Literatur

"Die Sachen haben einen Biss!"

Wie viele Künstler rieb sich Thomas Brasch an der DDR, deswegen klingen seine Gedichte oft so roh und emotional. Deswegen verstummte er nach dem Fall der Mauer beinahe. Seine Schwester Marion Brasch erinnert an sein Leiben und seine Kunst.
Thomas Brasch 1993

Pro und Kontra

Die Familiengeschichte der Braschs klingt dramatisch: Der Vater war stellvertretender Kulturminister, fiel jedoch immer wieder unangenehm auf, wurde zurückgestuft, versetzt. Das Leben in der DDR war geprägt von zahlreichen Entbehrungen, die die Mutter nicht ertragen konnte. Auch die drei Söhne der Familie übten Widerstand, allen vorran der Älteste, Thomas. Er kam ins Gefängnis, wegen des Verteilens von Flugblättern, seine Haltung gegenüber dem Regime kostete ihn immer wieder die Anstellung. Schließlich wanderte er aus und ging in den Westen, wo er auch nicht ruhiger wurde, seine Texte waren immer noch hart und kompromisslos und da war immer noch ein großes Verständnis für die DDR, die zum Beispiel zu einem Skandal bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises führte. Er galt als Hoffnungsträger für Lyrik, Theater und Film, gerade wegen des Widerspruchs, den er immer wieder suchte. Doch nachdem die DDR nicht mehr war, begann es still um den Künstler zu werden, dem immer mehr die Reibung fehlte, der sich vermutlich in Drogen verlor. Nach seinem Tod 2001 ist er fast vergessen, dagegen arbeitet seine kleine Schwester Marion.

 

Unschuldige Erinnerungen

2012 machte die Journalistin Marion Brasch die Geschichte zum Thema ihres ersten Romans "Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie". Doch es sind keine bloßen Erinnerungen, denn Marion Brasch erzählt nicht aus einem Heute heraus. Sie versetzt sich mit literarischer Freiheit zurück in die junge Marion, die ihrem Vater treu blieb, die das abenteuerliche Leben ihrer großen Brüder bewundert und selbst ihren Weg sucht. Dabei vermeidet sie, Geschehnisse zu sehr auszudeuten; sie nimmt eine naive Position ein: die eines Mädchens, das noch nicht alle Zusammenhänge nachvollziehen kann. Dadurch bekommt der Roman einen sehr angenehmen Ton, der weder weinerlich, noch heroisch ist, der aber gefühlvoll und authentisch ist. Sie beschreibt das Auf und Ab ihrer Familie, in dem sich die Geschichte und das Leben der DDR wiederspiegelt und sie erinnert an Künstler, die immer noch Beachtung finden sollten.

Während ich noch mit den Ritualen des Erwachsenwerdens beschäftigt war, hatte mein ältester Bruder schon ein Buch geschrieben. Es handelte von unzufriedenen Arbeitern und von zornigen jungen Männern, die sich mit alten Antifaschisten über den Kommunismus stritten, an die Ostsee fuhren und die gleiche Frau liebten. Und weil er davon erzählte, wollte das Land seine Geschichten nicht haben.

"So geht das nicht," sagte der Verlag.

"So wie ihr das wollt, geht es auch nicht," sagte mein Bruder und nahm sein Manuskript wieder mit.

 

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe.

Ein Schrei gegen Widersprüche

Heute ist Thomas Brasch vielen unbekannt. Zu seinem 70. Geburtstag gibt es keine großen Retrospektiven, keine Neuinszenierungen seiner Stücke. Aber eine umfassende Sammlung seiner Gedichte, die erst einmal zeigt, wie wenig der Dichter eigentlich veröffentlichen konnte. Vielleicht wegen der melancholischen klagenden Stimmung.

Doch hast du sie wirklich errettet? / War dein Tod den Tod denn wert? / Du glaubtest, / liebtest, / haßtest, / kämpftest, / siegtest, / starbst / für eine Zukunft / ohne dich / und dachtest: / Sie wird schön für meine Kinder.

Thomas Brasch: "Der Tod des Helden"

Der Leser hört, dass Thomas Brasch ein Kind seiner Zeit ist: Die Themen sind Krieg und der Kulturkampf am Eisernen Vorhang. Er erzählt viel in seinen Texten - von Menschen, die rebellieren, die das System unterwandern, aber die auch immer wieder scheitern. Der Klang der DDR ist dabei immer zu vernehmen, gegen die er genauso schrieb wie gegen alle Systeme. Das erschwert den Zugang vielleicht zunächst, doch unter dieser Zeitanalyse liegt selbstverständlich mehr Gefühl. In seinen Gedichten zeigte sich Brasch als Meister der Sprache. Seine Verse klingen unangestrengt und fließend. Eingegossen ist der Titel gebende Schrei, in dem Zorn liegt, Wunsch und Verzweiflung - Gefühle, die auch heute noch in jedem schwelen.

Moderator Andreas Funke im Gespräch mit Marion Brasch und Andreas Keller
Brasch
 

Kommentieren

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie

erschienen im S. Fischer-Verlag

400 Seiten, 9,99 Euro

Thomas Brasch: Vor den Vätern sterben die Söhne. Erzählungen

erschienen im Rotbuch-Verlag

144 Seiten, 12 Euro

Thomas Brasch: Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte

Erschienen bei Suhrkamp

1029 Seiten, 28 Euro