Frisch Gepresst: Declan McKenna

Dystopische Glanzwelten

Drei Jahre nach seinem Debüt erscheint Declan McKenna’s zweites Album „Zeros“. Darauf zu finden: Apokalyptische Stimmung, David Bowie Einflüsse und mitreißende Gitarren-Riffs.
Declan McKenna - "Zeros"
Declan McKenna - "Zeros"

Es ist 2014 und die Welt blickt gespannt auf die WM in Brasilien – und einen Korruptionsskandal in der FIFA. Derweil schreibt auf der anderen Seite der Welt ein 15-jähriger Brite den Protestsong „Brazil“, der ein Jahr später über Nacht zum neuen Hit der Indie Welt wird. Declan McKenna – „die Stimme einer Generation“ heißt es von Kritiker*innen. Spätestens mit seinem ebenso politischem Debüt-Album „What Do You Think About The Car?“ (2017) sind die Erwartungen an den jungen Musiker hoch.

Jetzt, mit 21 Jahren, veröffentlicht er seine heiß erwartete zweite Platte „Zeros“, für dessen Produktion McKenna sich Jay Joyce ins Boot geholt hat, der bereits Alben wie Cage The Elephant’s „Melophobia“ oder Emmylou Harris‘ „Hard Bargain“ produzierte.

Der verlorene Junge 

Gleich zu Beginn zeigt sich „Zeros“ mit „You Better Believe!!!“ – einem Song, dem man die Ausrufezeichen in seinem Titel anhört – von seiner glänzendsten Seite.  Die ersten Sekunden wirken vertraut, sie erinnern mit ihren treibenden Drums ein wenig an die letztjährige Single „British Bombs“, die nicht Teil des Albums ist. Der Up-Beat Song setzt den Rahmen des zu Erwartenden: Dystopie, Energie und Retro-Futurismus. In der Hauptrolle: Der Junge mit dem Glitzer im Gesicht und die elektrische Gitarre.

Gather 'round for the final scene
Where you were sold away one summer's day last year
Oh, I'm sorry, my dear
The asteroid's here

"You Better Believe!!!"

„You Better Believe!!!“ endet auf einer melancholischen Note, die fast nahtlos in den nächsten Titel (und Highlight der Platte) „Be An Astronaut“ überleitet. Was als sanfte Klaviermelodie beginnt, verwandelt sich schnell in ein Staccato, um sich dann über ein großartiges Crescendo in ein Gitarrensolo zu steigern und bei maximaler Energie und voller Rockband-Besetzung plus Violine und Cello zu landen. Auf „Be An Astronaut“ lernen die Hörerinnen und Hörer außerdem Daniel kennen, dessen Geschichte auf dem späteren Track „Daniel, You’re Still A Child“ weitergesponnen wird. Daniel und seine Träume werden immer nur belächelt, er wird nicht ernst genommen, bis er sich irgendwann in der Welt verliert. In einem BBC Radio 1 Interview erwähnte McKenna, dass der Song eine gute Zusammenfassung der Thematik des Albums sei.

What is wrong with Daniel, he's no fun
You just wait 'till Daniel hurts someone
Daniel, you're a weirdo, what the hell?
You just wait 'till Daniel hurts himself

"Daniel, You're Still A Child" 

Wie von einem anderen Planeten 

Bilder der Zerstörung und Entfremdung sind charakterisierend für die zehn Songs auf „Zeros“. McKenna kritisiert fehlende Menschlichkeit einiger Leute gegenüber ihren Mitmenschen („The Key To Life On Earth“), beschreibt das Gefühl des Abgehängt-Seins in einer so schnelllebigen von Technologie und Social Media geprägten Welt („Beautiful Faces“) und die Überforderung, die mit diesen ständigen Entscheidungen und Ereignissen einhergeht („Rapture“). Dargeboten wird das Ganze als 70er Bowie-esker Glam-Rock, gepaart mit futuristischen Themen und Elementen. Lediglich das Folk-angehauchte „Emily“ und der hoffnungsgebende, leicht poppige Titel „Eventually, Darling“ am Ende des Albums, brechen aus diesem Schema aus. McKenna erschafft die Illusion einer bunten Parallelwelt, die beim näheren Betrachten dann aber doch nur die Probleme des eigenen Seins wiedergibt. Eingefangen wird diese Essenz des Albums auch visuell: Die Videospielästhetik in Musikvideos zu „Daniel, You’re Still A Child“ oder „Rapture (Lyric Video)“  zeigen McKenna zwar in einer schönen und bunten Welt, gefangen in ihr ist er trotzdem, er ist nur ein Spieler. Das Dreamteam hinter diesen Darbietungen sind Declan und sein Greenscreen.

Fazit

Viele der Songs auf „Zeros“ wirken vertraut (im positiven Sinne) und wie aus einem Guss. Declan McKenna animiert darauf zum Mitnicken, zum Tanzen, aber auch zum Nachdenken. Mit „Zeros“ macht er ein Album für all diejenigen, die zweifeln und sich von der Welt abgehängt fühlen - für all die Nullen zwischen den Einsen.

Die hohen Erwartungen wurden erfüllt, soviel ist sicher. McKenna’s zweites Album ist seinem Vorgänger ein mehr als würdiger Nachfolger. Bleibt zu hoffen, dass echte Konzerte bald wieder möglich sind und „Zeros“ auf die Weise präsentiert werden kann, wie es sicherlich am besten funktioniert: Live mit Band. Bis dahin sorgen Declan McKenna und sein Greenscreen auf den Bildschirmen für das notwendige Entertainment.

 

Kommentieren

Declan McKenna: Zeros

Tracklist:
  1. You Better Believe!!!*
  2. Be an Astronaut*
  3. The Key to Life on Earth*
  4. Beautiful Faces*
  5. Daniel, You’re Still a Child
  6. Emily
  7. Twice Your Size
  8. Rapture
  9. Sagittarius A
  10. Eventually, Darling*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 04.09.2020
Columbia Records

Das Album direkt bei Spotify anhören: