Zu Besuch in Leipzig

Die Twitter-Oma

Sie ist die alte Dame, die jeder kennt: Renate Bergmann. Bei Twitter schreibt sie täglich über Bohnerwachs, Pralinen und ihren geliebten Doppelkorn. Torsten Rohde ist der Kopf hinter Renate Bergmann. Wir haben ihn getroffen.
Torsten Rohde ist Renate Bergmann - und Anke Siefken auch. Er schreibt, sie spielt.

Das ganze Interview mit Torsten Rohde alias Renate Bergmann und weitere Hintergründe hier zum Nachhören: 

Christina Reißing interviewte Torsten Rohde und erklärt alle Hintergründe über die "Twitter-Oma"

Herr Rohde, warum haben Sie angefangen, als Renate Bergmann zu twittern?

Die Frage ist mit einem Warum ganz schwer zu beantworten. Es hat sich irgendwie so ergeben. Ich hab angefangen, über meine Tante und meine Oma zu twittern. Und daraus entstand so eine Kunstfigur, weil ich’s halt nicht persönlich auf meine Verwandten beziehen wollte. Und diese Kunstfigur Tante Renate fand großen Anklang. Und jemand meinte dann: Die braucht einen eigenen Account. Und dann habe ich in einer Phase von Langeweile mal einen eigenen Account angelegt.

Und woher haben Sie die ganzen Ideen? Da kommt ja täglich mehrmals was von Ihnen. Wo nehmen Sie das alles her?

Das sind zum Teil wirklich Erinnerungen an meine Omas, die ich alle noch persönlich kennenlernen durfte. Und zum anderen Beobachtungen aus dem Alltag. Darüber hinaus habe ich den Vorteil, dass einer älteren Dame von 82 auch niemand vorwirft, wenn sie sich mal wiederholt.

zwei volle Gulaschtöpfe
Renate Bergmann sorgt vor.

Haben Ihre Omas oder Tanten noch was davon mitbekommen, was Sie so mit Ihrem Alter Ego Renate Bergmann treiben? Und wenn ja: Was sagen die dazu?

Also eine meiner Omas lebt noch. Die ist jetzt 79, nächstes Jahr wird sie 80. Sie dackelt mit ihrem Rollator durchs Dorf und ist ganz stolz. Sie hat vorne auch immer so ein, zwei, drei Büchlein liegen. Und wenn jemand vorbeikommt, der noch kein Buch hat, der hat hinterher eins. Dem verkauft sie dann aus ihrem Rollator heraus ein Büchlein.

Gibt’s was, was bei alten Damen allgemein nervig ist? Apothekenumschau und Vorkochen?

Nervig ist da absolut das falsche Wort. Auch, wenn man sagt, das sind alles Klischees: In 80 Prozent der Fälle findet man die dann ja so bestätigt wieder. Und mir sagen auch ganz viele alte Leute, die das lesen: Ich bin genauso. Ich muss es zugeben, ich bin genauso.

Brötchen
Hungern muss bei Renate Bergmann jedenfalls keiner.

Die Fotos, die bei Twitter und Facebook so viel Erfolg haben, wo haben Sie die alle her? Zum Beispiel das von dem Korn zwischen den Handtüchern?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal geht man einfach durch eine Einkaufsstraße und sieht da irgendwie einen Kleiderständer voll mit Kittelschürzen. Dann mach ich selber ein Foto. Aber ganz viel kriege ich auch geschickt. Also das, was Sie ansprachen, der Korn in den Handtüchern, das ist von meiner Tante. Die sind dabei, das Schlafzimmer umzubauen. Und sie räumt ihren Kleiderschrank aus und fand da tatsächlich zwischen ihrer Wäsche eine Flasche Korn. Dann hat sie mir sofort ein Foto geschickt und hat gesagt: Mach mal was draus. Weil jeder mittlerweile ja so diese Eckpunkte kennt: Renate, Korn, alte Frau, Spitzentaschentuch. Da krieg ich immer Fotos von allen möglichen Leuten geschickt.

Und den Korn hatte sie da wohl gelagert für schlechte Zeiten?

Ich kann das nicht sagen. Ich hab das nicht hinterfragt. Ich hab mir auch so meine Gedanken gemacht. Aber ich dachte mir: Okay, ich nehme es einfach so, wie es ist. Möchte ich gar nicht wissen, welche Geschichte dahintersteckt.

Flasche Korn im Kleiderschrank
Ohne Korn geht nichts.

Haben Sie zu Hause da jetzt so ein Post-It-Labyrinth, wo Sie die ganzen Figuren planen?

Nee, das nicht. Was ich aber wirklich mal gemacht habe, war als ich dann an das erste Buch gegangen bin, da habe ich mir dann mal so einen Zeitstrahl gemalt. Weil ich ja mal gesagt habe: Sie hat vier Ehemänner. Und wo wohnt sie? In Spandau. Aber da hat sie auch mal was von Moabit erzählt. Und da dachte ich, jetzt muss ich das mal auf die Reihe bringen. Dann habe ich die vier Ehemänner auf die Jahrzehnte verteilt und auf die Friedhöfe von Berlin, auf Ost und West. Es musste alles irgendwie schlüssig sein.

Mit der DDR hat sich Renate Bergmann auch schon öfter auseinandergesetzt, ne?

Im Grunde ist Renate eigentlich unpolitisch. Ich versuche, sie unpolitisch zu halten. Es sind jetzt wirklich nur solche Sachen, wenn es um Haltung geht. Also um Anti-Pegida oder so was. Da bin ich immer der Meinung, das hat nichts mit Politik zu tun, das hat was mit Haltung zu tun. Und da kann sie sich ruhig bekennen.

Hat sie ja auch schon getan.

Ja, richtig. Das soll auch so sein. Da hat es auch ordentlich Widerspruch gegeben. Also da hatte ich dann zwei Nächte zu tun, auf Facebook komische Statements zu löschen und Accounts zu blocken, ja.

Renate Bergmann ist ja 82 Jahre alt, ganz so jung ist das nicht mehr. Altert Renate Bergmann? Wird sie irgendwann sterben?

Das hoffe ich nicht! Also Renate als Figur bleibt 82. Das wird sonst irgendwann unglaubwürdig, wenn sie dann 88 ist oder so und dann immer noch mit dem Handy spielt, denke ich. Und deswegen habe ich irgendwann entschieden: Sie bleibt 82. Und das funktioniert, glaube ich, ganz gut so.

 

Mit Musik von: Spionek - "Nostalgia" und "Camel" (CC-BY-NC-SA 3.0)

 

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Christine Reißing
15.10.2015 - 11:24
  Kultur

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