Literaturrezension

Drei Beine, zwei Herzen

Manchmal müssen außerordentliche Dinge passieren, um Menschen vor Augen zu führen, worum es im Leben eigentlich geht. Diese Erfahrung greift die niederländische Autorin Esther Gerritsen in ihrem Roman "Der große Bruder" auf.
Geschwisterkinder
Geschwisterkinder

Eine junge Mutter in einem Sommerkleid hockt ihrem Sohn gegenüber, der breitbeinig auf dem Rasen sitzt. Sie rollt ihm einen Ball zu, er streckt die Ärmchen danach aus. Der Kleine wird bald eine Schwester bekommen. Er wird auf sie aufpassen und sich um sie kümmern. Die Eltern haben ja keine Zeit. Als dieses Foto vor knapp fünf Jahrzehnten entstand, war Olivia noch nicht geboren. Heute denkt sie häufiger darüber nach, wie das eigentlich war, damals, und was davon noch übrig ist.

In ihrem Roman „Der große Bruder“ erzählt Esther Gerritsen die Geschichte von zwei Geschwistern, die lange Jahre wenig miteinander zu tun hatten. Während Olivia inzwischen eine eigene Familie und ein Haus am Stadtrand von Amsterdam hat und als Leiterin Finanzen für ein Familienunternehmen arbeitet, hadert ihr älterer Bruder Marcus mit einem festen Wohnsitz. Er bezeichnet sich als „Wandercoach“ und haust die längste Zeit in einem Wohnwagen. Trotz Diabetes achtet er nicht besonders auf seine Gesundheit. Viel wissen die beiden nicht voneinander und wollen es auch gar nicht. Das ändert sich allerdings, als Olivia eines Tages erfährt, dass Marcus ein Bein verlieren wird.

Plötzlich hatte sie das Bild der kurzen Sporthosen vor Augen, die Marcus als Junge getragen hatte. Ihre Wut richtete sich auf den, der sägte. Das hätten sie doch verhindern können, es ging zu weit, es musste andre Möglichkeiten geben, wie konnten sie nur... an unserem Körper...unserem Körper, hatte sie gedacht, als wären seine Gliedmaßen Familienbesitz.

Der große Bruder, S. 14

Immer wieder spielt Esther Gerritsen in ihrem Roman mit den ambivalenten Gefühlen, die das Leben ihrer Protagonisten prägen. Zwar erzählt sie die Geschichte aus Olivias Perspektive, bietet jedoch durch zahlreiche Dialoge eine authentische Sicht auf die anderen Figuren. Nicht zuletzt der fein ausdifferenzierte Charakter Olivias erlaubt dem Leser tiefe Einblicke in die Befindlichkeiten der handelnden Personen. Schließlich zieht Marcus nach der Beinamputation bei seiner Schwester und deren Familie ein. So betrifft sein Schicksal bald alle Bewohner des Hauses.

Dramatisch – inhaltlich wie formal

Wie sich das Alltagsleben damit für alle Beteiligten verändert, schildert Gerritsen anhand von Szenen, die kurzweilig und leicht zu lesen sind. Jede einzelne gibt allerdings auch einen weiteren Gedanken ab, der das zentrale Motiv der geschwisterlichen Beziehung nährt. Hinter dem augenscheinlich Alltäglichen wird zunehmend eine tiefere Ebene erkennbar, die mehr und mehr erahnen lässt, dass das Leben nicht beliebig ist.

'Stimmt. Ich habe keinen Einfluss darauf.' Sie ließ ihren Bruder davongleiten, als wäre er nur ein Traumbild, das sich im Angesicht seiner Unwirklichkeit spontan verflüchtigte. Ihre normale Gelassenheit kehrte zurück.

Der große Bruder, S. 18 

Immer wieder sind es kleine Beobachtungen, die Olivia aus der Bahn zu werfen drohen. Auf geschickte Weise verbindet Gerritsen das Profane mit dem Dramatischen. Die physische Wunde des großen Bruders wird somit beinahe zur Metapher, die – in Beziehung mit den anderen Protagonisten – eine ungeheure Tragweite gewinnt. Was unterschwellig von Beginn an mitschwingt, tritt im Laufe der Erzählung deutlicher hervor. Und so schafft Gerritsen mit Olivia im Grunde eine Stellvertreterin für viele. In welcher Familie gibt es schließlich nicht irgendwo eine Wunde? In welcher fehlt womöglich im übertragenen Sinne auch mal ein Bein? Da braucht es dann einen starken Rückhalt, eine Familie, die hilft, die erkennt und akzeptiert, aufeinander angewiesen zu sein. Und vielleicht braucht es auch einen Roman wie diesen von Esther Gerritsen, damit... ja, damit es wieder „laufen“ kann – oder damit eine Wunde buchstäblich heilen kann.

Den Beitrag zur Rezension können Sie hier nachhören: 

Die Rezension von Frauke Siebels zu "Der große Bruder"
 

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Frauke Siebels
24.04.2018 - 13:47

Das Buch ist im März 2018 im Aufbau-Verlag erschienen. www.aufbau-verlag.de