Sputnik LitPop 2015

Ein Abend in Pink

Das Neue Rathaus ist in Farbe getaucht, Lila und Pink sind die Farben des Abends – es ist wieder LitPop. Zum achten Mal sorgen Autoren, Musiker und DJ's für eine vielfältige Veranstaltung, bei der für jeden etwas dabei ist.

Jedes Jahr Mitte März ist es so weit: Buchmesse – ganz Leipzig ist im Lesefieber. Auf dem Messegelände drängen sich die Menschen, um hier und da eine Lesung zu hören, ein Buch signieren zu lassen oder Tüten und Kulis abzugreifen. Doch nicht nur in den Hallen der Messe herrscht reges Treiben. In der ganzen Stadt gibt es wieder unzählige Veranstaltungen. Gar nicht so einfach, da den Durchblick zu behalten und die Highlights nicht zu verpassen. 

Doch so manche Veranstaltung hat sich über die Jahre etabliert und lockt immer wieder die Massen an – so auch die Sputnik LitPop, die dieses Jahr zum achten Mal stattfand. Das Konzept ist simpel, aber genial: Literatur und Pop werden in einem der schönsten Gebäude Leipzigs – dem Neuen Rathaus – kombiniert. 

Entscheidungen anderer Art

Da wo sonst Entscheidungen über Leipzigs Belange getroffen werden, entscheidet das Publikum heute Abend wer beim Poetry Slam gewinnt. Außerdem stehen Konzerte, Lesungen und Party auf der Tagesordnung.  

Das Line-Up ist wie jedes Jahr vielfältig. So liest Friedrich Liechtenstein aus seinem Buch "Super: Mein Leben", die Stars der Youtube-Familie Slimani beantwortet Fragen aus dem Publikum, Sizarr stellen während ihres Konzerts auch einige neue Songs vor, die sie zum ersten Mal live vor Publikum spielen, und die DJ's von Dead Disco bringen die Masse zum Tanzen.

Vom Scheitern und Aufstehen

Zu Gast ist auch die Autorin Anne Krüger, die ihren Roman "Allee der Kosmonauten" vorstellte. Anne Krüger wurde 1975 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Bibliothekswissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin und lebt bis heute als freie Autorin mit ihrer Familie in ihrer Heimatstadt.

Dort spielt auch ihr Debütroman „Allee der Kosmonauten“ um die Endzwanzigerin Mathilda und ihr Leben. Diese hat ihr Studium vor Jahren abgebrochen, arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt und man kann leichten Herzens sagen, dass sie wohl so durch ihr Leben stolpert. Der Kontakt zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern ist schwierig und zudem verstrickt sie sich immer wieder in komplizierte Beziehungen, die kein gutes Ende finden. Anne Krüger hat sich damit einer Thematik gewidmet, die sowohl in der Gesellschaft als auch in der Literatur häufig unterschätzt wird: der Quarterlive-Crisis. Mathilda scheitert und scheitert; und es scheint, als käme sie aus ihrem Tief kaum mehr heraus. Der Leser scheitert mit ihr, fühlt mit ihr – wird aufgrund von Mathildas scheinbarer Inkompetenz, ihr Leben in den Griff zu bekommen, aber auch zunehmend ungeduldiger.  

Anne Krüger verpackt die Geschichte um Mathilda in ein Gewand aus Situationskomik und poetischen Erzählstilen. An vielen Stellen kommt man um das Schmunzeln nicht herum und es fällt leicht, sich von der Geschichte mitreißen zu lassen. Dennoch wirken die Passagen teilweise etwas langwierig und wirr. Wer als Leser aber viel Geduld und vor allem Toleranz gegenüber der Protagonistin mitbringt, kann sich mit Mathilda sicherlich an mehr als einer Stelle identifizieren und zusammen mit ihr scheitern – und wieder aufstehen. Im Interview hat Anne Krüger mit uns über Mathilda und ihre Generation gesprochen. 

Anne Krüger im Interview mit mephisto 97.6-Reporterin Elisa Marie Rinne.
 

Oktoberfest in Brasilien, Karneval in Namibia, Brauereibesichtigung in China

Auch Manuel Möglich, den viele aus der ZDFneo Serie "Wild Germany" kennen, nahm in diesem Jahr zum ersten Mal an der LitPop teil. Möglich ist nicht nur Fernsehreporter und Radiojournalist, sondern auch Autor. Vor Kurzem wurde sein erstes Buch "Deutschland überall – Eine Suche auf fünf Kontinenten“ veröffentlicht. Dafür reiste er durch die ganze Welt, um mehr über sein Heimatland Deutschland und die Deutschen zu erfahren. 

Weil man nämlich den Wald vor lauter Bäumen oft nicht mehr sieht, lag es auf der Hand, das wilde Deutschland zu verlassen, um das große Ganze aus der Distanz besser betrachten und verstehen zu können. 

Manuel Möglich in „Deutschland Überall“ 

Die Idee, sich Deutschland aus der Ferne zu nähern, entstand durch ein Gerücht: In einem alten Zeitungsartikel hatte Manuel Möglich gelesen, dass es in der Region Lüderitz im Südwesten Afrikas immer noch Leute gibt, die den Geburtstag von Adolf Hitler feiern. Und so fuhr er in den blauen Dunst hinein nach Namibia, um mal nachzuschauen.  

Redakteurin Pauline Bombeck mit Manuel Möglich

Es folgten sechs weitere Reisen in Länder, die einen historischen Bezug zu Deutschland haben. In Brasilien besuchte Möglich ein Oktoberfest, in China besichtigte er eine Brauerei, in Samoa probiert er – aus Versehen – illegale Drogen. Die Erlebnisse der Reisen hielt er in seinem Buch "Deutschland Überall" fest, aus dem er auch auf der LitPop las. mephisto 97.6-Reporterin Pauline Bombeck hat vor dem Event mit ihm gesprochen. 

Manuel Möglich im Interview mit mephisto 97.6-Reporterin Pauline Bombeck.
 

Der Poetenwettstreit

Nach der Lesung von Manuel Möglich stürmten die Leute in den Festsaal, sodass dieser bald aus allen Nähten zu platzen drohte und deshalb nicht jeder das nächste Highlight mit erleben konnte. Beim Poetry Slam traten Jan Philipp Zymny, Florian Wintels, Katinka Buddenkotte und Maik Martschinkowsky gegeneinander an. Jeder Künstler performt dabei selbst geschriebene Texten auf der Bühne. Das Publikum entscheidet per Applaus, wer gewinnt.  

Poetry Slammer Florian Wintels im Interview mit Peggy Strauchmann

An diesem Abend kann sich Florian Wintels über den Sieg freuen. Der 21-Jährige aus Bad Bentheim in Niedersachsen ist für seine schnelle Vortragsweise bekannt und hat gerade eine Sammlung seiner Texte als Buch namens "Sieben auf einen Scheiß" rausgebracht. Mit ihm haben wir vor dem Slam über seinen Erfolg, die Bedeutung von Selfies auf Facebook und Politik auf der Bühne gesprochen. 

Poetry-Slammer Florian Wintels im Interview mit mephisto 97.6-Reporterin Peggy Strauchmann.
Wintels

Die Portion Pop

Sehr viel Literatur ist an diesem Abend zu erleben, aber auch die Musik kommt nicht zu kurz. Für die gewisse Portion Pop sorgt neben Sizarr und Dead Disco der Leipziger Künstler LOT. Schon seit seiner Kindheit spielt er Klavier und schreibt Songs. Seine Musik bezeichnet er selbst als Urban Pop. Deutsche Texte und eingängige Melodien mit Elementen aus Jazz und Hip Hop. Im April bringt LOT – übrigens die Kurzform seines Vornamens Lothar – sein Debütalbum als Solokünstler. Warum das Stück "200 Tage" heißt, was er von Vergleichen mit Udo Lindenberg und Philipp Poisel hält und was er mit RB Leipzig zu tun, hat Lothar im Gespräch mit uns erzählt.

LOT im Interview mit mephisto 97.6-Reporterin Peggy Strauchmann.
 

Résumé des Abends

Insgesamt war die achte LitPop ein gelungener Abend mit einer bunten Mischung aus Literatur, Lyrik und Musik. Schade war, dass einige Lesungen und besonders der Poetry Slam so gut besucht waren, dass vielen Interessierten der Zugang zu den Sälen verwehrt blieb. Zudem ließen vor allem die Lesungen und Konzerte in der unteren Wandelhalle an akustischer Finesse zu wünschen übrig; die Texte waren für viele Zuhörer in den hinteren Reihen schwer zu verstehen. Vielleicht werden diese kleinen Makel aber bis zum nächsten Jahr überarbeitet – und so der Abend zu einem noch spektakuläreren Ereignis gemacht. 

 

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Peggy Strauchmann, Elisa Marie Rinne, Pauline Bombeck
18.03.2015 - 10:39
  Kultur