Filmrezension: Die Nacht der Nächte

Durch dick und dünn gegangen

7 Jahre nach ihrer Migrantenkomödie haben sich die Samdereli-Schwestern erneut zusammen getan. Wie schafft man es ein Leben lang ein Paar zu bleiben? Diese Frage verarbeiten sie in ihrer charmanten Dokumentation "Die Nacht der Nächte".
Hildegard und Heinz in "Die Nacht der Nächte"
Gegensätze ziehen sich an: Die Knetversionen von Hildegard u. Heinz-Siegfried Rotthäuser (Deutschland, verheiratet seit 1960).

Kamala und Nagarajayya aus Indien. Trotz familiärer Drohungen und starrem Kastensystem setzten sie ihre Heiratspläne in die Tat um. Hildegard und Heinz. Das etwas ruppige, aber herzliche Nachkriegspaar lebt im Ruhrgebiet. Die Japaner Shigeko und Isao. Beide wurden von ihren Familien in eine arrangierte Ehe gedrängt. Schlussendlich Norman und Bill aus den USA. Nachdem die Homo-Ehe in Pennsylvania erlaubt wurde, durften sie sich endlich das Jawort geben.

Vier Ehepaare. Vier Liebes- und Leidensgeschichten. Drei Kontinente. Eine Sache jedoch eint sie: das Kunststück, mehr als ein halbes Jahrhundert Seite an Seite verbracht zu haben. Die acht auserwählten Protagonisten berichten überraschend offenherzig und humorvoll von ihrem Leben in trauter Zweisamkeit.

Kamala und ihre bessere Hälfte in "Die Nacht der Nächte".

Liebenswürdig-ehrliches Beziehungskaleidoskop

Je mehr wir zanken, desto näher kommen wir uns.

Nagarajayya Hampana

Diese berührende Erkenntnis ist nur eine von vielen kleinen Lebensweisheiten des Films. Die Samdereli-Geschwister entwerfen ein differenziertes wie einfühlsames Portrait von Menschen in lebenslangen Beziehungen. Erzählt wird sowohl von Liebesheirat als auch von Zwangsehe. Hetero- und homosexuelle Paare aus vollkommen verschiedenen Kulturkreisen kommen zu Wort. Die Kamera begleitet die in die Jahre gekommenen Eheleute in ihrem Alltag. Angenehmerweise lässt man sie einfach unkommentiert reden. Daneben gibt es auch „klassische“, im jeweils heimischen „Kosmos“ geführte Interviewsituationen. Mal alleine, mal zu zweit sprechen sie ungezwungen über das Liebesglück, Eheprobleme, die Hochzeitsnacht und Kennenlernphase.

Bill und Norman in "Die Nacht der Nächte" - Liebe auf den ersten Blick

Das Publikum wird in ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle gestürzt. Unerwartet witzig, gelegentlich tieftraurig und schockierend, oftmals herzerwärmend geraten die Schilderungen. Da wird nicht selten geweint, aber auch viel gelacht. Sehr treffend zeigt der lebensbejahende Film, welch widersprüchlichen Emotionen die Liebe in uns auslöst. Seinen unterhaltsam-verspielten Grundton verdankt der Dokumentarfilm neben der Swing-Musik den eingeflochtenen Knetanimationen. Mit genauem Blick erfasst die Stop-Motion-Künstlerin Izabela Plucinska darin die tragikomische Essenz der Partnerschaften. Vier Jahre umfasste die gesamte Filmproduktion von „Die Nacht der Nächte“. Das bewegende Endresultat rechtfertigt aber voll und ganz den immensen Arbeitsaufwand. Spätestens wenn man sich nach Filmschluss verstohlen Tränen der Rührung aus dem Auge wischt, wird klar: Das echte Leben schreibt doch die schönsten Love Stories.

Der Radiobeitrag zum Nachhören:

Der Radiobeitrag von Karen Müller
0604 Nacht der Nächte Filmrezension

 

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Die Nacht der Nächte

Kinostart: 05.04.2018

FSK: 0

Laufzeit: 97 Minuten

Regie:  Yasmerin und Nesrin Samdereli