Stellen kann das Gefühl aufkommen, dass sich die Band im Soundschnipseln verliert. Jedoch wirken Songs wie zum Beispiel „Steppin' In“ der drohenden Haltlosigkeit entgegen. Begleitet von einer Gitarre und einer Geige ist der Fokus klar auf dem Gesang gerichtet. und dient als Beweis, dass Acher's Stimme keinen Tag älter geworden ist.

Bei der Produktion von „Close to the Glass“ hat die Band Teile der Platte live eingespielt und dazu wieder Parts hinzugefügt, die sie weiter entwickelt haben. Die Ballade „Casino“ verdeutlicht diesen Arbeitsprozess. Zunächst hat Andi Haberl, der Schlagzeuger der Band, den Song geschrieben. The Notwist haben ihn live aufgenommen, daraus hat Martin Gretschmann dann einen Remix gemacht und dieser war wiederum die Grundlage für die Version des Stücks, die auf der Platte gelandet ist. Das ist vermutlich, neben den vielen anderen Projekten, die die einzelnen Bandmitglieder haben, einer der Gründe warum die Welt in schier unerträglicher Spannung sechs Jahre auf „Close to the Glass“ warten muss.

The Notwist passen in keine Schublade

The Notwist haben mit „Close to the Glass“ ein Album kreiert, dem man keinen Stempel aufdrücken darf – zu vielfältig ist ihr Stil, zu groß ihre Bedeutung. Essenziell wichtig ist das Verständnis, dass nicht nur die Collagen/Songs aus einzelnen Soundschnipseln bestehen, sondern auch das gesamte Album für sich wirkt durch die verschiedenen Genres, als sei es ein dreidimensionales Kunstwerk. Man kann und muss es sogar von verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Und dann stellt man fest, dass auch bei mehrmaligem Durchhören des Albums immer neue Aspekte auftauchen. „Close to the Glass“ nimmt den Hörer an die Hand, führt ihn in eine andere Welt und sorgt dafür, dass er sich in das Klangkostüm schmiegt und sich rund um Wohl fühlt.

 

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The Notwist: Closer to the Glass

Tracklist:

1. Signals
2. Close to the Glass
3. Kong
4. Into another Tune
5. Casino
6. From one wrong Place to the Next
7. 7-Hour-Drive
8. The fifth Quarter of the Globe
9. Run Run Run
10. Steppin'in
11. Lineri
12. They follow me
 

Erscheinungsdatum: 21.02.2014
City Slang (Universal)