Digitalisierung

Die pinke Invasion

Nach einer Werbeaktion mit pinken Sattelschonern ist das Unternehmen vielen Leipzigern ein Begriff: Foodora. Der Lieferdienst für Restaurants ohne eigene Kuriere hat eine Marktnische entdeckt. Doch was steckt hinter den pinken Boxen?
Das Unternehmen präsentiert sich als Bindeglied zwischen trendigen Restaurants und dem heimischen Tisch
Das Unternehmen präsentiert sich als Bindeglied zwischen trendigen Restaurants und dem heimischen Tisch

Ein einfaches Rezept

Das Prinzip auf dem Foodora aufbaut ist simpel. Man bietet ein Portfolio ausgewählter Restaurants an. Gerne auch mal chiquer als der gewohnte "Pizza-Mann" um die Ecke. Im Pressekit des Lieferservices heißt es: „Unser Management Team hat ein klares Ziel: Die Sicht auf den modernen Lieferservice weltweit zu verändern“ – und tatsächlich besetzen Foodora und der kleinere Konkurrent Deliveroo eine Nische. Letzterer in türkis statt dem grellen pink, welches Foodora für den passenden Wiedererkennungswert gewählt hat. Für große Teile der Gastronomie wird durch den vertraglich auf einen bestimmten Provisionssatz festgesetzten Service ein neuer Markt erschlossen. Der Weg vom Restaurant ins heimische Wohnzimmer soll nicht mehr nur Fastfood vorbehalten sein, dafür sorgt ein breit verteiltes Netz von Fahrradkurieren. Das gilt zum Beispiel auch für den Georgenhof, eines der deutschen Partnerrestaurants von Foodora. Zur Kooperation gehört hierbei auch, dass der Lieferdienst den Gasthof auf seinem Youtube-Kanal vorstellt:

Schnelle Einstiegsmöglichkeiten

Es entstehen Stellen gerade für junge Arbeitnehmer, denn Internetfirmen bieten oft schnelle Anstellungen ohne langwierige Bewerbungsverfahren. Das ist besonders für Studenten auf der Suche nach einem Nebenjob besonders attraktiv. Der Journalist Jan Petter aus der Onlineredaktion von bento wagte im Dezember den Selbstversuch bei Deliveroo. Nach nur 17 Minuten Bewerbungsgespräch hätte er Vollzeit beim Lieferdienst beschäftigt sein können. Nach der Einstellung können sich die kollegialen Kontakte aber in Grenzen halten. Wenn man beispielsweise als Foodora-Kurier den anderen Mitarbeitern aus dem Weg gehen möchte, so kann man eine gesamte Schicht hindurch alleine unterwegs sein. Auch der Kontakt zum Arbeitgeber geschieht größtenteils digital, zum Beispiel über whatsapp-Gruppen. Über diese kann man sich an den "Shift Manager" wenden, den direkten Vorgesetzten. Dass dabei eine enge Verbindung zum Arbeitgeber entsteht, ist schwer vorstellbar. Dabei setzt Foodora auch darauf, seine Mitarbeiter über die Corporate Identity an sich zu binden. Pinkes Design, hippe Start-Up-Mentalität, junge CEOs: das Unternehmen möchte sich als starke Marke für die nächste Generation von Konsumenten etablieren.

Das junge Management-Team von Foodora, von links nach rechts: Emanuel Pallua, Eduardo Goes, Julian Dames, Rodrigo Sampaio
Das junge Management-Team von Foodora, von links nach rechts: Emanuel Pallua, Eduardo Goes, Julian Dames, Rodrigo Sampaio

Das junge Management-Team von Foodora, von links nach rechts: Emanuel Pallua, Eduardo Goes, Julian Dames, Rodrigo Sampaio.

Eine rosarote Welt?

„Seit Gründung im April 2015 gehen wir unseren Weg und färben dabei die Straßen rund um den Globus pink“, so heißt es im Pressekit des Unternehmens weiter. In immerhin zehn Ländern auf drei Kontinenten agiert der Dienstleister mittlerweile. Möglich wird die schnelle Expansion durch ein kulturübergreifendes Geschäftsmodell. Es gibt einen Algorithmus, nach dem die Foodora-App verfügbare Fahrer auswählt. Der funktioniert ebenso gut in Leipzig wie in Sydney. Dass die Aufträge ausschließlich durch künstliche Intelligenz vergeben werden, ändert das Verhältnis zum Arbeitgeber maßgeblich. Professor Dr. Alt vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Leipzig sagt dazu folgendes:

Dabei entsteht natürlich ein Problem gegenüber den klassischen Arbeitsmodellen. Ich denke, dass man da Wege finden wird. Das Unternehmen wird versuchen müssen, entsprechende Austauschformate für die Fahrer aufzubauen, damit diese Community nicht einfach nur eine virtuelle Community ist.

Prognose

Doch nicht nur intern muss man Foodora oder Deliveroo noch kritisch betrachten. Auch ihre Auswirkungen auf die Gastronomie sind noch schwer abzusehen. Kleine Restaurants könnten in Gefahr geraten, vom Markt verdrängt zu werden, falls sie nicht mit dem Trend gehen. Professor Dr. Alt relativiert den möglichen Effekt anhand eines prominenten Beispiels:

Ich denke, das ist genau so wie das langjährige Beispiel des Buchhandels, wo wir Anfang der Neunziger gesagt haben, als die Digitalisierung sich angebahnt hat: Das klassische Buch wird sterben! Retrospektiv muss man ja sagen, es ist passiert und es ist nicht passiert.

Und trotzdem, fast 8000 Restaurants hat Foodora bereits unter Vertrag. Eine erstaunliche Zahl, gemessen an dem kurzen Zeitraum, in welchem das Unternehmen bisher agiert. Doch die Kooperation lohnt sich nicht für jedes Lokal. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie gravierend Foodora, Deliveroo und vergleichbare Internetunternehmen den Dienstleistungssektor noch beeinflussen... und welche bisher nur geringfügig digitalisierten Branchen noch freie Nischen für junge Unternehmer und ihre Ideen bieten. Zumindest die Gastronomie hatte bis vor Kurzem eine solche Marktlücke, die sich jetzt innerhalb von nur 2 Jahren wohl endgültig geschlossen hat.

Was ein Foodora-Kurier über seine Arbeitssituation sagt, hören Sie hier:

Der Bericht von Maximilian Enderling über Lieferdienste wie Foodora.
2806 Foodora
 

Kommentare

In Berlin kämpfen seit mehreren Monaten Fahrer um bessere Arbeitsbedingungen! Auch in Großbritannien, Italien, Spanien gab es schon Demonstrationen und Streiks. Schade, dass das nicht erwähnt wird.

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