Frisch Gepresst: Grimes

Die Spaß-Apokalypse

Die kanadische Pop-Innovatorin Grimes feiert mit Miss Anthropocene ihre lang ersehnte Rückkehr. Darauf versucht sie ihren wilden musikalischen Stilmix mit ernsten Themen zu vereinen. Kann das gelingen?
Futuristisches Animé-Girl Claire Boucher aka Grimes

Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass die kanadische Künstlerin Claire Boucher unter ihrem Künstlernamen Grimes ihr letztes Album Art Angels herausgebracht hat. Auch wenn seit der Veröffentlichung dieses knallbunten Kritikerlieblings kaum Musik veröffentlicht hat, kann man trotzdem kaum behaupten, sie sei untergetaucht. Vielmehr hat Grimes gerade in den letzten Jahren ein großes Maß an medialer Aufmerksamkeit erfahren, vor allem durch ihre Beziehung mit dem kontroversen Tech-Milliardär Elon Musk. Der Sprung ins große mediale Rampenlicht wirkt ungewöhnlich für eine Künstlerin, die mit schräger, eigenständig produzierter Indie-Musik auf sich aufmerksam gemacht hat. So ließ sich das US-Musikmagazin Pitchfork in einer Besprechung ihres neuen Albums sogar dazu hinreißen zu schreiben, Miss Anthropocene sei „ihr erstes Album als waschechter Popstar“. Mit Blick auf ihre Streaming-Zahlen muss Grimes zwar noch immer eher als Kult-Act für ein Szenepublikum gesehen werden. Fest steht jedoch: Die öffentliche Wahrnehmung von Grimes hat sich stark verändert. Auch Miss Anthropocene wird davon beeinflusst.

Stil gegen Substanz

Dabei zeigt sich Grimes im Opener „So Heavy I Fell Through the Earth“ noch von ihrer besten Seite. Der Song baut mithilfe von basslastigen, elektronischen Beats und Synthie-Gewaber eine große Spannung auf, die durch die später einsetzenden Gitarrentupfer und Grimes immer höher werdende Stimme noch akzentuiert wird. Die starken Hall-Effekte erzeugen ein Gefühl von Weltraum und (ironischerweise) Schwerelosigkeit, das unmittelbar in den Bann zieht. Der Song ist ein im besten Sinne verträumtes Stück Dream-Pop, das jedoch keine Gefahr läuft, zu bloßer Hintergrundbeschallung zu verkommen. Ein so epischer Track hätte auch gut als Centerpiece des Albums getaugt.

Auch der nachfolgende Track „Darkseid“ ist ziemlich typisch Grimes. Wie schon auf Art Angels hört man hier chinesische Vocals von Gaststimme PAN . Im Gegensatz zum Vorgängeralbum ist der Song jedoch, wie auch der Rest von Miss Anthropocene, deutlich düsterer, unter anderem mit Einflüssen aus Industrial-Musik. Neben den chinesischen Lyrics wiederholt der Song nur die Zeile „Unrest is in the soul. We don’t move our Bodies anymore“. Grimes macht hiermit ebenso wie mit dem Album-Titel und-Cover klar: Sie möchte uns etwas mitteilen. Was genau das ist, das kann man nach Hören von Miss Anthropocene jedoch nur bedingt sagen. Offensichtlich, so viel hat Grimes in Interviews erklärt, geht es dabei um den Klimawandel (Daher auch der etwas zu clevere Titel, eine Mischung aus „Misanthrop“ und „Anthropozän“, dem Zeitalter der vom Menschen geprägten Erde). Ein wirklich einheitliches Statement lässt sich dem Album jedoch nicht entnehmen. Grimes' Texte bleiben entweder vage oder haben thematisch schlicht keinen erkennbaren Bezug zu aktuellen Thematiken. Am konkretesten wird Miss Anthropocene auf den Songs „My Name Is Dark“ und „Before the Fever“, auf denen von einem bevorstehenden Weltuntergang die Rede ist, in dessen Angesicht wir nur Party machen. Wie steht Grimes zu dieser Attitüde? Den tanzbaren Klängen nach scheinbar positiv. Wenn dann etwa in „Darkseid“ und in der Vorabsingle „We Appreciate Power“, die nur auf der Deluxe-Version des Albums noch zu hören ist, scheinbar auf die Gefahr eines Zerfalls der Menschheit durch Technologie hingewiesen wird, wirkt das doch ziemlich hohl. Das liegt nicht nur an Grimes' Beziehung zu Fortschritts-Fetischist Elon Musk oder ihren eigenen Kommentaren, sondern auch am futuristischen Klang ihrer Musik. Ein Album, das die Ästhetik der Künstlichkeit so sehr zelebriert wie Miss Anthropocene (siehe auch das Artwork), kann ernsthafte Kritik an der Geschwindigkeit technologischen Fortschritts kaum wirkungsvoll vermitteln.

Everything Is Awesome

Das soll jedoch nicht heißen, dass diese Ästhetik keinen klanglichen Reiz hätte. Grimes bleibt eine fantastische Produzentin, die den Kontrast zwischen organischen und elektronischen Klängen sowie ihrer extrem diversen musikalischen Einflüsse zu einem einzigartigen Ganzen verschmelzen lässt. Als homogen kann man die entstehende Mischung zwar beim besten Willen nicht bezeichnen; Grimes' Sound war auch bisher vor allem für hyperaktive Stil- und Stimmungswechsel bekannt. Dafür lässt aber auch Miss Anthropocene zu keiner Sekunde Langeweile aufkommen. Das offensichtlich hohe Produktionsbudget fährt dabei auch mit einem Sound auf, für den sich die Anschaffung einer guten Stereo-Anlage tatsächlich mal wieder lohnt. Auch die mangelnde inhaltliche Tiefe lässt sich schnell verzeihen, da das Album trotz der überschwänglichen künstlerischen Prätensionen (mehr als ein Song wird in der Album-Version als „Art Mix“ bezeichnet) vor allem Spaß macht und sich auch textlich die meiste Zeit auf Themen wie „Partys“ und „Liebe“ beschränkt, mit denen sich Grimes nicht zu weit von den Standards der Pop-Musik wegbewegt. Das Alleinstellungsmerkmal von Grimes bleibt ihre große Vielfalt an musikalischen Einflüssen. Von J-Pop, über Boom-Bap-Hiphop, bis hin zu Bollywood-Musik und jeder Menge 90er-Trash wird hier so ziemlich alles in einen Topf geworfen. Wenn dabei am Ende trotzdem ein straighter Dance-Track wie das hart groovende „Violence“ rauskommt, wirkt das schon fast wie ein Ruhepol.

Fazit

Grimes macht es ihren Kritikern mit Miss Anthropocene nicht leicht. Einerseits bietet das Album inhaltlich jede Menge Angriffsfläche: Die Ideen zu Klimawandel und technischem Fortschritt wirken wenig durchdacht; Grimes' persönlicher Ballast lässt sich leicht auch auf die Interpretation ihrer Texte beziehen. Andererseits macht die Kanadierin genau da weiter, wo sie mit ihrem gefeierten Vorgänger Art Angels aufgehört hat und liefert mit ihrem wilden Stilmix ihre ganz eigene Version von Popmusik ab, die zahlreiche großartige Sounds und Melodien bereithält und immer noch weit vom Mainstream entfernt bleibt. Im Ergebnis entsteht so der Eindruck einer eigensinnigen, ruhelosen Künstlerin, die ihre Aufmerksamkeit nie vollständig einer einzelnen Idee widmen kann, bevor sie schon wieder dem nächsten Impuls folgt. Für Diskurs-Fanatiker mag das frustrierend sein. Unterhaltsam ist es aber auf jeden Fall.

 

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Grimes: Miss Anthropocene

Tracklist:

  1. So Heavy I Fell Through The Earth *

  2. Darkseid

  3. Delete Forever

  4. Violence *

  5. 4AEM *

  6. New Gods

  7. My Name Is Dark *

  8. You'll Miss Me When I'm Not Around

  9. Before The Fever

  10. IDORU

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 21.02.2020
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