Musik-Highlights: KW 42

Die Welt geht noch nicht unter

Zeit für die großen Gefühle: Open Mike Eagle rappt über seine gescheiterte Ehe, James Blake besingt die Quarantäne und The Screenshots schreien "j@@@@@@@". Herzlich Willkommen bei den Musikhighlights!
KW 42
Die Musikhighlights in dieser Woche

Unser Album der Woche kommt von Emmy the Great und trägt den Titel "April/月音". Eine ausführliche Rezension findet ihr hier.

The Screenshots - Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee

Album-VÖ: 16.10.2020

Karacho! Das R.O.C.K.kollektiv die „The Screenshots“ ist zurück. Das heißt: Endlich wieder normal gute Musik. Endlich elf Tracks, die alle so ein bisschen klingen wie „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller. Endlich wieder Sounds, die inspirierend (Susi Bumms am Bass), motivierend (Susi Bumms am Bass) oder einfach klasse (Susanne Bumms am Mikrofon) sind.

Trotzdem gibt es auf „Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“ Songs, die besser sind als andere. So zum Beispiel die Keysingle „Träume“. Der Track hört sich so an, als würden Jimi Blue, Wilson Gonzales und die Wilden Kerle in ihr Geheimquartier fahren, nachdem sie den Dicken Michi endgültig besiegt haben. Featuregast LGoony klingt auf dem Song wie einer von den Killerpilzen oder wie der eine, der mal in der Kinderband „Apollo 3“ gesungen und auch in „Vorstadtkrokodile“ mitgespielt hat.

Auch der Deepcut „Für immer niemals da“ ist ein Highlight, weil hier Frontsänger und Texter Dax Werner so verletzlich wie nie klingt, ja, regelrecht einen Blick in seine Seele erlaubt. Es ist Gefühlshochsprung, ein Gänsehautmoment - es ist ein Rockstar „on the edge“.

Selbstbewusst und fotogen
Rauchen am Baggersee mit Alkopops
Die Ärzte in Hannover
Ein cooles Mofa
Mein erstes Mal mit 14 - ohne mich
Es ist wahr, es ist wahr
Ich war nie da

Dax Werner und The Screenshots in "Für immer niemals da"

„Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee“ ist aber meistens voller Power und Energy. Fast alle Tracks sind laut genug, damit man sie auf der vollbefahrenen A9 Richtung Leipzig noch auf normaler Lautstärke hören kann. Noch ein Pluspunkt: Man kann die Songs problemlos seinen Freund*innen zeigen, es sollte nichts Unerwartetes passieren.

Und während Olli Schulz auf seinem Hausboot noch überlegt, welche seiner befreundeten Bands die „The Screenshots“ eigentlich nachmachen, streamlinen die drei sympathischen NRWler Musik, die diskursiv hart erarbeitet, politisch brandgefährlich und gleichzeitig sehr intim ist. Es ist für those who know. Nach dieser Platte kann eigentlich nichts mehr anbrennen; es steht 1:0 für die „The Screenshots“.

Scott Heinrichs

Open Mike Eagle - Anime, Trauma and Divorce

Album-VÖ: 16.10.2020

Drei Jahre lang hat es bis zum Release des neuen Albums “Anime, Trauma And Divorce“ von Open Mike Eagle gedauert– doch das Warten hat sich mehr als gelohnt. Wie schon der Titel vermuten lässt, bekommen die Hörer*innen auf der Platte Einblicke in sein Privatleben. Auf zwölf Tracks verarbeitet der Rapper eine schwierige Zeit, die geprägt ist von Krisenbewältigung und Zerrissenheit. So werden vor allem vergangene Traumata, seine Scheidung und die Konfrontation mit sich selbst thematisiert.

Took a bad fall, bad fall
Look, but we had nothing to land on

Open Mike Eagle in "Death Parade"

Dabei überzeugen die hauptsächlich gerappten Songs mit künstlerischer Vielfältigkeit. Open Mike Eagles Gefühlswelt ist sehr chaotisch, was durch die abwechslungsreichen Tracks verstärkt wird. Klavierakkorde und instrumentale Verzerrungen bringen die Ruhe in Songs, wie z.B. in den Tracks „Everything Ends Last Year“ und „The Edge of New Clothes“. Dahingegen spielt der Bass beim Track „Asa’s Bop” eine entscheidende Rolle und bietet die Gelegenheit für einen aggressiveren Rapstil.

Das neue Album hat musikalisch, als auch textlich einiges zu bieten. Er erlaubt es den Hörer*innen, sich in seine Gefühlslage zu versetzen, insbesondere durch seine offene Art emotionale Themen anzusprechen. Das macht "Anime, Trauma and Divorce" wohl zu seiner persönlichsten Platte.

Lia Fuchs

James Blake - Before

EP-VÖ: 14.10.2020

Diffus, dynamisch und immer innovativ: Mit seiner neuen EP „Before“ unternimmt James Blake einen
deutlichen Schritt hin zu tanzbarer Clubmusik. Für den Spagat zwischen hauchiger Singer-Songwriter
Stimme und experimentellen Elektro-Beats ist er schon länger bekannt, diesmal legt Blake aber im Tempo einen Zahn zu. Im Unterschied zu seinen DJ-Anfängen ist auf „Before“ neben den schnellen Beats und Synthesizern auch seine eigene Stimme zu hören. Diese klingt fragil und kraftvoll zugleich und erzählt von persönlichen Empfindungen, was den vier Songs trotz Upbeat-Tempo eine gewisse Tiefe und Schwere verleiht:

I must be in pain cause I’ve never needed anyone before
Well nothing’s in vain
Cause I’ve never had it as good before

James Blake im Titelsong „Before“

Einen ersten Einblick in die EP gewährte Blake bereits einen Tag vor Veröffentlichung in einem
Werbeclip für den US-Autohersteller Cadillac. Dort sprach der Brite unter anderem über das Produzieren und Veröffentlichen von Musik inmitten einer Pandemie:

Honestly it’s a really strange time to release music. I still want to give people music - I still want to have that release myself.

James Blake im Cadillac-Werbespot

Blake setzt mit der EP seine Reihe an Releases der vergangenen Monate fort. Nach Singles wie „You’re Too Precious“ oder dem zuletzt veröffentlichten slowthai-Feature „feel away“ ist „Before“ bisher jedoch sein umfangreichstes Werk 2020.

 „Before“scheint wie eine sehnsüchtige Erinnerung an vergangene Clubnächte. Das zeigt sich auch im Musikvideo zum Titelsong, in dem mehrere Tänzer*innen in ihren eigenen Wohnungen zu sehen sind. Bis zu James Blakes neuen Tracks in den Clubs getanzt werden kann, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Nelly Brändle

Orla Gartland - Pretending

Single-VÖ: 16.10.2020

Songs mit der Gitarre covern und das Ganze dann auf YouTube hochladen – ein beliebtes Vorgehen unter jungen Musiker*innen, wenn auch ein verpöntes. Zwar kann ein clever umgesetztes Cover auf der Plattform für ordentlich Aufmerksamkeit sorgen, in der Musikindustrie werden die Künstler*innen später aber selten ernstgenommen. YouTube gilt als uncool und seine musizierenden Nutzer*innen als Nerds. Ein Stigma, das sich nur schwer ablegen lässt.

Orla Gartland hat das geschafft: Vor zehn Jahren begann sie, Coverversionen und eigene Songs auf ihrem Kanal zu veröffentlichen. Die 24-jährige Irin hat sich über die Jahre eine treue Fanbase und jede Menge Können erspielt. Mittlerweile hat sich auch im eher traditionell orientierten Teil der Branche rumgesprochen: Gartland schreibt jugendlichen, raffinierten Indie-Pop mit möglichst simpler Instrumentierung. Ihr neuer Song „Pretending“ ist ein weiteres Beweisstück für ihr großes Talent in Sachen Songwriting: Dank einer zunächst sachten, aber zielstrebigen Gitarre und glasigen Streichern hält der Track einen beachtlichen Spannungsbogen. Ein eingängiger, aber erfrischender Sound, den sich Gartland über die Jahre in ihrem Schlafzimmer erarbeitet hat – und für den sie selbstbewusst einsteht.

Ihrer YouTube-Community ist sie bis heute treu und lädt nach wie vor reichlich Akustikversionen und Home-Sessions hoch. Dem Publikum gefällt’s – und Orla Gartland macht klar, dass ihr Fleiß und Talent herrschende Vorurteile schließlich aushebeln.

Ariane Seidl

 

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Direkt bei Spotify reinhören:

The Screenshots - "Zwei Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee"

 

Open Mike Eagle - "Anime, Trauma and Divorce"

 

James Blake - Before

 

Orla Gartland - "Pretending"

 

 

Alle Musiktipps und noch weitere gibt's in unserer Playlist "faust aufs auge"!