Wie sehbehinderte Menschen PCs nutzen

"Die Seite muss ich erst verinnerlichen"

Dank Sprachsoftwares und Tastaturen mit Blindenschrift kommen sehbehinderte Menschen gut im Netz zurecht. Doch am Arbeitsplatz drohen unüberwindbare Hürden, weil viele Computerprogramme nicht barrierefrei sind.
Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, an seinem Arbeitsplatz.
Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, an seinem Arbeitsplatz.

Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, erklärt, wie sehbehinderte Menschen mit Smartphones und Computern arbeiten: 

Thomas Kahlisch, Direktor der DZB, erklärt, wie sehbehinderte Menschen mit Smartphones und Computern arbeiten.
 

Zwischen der Sprachsoftware "Siri" und Thomas Kahlisch gibt es ein Missverständnis. Der Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, der selbst erblindet ist, wollte mit seinem Smartphone demonstrieren, wie schnell er es auf die Internetseite von mephisto 97.6 schafft. Doch das Sprachprogramm "Siri", das Kahlisch auf seinem iPhone nutzt, schlägt ihm eine nicht jugendfreie Seite vor, die Kahlisch schnell wegdrückt. Er kichert: "Das ist natürlich eine sehr interessante Ansage. Die hab ich bis jetzt wirklich noch nie gehabt." 

"Eine Webseite kann ich nicht auf einen Blick erfassen"

Also probiert der DZB-Direktor den manuellen Weg: „Ich rufe nochmal 'Safari' auf und werde jetzt einfach mal die Internetadresse von mephisto eingeben. Dazu muss ich diese Tastatur benutzen.“ Aber auch das gestaltet sich umständlich: Jeden Buchstaben einzeln mit der Tastatur einzugeben, dauert eine gute Minute. Dann ist die Seite endlich aufgerufen. Mit dem Zeigefinger wischt Thomas Kahlisch von links nach rechts und wählt nacheinander die Überschriften und Links auf der Webseite aus. So findet er doch noch einen Inhalt, nämlich einen Sportartikel. Für manchen nicht Sehbehinderten sieht das ziemlich kompliziert aus – aber Kahlisch widerspricht:  

Der Punkt ist ja der, dass ich als blinder Anwender nicht mit einem Blick erfassen kann, was für mich spannend ist, und dann darauf klicken kann. Ich muss erstmal die Struktur der Seite verinnerlichen. 

Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) 

Im Interview erklärt Thomas Kahlisch, wie er mit seinem iPhone durchs Netz kommt.
 

An seinem Arbeitsplatz nutzt der DZB-Direktor einen Desktop-PC, der ebenfalls mit einer Vorlesefunktion ausgestattet ist. Unverzichtbar ist für Thomas Kahlisch außerdem die Braillezeile: Eine zweite Tastatur mit Blindenschrift, die auf Knopfdruck einen Bildschirmausschnitt in Brailleschrift darstellt. Dafür ragen winzige Kristallköpfe aus Hunderten kleinen Löchern in der Tastatur. 

Wenn man sich überlegt, eine Tabelle auszufüllen oder Mathematik am Computer zu machen, dann funktioniert das ohne die [Braille-]Schrift nicht, weil ich die Informationen des Textes eins zu eins auch in Blindenschrift anzeigen kann.

Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB)

"Als Mitarbeiter muss ich mit den gleichen Werkzeugen arbeiten"

Eine Braillezeile kostet zwischen 5.000 und 10.000 Euro. In Deutschland übernimmt das die gesetzliche Krankenkasse. Aber bei den Computerprogrammen am Arbeitsplatz stehen sehbehinderte Menschen manchmal vor unüberwindbaren Hürden. Denn private Softwareentwickler sind nicht verpflichtet, barrierefrei zu programmieren. Für Thomas Kahlisch ein großes Problem: 

Wenn ich als Mitarbeiter in einer Firma arbeiten möchte, dann ist es natürlich so, dass ich da mit den gleichen Werkzeugen arbeiten möchte und muss wie meine sehenden Kollegen. Und deshalb heißt das, dass die eingesetzte Software auch barrierefrei gestaltet werden muss. 

Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB)​

Wenn zum Beispiel eine Buchhaltungssoftware die Vorlesefunktion nicht unterstützt, dann kann ein sehbehinderter Mitarbeiter noch so clever oder qualifiziert sein: Er kommt für den Job dann nicht infrage. Deshalb betont Thomas Kahlisch, dass er keine Sonderlösungen möchte. Stattdessen wünscht er sich, dass Softwares universell designt werden und die Barrierefreiheit – für den Fall, dass sie benötigt wird – schon unter der Motorhaube steckt. 

 

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