Stadt teilen: Connewitz

Die Wiege der Leipziger Subkultur

Connewitz hat die Leipziger Szene nach der Wende geprägt wie kein anderes Viertel. Aber warum eigentlich? Wir haben mit dem Autour, Historiker und Ur-Leipziger Sascha Lange über den Mythos Connewitz gesprochen
Der Autor Sascha Lange
Der Autor Sascha Lange

mephisto 976: Herr Lange, Sie leben jetzt seit über 40 Jahren im Leipziger Süden. Wie haben Sie die Wendezeit in Connewitz erlebt?

Sascha Lange: Die ganze Stadt war völlig verfallen. Diese apokalyptische Atmosphäre bot sich vor allem in Connewitz. Dort standen ganze Straßenzüge leer. Es gab den Plan, große Teile der Altbauten um die Biedermannstraße herum abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen. Gleichzeitig kam relativ schnell bei jungen Leuten die Idee auf, sich Wohnraum zu suchen, um aus der elterlichen Enge zu fliehen oder eine Wohngemeinschaft zu gründen. Das waren Gedanken, die junge Menschen überall in Leipzig hatten. Deswegen sind zum Jahreswechsel 89/90 viele junge Leute aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen, Hippies, Punks, Grufties, Künstler, Lebemenschen – ein ganz buntes Sammelsurium – nach Connewitz gekommen.

m: War es Zufall, dass es sich auf Connewitz konzentriert hat? Denn Hausbesetzungen gab es zunächst in fast jedem Stadtteil.

L: Zu einem gewissen Teil ist es Zufall. Zum anderen hat es damit etwas zu tun, dass sich Ende ´89 der Verein „Connewitzer Alternative e.V.“ gegründet hat. Da ging es darum, Connewitz vor dem weiteren Abriss zu bewahren und gleichzeitig Wohnraum zu schaffen. Auf einen Schlag wurden damals ein gutes Dutzend Häuser besetzt – das war eine gute Ausgangsbasis. Aber das hätte genauso gut in Lindenau oder im Leipziger Osten passieren können.

m: Connewitz ist ja dann relativ schnell für die linke Szene berühmt geworden. Wie politisch war das Viertel denn direkt nach der Wende?

L: Den Mythos Connewitz kursierte, vor allem bei rechten Jugendlichen, schon im Sommer 1989. Schon damals waren die Punks aus Connewitz bei den Faschos gefürchtet. Allerdings waren mir zu diesem Zeitpunkt keine größeren Punkercliquen aus Connewitz bekannt. Aber in diesem ganzen Wendewirbel bot es sich an, so einen Mythos zu nähren, weil es im Laufe des Jahres 1990 viele Straßenkämpfe um die Hegemonie gab. Nazi-Cliquen, die es ja schon seit Mitte der 80er Jahre in Leipzig gab, haben sich durch den nationalistischen Taumel, den es in der zweiten Hälfte der Montagsdemos gab, unheimlich bestärkt gefühlt. Sie wollten Leipzig von allen nicht rechten Jugendkulturen säubern. Deshalb ist Leipzig auch 1991 von den Leipziger Neonazis zur ersten nationalbefreiten Zone erklärt worden. Und all die Jugendlichen, die sich in Connewitz zusammengefunden hatten, haben das nicht aus einem politischen Bewusstsein getan. Die einen wollten Freiräume bekommen, die anderen wollten billigen Wohnraum und natürlich gab es auch Leute die einen gewissen linken Anspruch hatten. Und das zentralisierte sich auf Connewitz, weil man sich zusammengetan hatte um sich gegen den Fascho-Terror zu schützen.

m: Sie haben schon angesprochen, dass Connewitz vor 25 Jahren ein komplett anderes Viertel war als heute. Wie hat sich der Stadtteil denn verändert?

L: Der Verfall ist gestoppt,  außerdem wohnen viel mehr Leute in Connewitz. Und es hat sich auch viel getan, was kleine Gewerbe angeht. In den ersten zehn, 15 Jahren gab es kaum Leute, die kleine Läden aufmachen, also Fahrradladen, Imbisse, Kneipen usw. Wenn man Anfang der 90er Jahre abends durch Connewitz geradelt ist, gab es großstädtisches Leben nur in zwei, drei Clubs. Also die Distillery, das Conne Island, das Zoro, das Werk 2, das waren die wichtigen Läden. Kneipen gab es wenig bis gar keine. Und wenn man jetzt durch Connewitz fährt, dann ist hier noch ein Spätverkauf und dort stehen noch die Leute vor dem König HeInz. Es ist also ein sehr angenehmes, großstädtisches Leben, das das Viertel auch für die Anwohner sehr lebenswert macht.

m: Die großen Institutionen, wie das Conne Island oder das Werk 2, die Anfang der 90er entstanden sind, sind mittlerweile kulturelle Leuchttürme in Leipzig. Wie wichtig ist denn Connewitz für die Leipziger Kulturszene?

L: Wenn man sich die Subkultur ansieht, dann wäre Leipzig ohne Connewitz heute nicht die gleiche Stadt. Zu Wendezeiten gab es nur kommunale Kulturhäuser, die zu DDR-Zeiten von der FDJ geleitet worden sind. Und sehr viele von diesen neuen kulturellen Dingen, ob nun Techno, Hardcore oder Punk, ist in der Nachwendezeit vor allem von Jugendlichen gemacht worden. Also weniger von gestandenen Kulturinstitutionen, sondern von jungen Menschen, die sich nach dem „do-it-yourself“-Prinzip mit anderen zusammengetan und Konzerte veranstaltet haben. Im Macht-Vakuum der Nachwendezeit, wo eben noch nicht jede Immobilie verteilt war, konnte man unglaublich viel spontan machen. Wie eben die Distillery – da wurde in einer alten Brauerei einfach ein Keller genommen. Da wurde niemand vorher gefragt, da wurde einfach nur eine Tür eingebaut und dann hat man da samstags Techno-Parties veranstaltet.

m: Trotzdem entsteht die lebendige kulturelle Szene zurzeit eher im Osten und Westen der Stadt. Ist die große Zeit von Connewitz vorbei?

L: Also Connewitz hatte, glaube ich, nie den Anspruch der Nabel der Welt zu sein. Im Gegenteil: Es ist total schön, dass es aus dieser Nische herausgeht, die auch immer eine Begrenzung, ein Gefängnis war. Und dass man jetzt in ganz Leipzig Dinge finden kann, die es in den ersten zehn, 15 Jahren nur in Connewitz gab. Das wird Connewitz vielleicht auch wieder ein stückweit normaler machen. Dass eben nicht immer auf Connewitz gezeigt wird, als wäre es ein rechtsfreier Raum, wo man nur mit Hassmaske rumläuft und die Häuser aussehen wie Dresden 1945. Das ist ja weit von der Realität entfernt. Also ich find das sehr schön, das in vielen Stadtteilen etwas passiert. Das hat ja auch was damit zu tun, dass es in anderen Stadteilen noch Freiräume gibt. In Connewitz kann man keine Ladenlokale mehr anmieten, zumindest keine preiswerten. Aber in Lindenau und Reudnitz ist sowas noch möglich. Ich hoffe, dass das auch so bleibt. Dass nicht in zwei, drei Jahren wieder Läden ausziehen müssen, weil sie feststellen, die Mieten hier kann ich mir nicht mehr leisten.

 

Kommentare

Nun als Urconnewitzer kann ich dazu sagen, das es bereits ab ca. 1987 eine kleine Gruppe von Punks Gruftis etc. in Connewitz gab. Das waren so an die 15 bis 20 Leute die zwar nicht ständig alle zusammen hingen, wie eine Clique, aber man kannte sich natürlich untereinander. Leute wie Keule, Kabisch, Holly, Enni, Fox, Böhle, Horror-Krause, Oona (R.I.P.), Schwebe, Ede und noch einige andere gehörten dazu. Durch Kontakte, Treffen usw. wurden es so langsam immer mehr. Einige hatten schwarz bezogene Wohnungen, dort traff man sich zur feucht-fröhlichen Party, da kamen dann auch Punks aus anderen Städten vorbei.
Ich würde nicht sagen das es nur Zufall oder an der Connewitzer Alternative e.V. lag, das sich alles ab 89/90 auf Connewitz konzentriert hat. Sondern auch, weil es eben schon diese kleine subkulturelle Szene vor 89 in Connewitz gab und diese dann durch ihre Kontakte Leute anzog die dann wieder andere mitbrachten usw. Es standen ja jede Menge Häuser leer...

@Connewitzer Ich war seinerzeit bis zu meiner Ausreise nach Mosambik Gründer und Leiter des Connewitzer Alternative e.V. Da ich selbst über Jahre in einem Hinterhaus der Stöckartstr. 13 gewohnt und die legendären Hinterhofkonzerte organisiert habe, kann ich bestätigen, daß Connewitz schon vor der Vereinsgründung sehr gemischt war, da gehörten ebenso Punks wie auch viele Mosambikaner zum Strassenbild.

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