Tod von Gunter Gabriel

Die Romantik des Niedergangs

Country- und Schlagersänger Gunter Gabriel ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Unser Redakteur hatte eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Ein Nachruf.
Die Gitarre hatte Gunter Gabriel fast immer dabei

Am Nachmittag erreichte mich um halb fünf eine Whatsapp-Nachricht von meinem Bruder. Erst mal nichts besonderes, aber der Inhalt ließ mich aufhorchen. „Gabriel ist tot“. Ich so: „Welcher?“

Mein Bruder: „Gunter Gabriel! Dein Gunter.“ Mein Gunter, das klingt etwas befremdlich. Ich hatte ihn nie persönlich getroffen und war auch nicht ein verliebter Groupie. Aber irgendwie klang das für mich nicht ungewönhlich. Mein Gunter. Warum? Dafür müssen wir ein Jahr zurück.

Letzte Ausfahrt Dschungelcamp?

Im Jahr 2016 machte Gunter Gabriel nämlich beim RTL-Dschungelcamp mit. Ja, ich gucke das Dschungelcamp – es tut mir leid. Dort saß er also, dieser damals 73-Jährige neben den üblichen gescheiterten Persönlichkeiten. Und auch Gabriel war ja irgendwo ein Gescheiterter. Der deutsche Johnny Cash – so wurde er häufig genannt und jetzt war seine letzte Ausfahrt in der Verwertungskette das Dschungelcamp.

Aber was ich dann schnell merkte, als ich mich näher mit seiner Vita beschäftigte: Dieser Mann war schon so oft gescheitert, da war das Dschungelcamp das kleinste Problem. Vier Ehen an die Wand gefahren, Alkoholsucht und natürlich – wie immer – das liebe Geld. Mit dem er nicht umgehen konnte. Was er immer wieder naiv verscherbelte. Der Typ war eigentlich so mitgenommen vom Leben und doch nicht unterzukriegen. Viele andere wären verzweifelt, er macht einfach die „Romantik des Niedergangs“ daraus.

Im Grunde war Gabriel ein Lebenskünstler, der jetzt wie ein Guru im Dschungelcamp saß und dem man abkaufte: Ich habe schon alles erlebt.

Dieser Typ ist wahnsinnig

Als ich mir vergangenen Winter endlich seine Autobiografie anhörte, wusste ich, dass das wirklich stimmte: Dieser Mann hatte alles erlebt. Nächtliche Verfolgungsjagden im Liebeswahn, Aufenthalt in der Klapsmühle, eine Zeit hatte er in einer Werkstatt gewohnt. Ich dachte mir die ganze Zeit: Dieser Typ ist wahnsinnig. Aber er war eben auch wahnsinnig unterhaltsam.

Meine Gunter Gabriel-Obsession führte schließlich so weit, dass ich meinen Kumpels Lieder von ihm vorspielte. Eins davon war der Song "Intercity-Linie Nummer 4":

Natürlich haben wir das nur ironisch abgefeiert. Und in unserer Albernheit kamen wir dann irgendwann auf folgende Idee: Wir machten es einfach mal in der Tram laut an: Natürlich in der Intercity ... äh ... Tramlinie Nummer 4 nach Gohlis. Peinlich, aber wir hatten unseren Spaß. Ein paar Tage später wollte ich diesen Song auch mal auf einer WG-Party ausprobieren.  Ich war zwar besoffen, aber bildete ich mir das nur ein? Zu diesem Song wurde tatsächlich getanzt. Wenn Gunter das erfahren hätte, hätte er bestimmt schallend gelacht.

Einkaufszentrum oder Scheißhaus? - Egal!

Eines war Gabriel auf jeden Fall: ein Unikat. Einer, den es so nicht mehr geben wird in Zeiten von perfekten Stars, die keine Ecken und Kanten haben dürfen. Gabriel ist einer, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken gegangen wäre. Ja o.k., seine Musik ernsthaft betrachtet: jetzt vielleicht nicht so unbedingt was für junge Leute. Am Ende durfte er die eh gefühlt nur noch in den Einkaufszentren dieser Republik verbreiten. Aber unter dem Deckmantel der Ironie kam auch bei mir irgendwie was rüber. Er selber sagte vor ein paar Jahren im Interview mit der Leipziger Volkszeitung: „Ich hab in Kirchen gesungen, in Gefängnissen, sogar bei anderen Leuten auf dem Scheißhaus. Die Botschaft kommt überall an.“ Bei mir ist sie es auf jeden Fall.

Danke, Gunter!

 

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Paul Materne
23.06.2017 - 00:32